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Nahrung fürs Hirn

Kann Essen schlau machen - oder auch dumm? Studien über den Einfluss der Nahrung auf die Intelligenz von Mensch und Tier liefern verblüffende Ergebnisse.

Glaubt man der Werbung, reichen Fischölkapseln, um die Gehirnwindungen zu schmieren. Doch ganz so einfach machen Pillen nicht schlau. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass die im Fischöl enthaltenen Omega-3-Fettsäuren sich bei Kleinkindern positiv auf die Gehirnentwicklung auswirken können. Von einer Gabe von Fischöltabletten raten Mediziner jedoch ab.

 Was letztlich tatsächlich im Magen von jungen und alten Menschen landet, ist in der Regel eine so komplexe Mischung, dass die Wirkung von Nahrung auf die kognitive Leistung nur schwer bestimmbar bleibt.

Um mögliche Zusammenhänge dennoch aufzuklären, braucht es vor allem zwei Dinge: viele Probanden und viel Zeit. Denn die Wirkung von Essen entfaltet sich langsam. In einer britischen Studie verfolgen Forscher seit den Neunzigerjahren die Entwicklung von Kindern aus 14.500 Familien.

Schädliches Junkfood?

Ein Ergebnis: Kinder, die nicht gestillt wurden oder als Kleinkinder viel stark verarbeitetes, fett- und zuckerreiches Essen aßen, waren im Alter von acht Jahren etwas weniger intelligent als gesünder ernährte Zeitgenossen, die Muttermilch und mehr frisches, selbst gekochtes Essen konsumierten.

Dass gerade Junkfood offenbar nicht gut fürs Gehirn ist, zeigt auch eine aktuelle Untersuchung von 245 iranischen Grundschülern. Kinder, die viele raffinierte Kohlenhydrate wie etwa industriell hergestellten Weißzucker, Weißbrot oder Nudeln zu sich nahmen, erzielten schlechtere Ergebnisse in bestimmten Intelligenztests.

Anders gesagt: Wer vorwiegend zu Süß- und Knabberkram oder Fertiggerichten mit viel Zucker und stark verarbeiteten Getreide- und Kartoffelprodukten greift, fördert damit nicht gerade die Denkleistung.

Allerdings handelt es sich bei den Studien aus Großbritannien und Iran erst einmal nur um Korrelationen. Weniger gute Ernährung muss nicht zwingend die Ursache für eine geringere Intelligenz sein. Genauso gut könnten weniger schlaue Kinder eher zu Junkfood greifen, aus welchen Gründen auch immer. Oder die Eltern ernähren ihre Kinder eher ungesund und vernachlässigen zugleich deren geistige Entwicklung.

Nicht nur die Qualität des Essens könnte die kognitiven Fähigkeiten beeinflussen, sondern auch die Menge. Seit man aus Tierversuchen weiß, dass knappes Essen die Gesundheit und ein langes Leben fördern kann, liebäugeln experimentierfreudige Menschen mit einer dauerhaft kalorienreduzierten Ernährung.

Essen heißt Überleben

Über ein verblüffendes Experiment mit Tauben berichten Forscher der Universität Lausanne. Madeleine Scriba und ihre Kollegen stellten fest, dass Küken, die einige Wochen schlechtes Futter bekommen hatten, später über ein besseres Ortsgedächtnis verfügten.

 

Auch Ratten entwickeln nach Nahrungsbeschränkung in der Jugend ein besseres Ortsgedächtnis. Bekommen sie in der Kindheit schlechtere Nahrung, wachsen sie zudem zwar zu mickrigeren Nagern heran, ihre Gehirne sind aber genauso gut wie die ihrer großzügiger ernährten Kumpanen.

Es wäre denkbar, dass bei knappen Ressourcen in der Entwicklung besonders überlebenswichtige Fähigkeiten - wie in diesem Fall das räumliche Gedächtnis, um sich Futterverstecke zu merken - bevorzugt entwickelt werden. Bewiesen ist das allerdings noch nicht.

Immerhin gibt es gute Hinweise dafür, dass eine leichte Diät dem Hirn älterer Menschen gut tut. Das hat Agnes Flöel von der Charité in Berlin herausgefunden. Ältere Erwachsene, die ihre Kalorienzufuhr um ungefähr 30 Prozent drosselten, verbesserten ihr Gedächtnis. Dass Senioren grundsätzlich hungern sollten, um geistige Höhenflüge zu erreichen, empfiehlt die Forscherin dennoch nicht.

"Nicht dünner zu sein ist wichtig, sondern der Reiz der Kalorienreduktion. Daher sind wir intensiv auf der Suche nach Substanzen, die die Kalorienrestriktion auf zellulärer Ebene imitieren können, ohne eine Gewichtsabnahme hervorzurufen", sagt Flöel.

Mangelernährung vermeiden

Noch mehr Vorsicht ist bei Kindern geboten, deren Gehirn und kognitive Fähigkeiten sich ja erst noch entwickeln. Hunger und Mangelernährung in der Kindheit kann sehr schädlich sein, so viel steht fest. Schon in den Siebzigerjahren zeigten Forscher etwa in einem Feldversuch, dass in Armut lebende Kinder sich geistig besser entwickelten, wenn sie zusätzliche Nahrung erhielten - insbesondere Eiweiß.

Auch in reichen Industrieländern kann Mangelernährung aufs kindliche Gehirn durchschlagen. Kleinkinder, die in den ersten Lebensjahren zu wenig Essen insgesamt oder zu wenig gesundes Essen bekommen, haben in der Vor- und Grundschule wahrscheinlicher Schwierigkeiten beim Lesen, Rechnen und in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung, zeigt eine aktuelle Untersuchung von 3700 US-amerikanischen Haushalten mit niedrigen Einkommen.

Mästen sollte man seine Kinder allerdings auch nicht. Zu viel Essen kann zu Übergewicht führen und schadet im Kindesalter der Gehirnentwicklung. Und übergewichtigen Erwachsenen drohen kognitive Beeinträchtigungen.

Kalifornien stuft Glyphosat als potenziell krebserregend ein

Kalifornien wird das Pestizid Glyphosat ab Juli als potenziell krebsauslösend einordnen. Damit geht der Streit um Gesundheitsgefahren in die nächste Etappe, Hersteller Monsanto hat bereits Widerspruch angekündigt.

Der Saatgutkonzern Monsanto hat mit seinem umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat einen Rückschlag in den USA erlitten. In Kalifornien teilte die zuständige Behörde für Gesundheit und Umwelt am Montag mit, Glyphosat werde ab dem 7. Juli auf die Liste mit Chemikalien gesetzt, die krebserregend sein können.

 

Monsanto wird gerade in einem 66 Milliarden Dollar schweren Deal vom deutschen Bayer-Konzern übernommen. Kritiker der Transaktion befürchten ein Imageproblem für Bayer. Denn Monsanto sieht sich wegen Glyphosat immer neuen Klagen ausgesetzt. Der US-Konzern will gegen die Entscheidung in Kalifornien vorgehen und nannte sie "ungerechtfertigt auf der Basis von Wissenschaft und Gesetz".

Streit um Krebsgefahr

Die Einordnung der kalifornischen Behörde reiht sich ein in eine Kette von unterschiedlichen Beurteilungen zur Gesundheitsgefahr durch Glyphosat:

  • Die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hatte im März 2015 erklärt, Glyphosat sei "wahrscheinlich krebserregend". Auf diese Einstufung beziehen sich nun auch die Behörden in Kalifornien.
  • Die europäische Behörde Efsa stufte das Mittel einige Monate später als ungefährlich ein. Sie berief sich dabei auf Forschungsergebnisse, ohne diese offenzulegen.
  • Experten der Europäischen Chemikalienagentur Echa befanden dann im vergangenen März, Glyphosat könne weder als krebserregend noch genverändernd oder gefährlich für die Fortpflanzung eingestuft werden.

Die Unterschiede in der Bewertung rühren vor allem daher, dass die Behörden unterschiedliche Aufgaben haben: So ermittelt die IARC in erster Linie, wie stark die Beweislage dafür ist, dass etwas beim Menschen Krebs auslöst - und nicht, wie stark der Effekt ist. Die Efsa betreibt Risikobewertung: Sie trifft also Aussagen darüber, in welchen Konzentrationen oder bei welchen Aufnahmeformen etwas gesundheitsschädlich ist, weshalb sie auch Grenzwerte vorschlägt.

 

Die EU-Kommission hat kürzlich angekündigt, Glyphosat erneut für zehn Jahre zuzulassen. Die Begründung: Weltweit seien 27 Agenturen übereinstimmend zu dem Schluss gekommen, das Mittel sei nicht krebserregend. Aufgrund der großen Sorgen in der Bevölkerung solle die Zulassung aber auf zehn Jahre beschränkt werden, sagte EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis.

Glyphosat ist farb- und geruchlos. Monsanto brachte das Mittel 1974 auf den Markt. Es wird in 160 Ländern verkauft. Kalifornische Bauern wenden es bei 250 verschiedenen Pflanzenarten an. Das Mittel wird aber nicht nur von Landwirten, sondern auch auf Golfplätzen und in Weingebieten eingesetzt.

Durch die Maßnahme in Kalifornien könnten Monsanto und andere Firmen, die solche Unkrautvernichter herstellen, dort im nächsten Jahr gezwungen werden, die Produktverpackungen mit Warnungen zu versehen.

 

hei/Reuters/dpa

Nur jedes dritte Mineralwasser ist gut

Wer Mineralwasser kauft, sollte aufpassen. Laut Stiftung Warentest verfälschen Plastikflaschen häufig den Geschmack. In anderen Proben fanden die Tester Pestizidrückstände.

Unerwünschte Stoffe und ein komischer Geschmack: Nicht alle Mineralwasser sind so unberührt, wie viele meinen. Von 30 untersuchten Wassern mit mittlerem Kohlensäuregehalt schnitten bei Stiftung Warentest nur 11 "gut" ab. 18 Mineralwasser erhielten die Note "befriedigend", heißt es in der Zeitschrift "test".

 

Ein Wasser bewertete Stiftung Warentest nur mit "ausreichend", weil es mit 0,5 Mikrogramm je Liter vergleichsweise viel krebserregendes Chrom enthielt. Der Leitwert für Trinkwasser beträgt den Testern zufolge 0,3 Mikrogramm pro Liter. Doch selbst bei einer dauerhaften Aufnahme des Wassers sei das Gesundheitsrisiko eher gering, erklärte die Stiftung.

Die ersten Plätze hingegen belegten das Wasser von Edekas Eigenmarke "Gut & Günstig" sowie "Saskia" von Lidl. Ebenfalls gut schnitten der Franken Brunnen sowie Gerolsteiner ab.

Noch ein "natürliches Mineralwasser"?

Laut Stiftung Warentest wurden in fünf Wassern Spuren von Süßstoffen, Pestizidabbauprodukten und einem Korrosionsschutzmittel gefunden. Die Gehalte sind demnach zwar "gesundheitlich unbedenklich". Doch die Bezeichnung "natürliches Mineralwasser" sei damit infrage gestellt.

Abstriche beim Geschmack müssen Verbraucher zudem bei Wasser aus Kunststoffflaschen machen, urteilten die Warentester. Viele Wässer schmecken untypisch zitronig. Das kommt vom Acetaldehyd, einem Stoff, der bei der Herstellung des Kunststoffs PET entsteht. Er kann ins Wasser übergehen. Gesundheitlich ist er unkritisch, bewertet wurde die Verpackung dennoch mit "mangelhaft".

In einer früheren Untersuchung hatte Stiftung Warentest auch in stillen Mineralwässern Verunreinigungen gefunden. Sechs der Flüssigkeiten enthielten den Prüfern zufolge so viele Keime, dass sie für Immunschwache riskant sein könnten. Das getestete Leitungswasser hingegen war zwar nicht perfekt, aber gut. Das Fazit damals: "Mineralwasser ist überbewertet."

irb/AFP/dpa

Diabetiker in der Schläferstellung

Diabetiker haben oft nicht nur mit ihrem Blutzucker zu kämpfen, sondern auch mit Problemen im Bett. Sexualstörungen sind die häufigste Begleiterscheinung, an der Männer und Frauen mit Diabetes mellitus leiden. Und die Gruppe der Betroffenen wächst.

Wenn es im Bett nicht richtig klappt, wird aus der angeblich natürlichsten Sache der Welt schnell ein alles beherrschendes Thema. Denn plötzlich geht es um sehr viel mehr als Sex. Es geht um Leistung, um Selbstwert, um das Gefühl, bestehen zu wollen und auch um die eigene Partnerschaft. Ursachen für eine Flaute im Bett gibt es viele. Einige bereiten nur vorübergehend Probleme. Stress bei der Arbeit, Ärger in der Familie oder depressive Verstimmungen sind wahre Lustkiller. Sobald sich die Lage im Job entspannt oder der Streit mit dem Partner geklärt ist, geht es jedoch oft auch mit der Sexualität wieder aufwärts. Dauern die Probleme im Bett dagegen an, stecken vielleicht noch ganz andere Auslöser dahinter, wie etwa unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten oder körperliche Störungen.

 

Diabetes etwa bringt nicht nur den Zuckerstoffwechsel der Patienten durcheinander, sondern oft auch ihr Liebesleben. „Sexuelle Störungen sind die häufigste Folgekomplikation beim Diabetes mellitus“, sagt Thomas Haak, vom Diabeteszentrum Mergentheim. Schätzungen zufolge leiden etwa die Hälfte der Männer mit einem seit mehreren Jahren bestehenden Diabetes an einer erektilen Dysfunktion. „Dabei handelt es sich um eine Potenzstörung, bei der der Penis nicht ausreichend steif wird oder die Erektion nicht lange genug anhält“, erklärt der Haak.

Steigende Zahlen

Aber auch ein ausbleibender Samenerguss, ein verzögerter oder fehlender Orgasmus oder eine Eichelentzündung können Diabetikern Probleme bereiten. Noch weniger weiß man darüber, wie verbreitet sexuelle Störungen bei Frauen mit Diabetes sind. Ein Grund dafür könnte sein, dass Frauen sich mit diesem Problem nur selten zum Arzt trauen und das vermeintliche Tabuthema nicht ansprechen wollen. Sicher ist jedoch, dass auch sie darunter leiden.

Bei einer Befragung von Frauen im Alter von 40 bis 80 Jahren, stellten amerikanische Wissenschaftler fest, dass Diabetikerinnen seltener mit ihrem Sexleben zufrieden sind. Nach dem kürzlich erschienenen Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2017 leiden in Deutschland mehr als sechs Millionen Menschen an Diabetes, und es werden auch jedes Jahr etwa 300.000 mehr. Mit den stetig steigenden Zahlen der Stoffwechselstörung wächst auch die Gruppe derjenigen, die unter sexuellen Störungen leidet. Je länger der Diabetes besteht, und je höher das Alter, desto größer sind die negativen Auswirkungen auf die sexuelle Erregbarkeit und die Lust der Patienten.

Der erhöhte Blutzucker schädigt mit der Zeit zum Beispiel das Nervensystem. „Die Schäden an den Nerven wiederum können dazu führen, dass Penis und Klitoris nicht mehr wie gewohnt auf sexuelle Reize reagieren“, sagt Haak. Bei Männern entwickeln sich mitunter Erektions- und Ejakulationsstörungen, Frauen klagen über Orgasmusprobleme oder verminderte Lust. Bei Frauen beeinträchtigen hohe Zuckerwerte zudem die Durchblutung der Schleimhaut. Die Scheide muss gut durchblutet sein, damit sie beim Geschlechtsverkehr feuchter wird. Fehlt hier Feuchtigkeit, kann der Sex für die Frau unangenehm und schmerzhaft werden. „Außerdem steigt mit schlechten Blutzuckerwerten ihre Gefahr, Infektionen mit Pilzen oder Bakterien zu bekommen“, so Haak.

Risiko Herzinfarkt

Bei einigen Männern, die wegen Erektionsstörungen einen Arzt aufsuchen, ist das Auftreten einer erektilen Dysfunktion auch der erste Hinweis auf das Vorliegen einer beginnenden Gefäßerkrankung, aus der dann später eine Arteriosklerose. Beginnen die Arterien sich zu verhärten und zu verkalken, fließt nicht genügend Blut in den Penis. Eine Erektion wird so oft schon zu einem sehr frühen Krankheitsstadium geschwächt. Außerdem beeinträchtigen Bluthochdruck und erhöhte Blutfettwerte, die häufige Begleiter eines Diabetes sind, ebenfalls die Blutgefäße. Wer seinen Problemen beim Sex nachgeht, kann daher unter Umständen auch einem Herzinfarkt rechtzeitig vorbeugen.

Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt oder der Diabetologe. Sie können herausfinden, was hinter den Problemen im Bett steckt, ob Nerven angegriffen sind oder Blutgefäße, oder ob Medikamente schuld an der Flaute sind. Außerdem muss er sicherstellen, dass der Zucker gut eingestellt ist und die Blutzuckerschwankungen möglichst gering gehalten werden. Ist die Ursache für die sexuellen Probleme einmal identifiziert, kann man das Problem gezielt angehen.

Der Arzt kann helfen

Die Therapien für Männer reichen von Tabletten bis hin zur Operation. PDE-5-Hemmer bewirken, dass bei sexueller Erregung mehr Blut in die Schwellkörper strömt. „Sie verbessern die Erektionsfähigkeit mit einer Ansprechrate von etwa 60 Prozent“, sagt Diabetesexperte Haak. Drei Wirkstoffe arbeiten nach diesem Muster: Sildenafil, Vardenafil und Tadalafil. „Vor allem Menschen mit einer schlechten Herzleistung sollten die Einnahme vorher jedoch mit ihrem Arzt abklären.“

Ein mechanisches Hilfsmittel ist die Vakuumpumpe, ein hohler Kunststoffzylinder, den sich der Mann vor dem Sex über den Penis stülpt. „Pumpt man anschließend die Luft heraus, strömt durch den Unterdruck Blut in den Penis und er wird steif“, erklärt Thomas Haak. „Damit das Blut nicht wieder abfließt, werden die Venen für maximal 30 Minuten mit einem Gummiring abgeklemmt.“ Deutlich seltener zum Einsatz kommt die Schwellkörper-Autoinjektionstechnik (SKAT), bei der man ein gefäßerweiterndes Mittel in den Penis spritzt. Wird eine Tablette in die Harnröhre gegeben, die den Blutfluss steigert, sprechen Ärzte meist von MUSE. In sehr seltenen Fällen macht es Sinn, den Blutfluss im Penis durch eine Operation zu verbessern.

Bei Frauen mit hormonellen Veränderungen können hormonhaltige Salben oder Zäpfchen Probleme wie Scheidentrockenheit oder Schmerzen beim Sex bessern“, sagt Haak. Gleitcremes befeuchten die Scheide, während Beckenbodentraining mit Gymnastik die Durchblutung im Vaginalbereich und das Lustempfinden fördert. Und auch Vaginaltrainer und Dilatatoren zum Weiten der Vagina können dabei helfen, dass Frauen den Sex wieder genießen können. Thomas Haak ist sich sicher: „In den meisten Fällen lässt sich die Zufriedenheit im Sexualleben der Patienten deutlich verbessern.“

Schwangerschaft: Besser nie als spät?

 

In Deutschland werden Frauen jenseits der 35 immer häufiger schwanger. Spätes Babyglück bleibt dennoch ein Risikofaktor. Daran ändern weder molekularbiologische Erkenntnisse noch Empfehlungen auf Basis von Kohortenstudien etwas.

Schauspielerin Caroline Beil (50) erwartet momentan ihr zweites Kind. Und Sängerin Gianna Nannini brachte ihre Tochter mit 54 Jahren auf die Welt. Auch wenn die genannten Beispiele Extreme zeigen, steigt auch insgesamt das Alter von Müttern bei der Geburt von Kindern weiter an. Immer häufiger erfreuen sich Mütter jenseits der 40 später Babyfreuden. Wissenschaftler diskutieren kontrovers über Chancen und Risiken später Schwangerschaften.

 

Wenn molekulare Stricke reißen

Altersspezifische Geburtenziffer je 1.000 Frauen

Immer häuiger kommt der Nachwuchs in späten Jahren. Altersspezifische Geburtenziffer je 1.000 Frauen © Destatis

Humangenetiker wissen schon lange, dass mit zunehmendem mütterlichen Alter die Häufigkeit von Erbkrankheiten sprunghaft ansteigt. Mit 40 Jahren liegen bei mehr als einem Drittel aller Schwangerschaften embryonale Chromosomendefekte vor. Dazu zählen primär Aneuploidien, also die fehlerhafte Verteilung von Chromosomen bei der Eizellbildung, und daher die falsche Anzahl von Chromosomen in Oocyten.

Wissenschaftler erklären dieses Phänomen vor allem mit Cohesinen. Diese Proteinkomplexe stabilisieren in Zellen das Chromatingerüst und damit die Struktur von Chromosomen. Im Zellkern wird die Erbsubstanz zu Schleifen gefaltet. Cohesine umschließen den DNA-Strang zunächst an einer beliebigen Position. Anschließend wird die DNA durch den Ring gepresst, bis molekulare Barrieren dies stoppen. Sinn und Zweck dieses Mechanismus ist, entfernte Abschnitte im Genom gezielt in direkten Kontakt zu bringen, um die Genaktivität zu regulieren:

Mechanismus der Schleifenbildung durch Cohesine

Mechanismus der Schleifenbildung durch Cohesine © IMP – Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie

Risiko einer Trisomie 21 in Abhängigkeit vom mütterlichen Alter

Risiko einer Trisomie 21 in Abhängigkeit vom mütterlichen Alter. © James Heilman, MD / Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Schon vor mehreren Jahren fanden Wissenschaftler des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden Hinweise im Mausmodell, dass Cohesine während der embryonalen Oocytenentwicklung gebildet und später nicht erneuert werden. Sie erklären das altersabhängige Auftreten von Aneuploidien über die langsame Zerstörung von Cohesin-Molekülen.

Schwere Komplikationen häufen sich

Sarka Lisonkova, Wissenschaftlerin an der University of British Columbia, Vancouver, fand jetzt Hinweise auf weitere Komplikationen. Im Rahmen einer retrospektiven, populationsbasierten Kohortenstudie hat sie Daten von 828.269 Schwangeren analysiert. Bekannte Risikofaktoren, etwa Übergewicht oder künstliche Befruchtung, wurden vorab mathematisch korrigiert.

„Die Morbidität stieg bei Frauen über 39 exponentiell mit dem Alter“, schreibt Lisonkova. Ab 40 war das Risiko 1,2-fach und ab 50 sogar 5,4-fach höher. Mütter zwischen 40 bis 44 Jahren hatten demnach ein dreifach höheres Risiko für einen Schock und ein achtfach höheres Risiko für eine Fruchtwasserembolie. Als Vergleich diente die Gruppe zwischen 25 und 29 Jahren.

Teilweise Entwarnung beim Geburtsgewicht

Angesichts der zahlreichen Gefahren überrascht eine Veröffentlichung von Alice Goisis und Kollegen. Goisis forscht an der London School of Economics and Political Science. Basis ihrer retrospektiven Kohortenstudie war ein finnisches Populationsregister mit 124.098 Kindern der Jahrgänge 1987 bis 2000. Um statistische Verzerrungen auszuschließen, verglichen die Autoren identische Frauen unterschiedlichen Alters. Die Idee war, Risikofaktoren jenseits der Lebensjahre auszuschließen. Wie Goisis schreibt, gebe es zwar störende Einflüsse zwischen Familien, aber nicht zwischen mehreren Schwangerschaften der gleichen Frau.

Bekamen Frauen mehrere Kinder, steigerte ein höheres Alter nicht das Risiko, früh zu gebären oder ein Kind mit geringem Gewicht auf die Welt zu bringen. Verglich Goisis jedoch Frauen aus unterschiedlichen Familien, sah sie den hinlänglich bekannten Effekt. Ab 40 Jahren war das Risko, ein Baby mit niedrigem Geburtsgewicht, zu bekommen, mit 4,4 Prozent doppelt so hoch wie bei Frauen zwischen 25 und 29 Jahren (2,2 Prozent). Coautor Mikko Myrskylä, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock, erklärt die Beobachtungen mit „individuellen Lebensumständen und Verhaltensweisen“.

Die tatsächlichen Gründe konnten Myrskylä und Kollegen anhand ihrer Datenbasis jedoch nicht in Erfahrung bringen. Denkbar wären individuelle, altersunabhängige Fruchtbarkeitsprobleme, ungesunde Verhaltensweisen oder Stress. Ob gegenläufige Tendenzen, etwa mehr Erfahrung respektive weniger Stress der Mutter, vielleicht protektiv wirken, lässt sich aufgrund der Daten nicht sagen. Sozioökonomische Tendenzen, etwa ein höheres Haushaltseinkommen mit zunehmendem Alter, wurden jedoch korrigiert.

Falsche Hoffnung geschürt

Bekanntlich ist die Aussagekraft von Assoziationsstudien begrenzt. Zum praktischen Wert seiner Veröffentlichung sagt Myrskylä in einer Meldung: „Ein Arzt, der nur das Alter einer schwangeren Frau kennt, kann es weiterhin nutzen, um die Geburtsrisiken abzuschätzen.“ Trotzdem erstaunt Alice Goisis´ Resümee: „Für die einzelne Mutter ist ihr Alter aber nicht der tatsächliche Grund für eventuell erhöhte Geburtsrisiken.“ Bei Laien können derartige Statements verheerende Aussagen haben. Trotz individueller Unterschiede geht das späte Babyglück mit zahlreichen medizinischen Risiken einher.

Angstagram oder Fearbook?

 

Soziale Medien können viel – auch süchtig machen oder Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Das Leben der anderen weckt in vielen die Angst, etwas zu verpassen. Zeit für Ärzte, dem Problem auch im Patientengespräch mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Ein bisschen absurd ist das auf den ersten Blick schon: Inzwischen gibt es Angebote im Internet, die Menschen unterstützen sollen, die sich zuviel im Internet aufhalten. Beratung zu Sucht, Depressionen oder Ängsten durch soziale Medien, die auf Social-Media-Plattformen stattfindet. Und Apps, die den Nutzer darauf hinweisen, dass er heute schon wieder zu viel Zeit mit seinem Smartphone verbracht hat.

 

Darüber diskutiert wird viel: Häufig ist von der Generation „Kopf unten“ die Rede, die nur noch auf den Bildschirm starrt, von den Problemen, die durch das dauernde Online-Sein entstehen, oder von „Internet-“ oder „Smartphone-Sucht“. Doch bisher weiß man wenig darüber, wie sich die häufige Nutzung sozialer Medien tatsächlich auswirkt – wann etwa der Gebrauch zu psychischen Problemen oder sogar zu psychischen Erkrankungen führen kann. Auch gibt es bisher keine Leitlinien, die aufzeigen, wie man Internet, Smartphone oder soziale Medien angemessen nutzen kann – also so, dass sie nicht das psychische Wohlbefinden oder die eigene Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Soziale Medien: Die Top 5

Eine aktuelle Studie aus Großbritannien hat nun untersucht, wie sich soziale Medien auf 14 verschiedene Aspekte der psychischen Gesundheit bei jungen Menschen auswirken. In der Untersuchung, die von der Royal Society for Public Health (RSPH) veröffentlicht wurde, wurden 1.479 junge Leute zwischen 14 und 24 Jahren aus ganz Großbritannien befragt. Die Forscher um Shirley Cramer und Becky Ingster wollten wissen, wie sich die fünf populärsten sozialen Medien auf die Psyche auswirken: Nämlich Facebook, Twitter, YouTube, Instagram und Snapchat.

Gefragt wurde nach Gefühlen von Angst, Depression oder Einsamkeit, die durch die Nutzung sozialer Medien entstehen können, nach Mobbing in sozialen Medien, aber auch nach Schlafqualität, dem eigenen Körperbild oder der Qualität der Beziehungen in der „realen“ Welt. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Angst, etwas zu verpassen – bzw. das Gefühl, ständig online sein zu müssen, weil man sonst etwas Wichtiges verpassen könnte. Auf Englisch wird sie auch als „Fear of Missing Out“ oder „FoMO“ bezeichnet.

Verbundenheit und Einsamkeit

Die jungen Leute sahen bei allen Plattformen sowohl positive als auch negative Aspekte für die psychische Gesundheit. So erhielten alle Medien positive Wertungen bei der Selbstidentität (der Fähigkeit, zu sagen, wer man selbst ist), dem Selbstausdruck (der Möglichkeit, seine eigenen Gefühle, Gedanken und Ideen auszudrücken), bei der emotionalen Unterstützung durch Freunde oder Familienmitglieder und beim Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören.

Allerdings erhielten alle auch negative Wertungen – insbesondere für Schlafqualität, Mobbing, Körperbild und FoMO. Und alle außer YouTube waren mit negativen Wertungen für Depression und Angst verbunden. Lediglich YouTube konnte die Werte für Depression, Angst und Einsamkeit vermindern.

Am negativsten wirkte sich dabei Instagram auf die psychische Gesundheit aus, direkt gefolgt von Snapchat. Auf den mittleren Plätzen lagen Facebook und Twitter, während YouTube die höchsten Werte für psychische Gesundheit und Wohlbefinden erhielt. Instagram schnitt dabei zwar bei Selbstidentität und Selbstausdruck gut ab, jedoch besonders negativ bei Angst, Depression, Mobbing und FoMO.

Der Vergleich mit den anderen

Die ungünstigen Auswirkungen der sozialen Medien können unterschiedliche Gründe haben. Zum einen vergleicht man sich dabei unbewusst mit anderen. Und wenn jemand ständig das Gefühl hat, andere hätten mehr Spaß, bessere Leistungen oder tollere Freunde, kann das zu Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit und eben zur ständigen Angst, etwas zu verpassen, führen. Gleichzeitig kann es auch zu einem Gefühl, nicht gut genug zu sein und so zu einem geringen Selbstwertgefühl betragen. „Das könnte vor allem bei Plattformen, bei denen Fotos im Mittelpunkt stehen, von Bedeutung sein“, schreiben die Autoren der Studie. So berichtete eine der Studienteinehmerinnen: „Bei Instagram fühlt man sich als Mädchen oder Frau leicht so, als ob der eigene Körper nicht gut genug ist – denn andere Leute bearbeiten ihre Fotos, so dass sie möglichst ‚perfekt‘ aussehen.“

Außerdem kann die ständige Nutzung sozialer Medien zu Symptomen führen, wie sie bei einer Sucht auftreten: Etwa zu dem starken Verlangen, ständig online zu sein, zu Schwierigkeiten, die Zeit des Internet- oder Handy-Gebrauchs zu kontrollieren oder zur Vernachlässigung von Verpflichtungen, sozialen Kontakten und anderen Aktivitäten. „Soziale Medien wurden als stärker abhängig machend beschrieben als Zigaretten und Alkohol“, betont Cramer.

Ängste können sich verstärken

„Andere Untersuchungen haben ergeben, dass eine problematische Nutzung des Internets und sozialer Medien mit sozialer Ängstlichkeit und depressiven Symptomen einhergeht“, berichtet Dr. Kay Uwe Petersen, Projektleiter der Sektion für Suchtmedizin und Suchtforschung des Universitätsklinikums Tübingen und Mitbegründer der Webseite „Erste Hilfe Internetsucht“. Insgesamt sei bisher nicht klar, ob gerade Menschen mit Ängsten und depressiven Symptomen zur problematischen Nutzung von Social Media neigen oder ob die Symptome durch die exzessive Nutzung solcher Plattformen entstehen. „Es könnte sein, dass es jemandem mit sozialen Ängsten oder depressiven Symptomen leichter fällt, online Kontakte zu pflegen als im ‚realen Leben‘. Dies kann jedoch wiederum die Ängste oder die Depression verstärken“, so der Diplompsychologe.

Auch bei FoMO konnten Forscher in einer Studie zeigen, dass diese nicht allein mit der starken Nutzung sozialer Medien zusammenhängt, sondern auch mit psychischen Faktoren. So tritt die Angst, etwas zu verpassen, verstärkt bei Menschen auf, die über ein geringes psychisches Wohlbefinden und eine geringere Lebenszufriedenheit berichten.

Warnsignal bei intensiver Nutzung

„Soziale Medien gehören inzwischen so zum Leben junger Leute, dass man sie nicht ignorieren kann, wenn man über die psychische Gesundheit dieser Menschen spricht“, sagt Cramer. Die Forscher rufen deshalb Regierungen und die Social-Media-Firmen dazu auf, Änderungen vorzunehmen, um die möglichen negativen Auswirkungen sozialer Medien auf die psychische Gesundheit zu vermindern.

Die Empfehlungen der Royal Society for Public Health lauten:

  • Bei zu intensiver Nutzung sollte auf dem Social-Media-Plattform ein Warnsignal erscheinen.
  • Die Plattformen sollten mithilfe der Nutzerbeiträge Nutzer identifzieren, die unter einem psychischen Problem leiden könnten – und durch diskrete Hinweise Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen.
  • Auf den Plattformen sollte angezeigt werden, wenn Fotos von Personen digital verändert wurden.

Diese Maßnahmen wurden in der Untersuchung von 68 bis 80 Prozent der Befragten unterstützt. Darüber hinaus sollten mehr Studien zu den Auswirkungen sozialer Medien auf die psychische Gesundheit durchgeführt werden, fordert die Arbeitsgruppe der RSPH.

Hilfe bei psychischen Belastungen

„Wer durch die Nutzung von social Media deutliche psychische Beeinträchtigungen erlebt und seine Nutzung als problematisch empfindet, sollte sich am besten an eine Suchtberatungsstelle wenden“, sagt Petersen. „Das klingt vielleicht zunächst befremdlich. Aber dort gibt es spezialisierte Berater, die auch Erfahrung mit Problemen durch soziale Medien haben.“ Diese könnten zum Beispiel zusammen mit den Betroffenen prüfen, ob tatsächlich ein problematisches Nutzungsverhalten vorliegt – und sie dann eventuell beruhigen, dass die Nutzung noch im „gesunden“ Bereich liegt. Bei ausgeprägten Problemen durch social Media können die Betroffenen auch bei Fachambulanzen, niedergelassenen Psychotherapeuten oder stationären Behandlungsangeboten Hilfe finden.

Auf der Webseite „Erste Hilfe Internetsucht“, die seit Februar 2017 online ist und vom Bundesministerium für Gesundheit unterstützt wird, können Ratsuchende zu Internetsucht, aber auch zu Problemen mit sozialen Medien gezielt nach Hilfsangeboten suchen. Hier finden sich unter „weitere Informationen“ auch Links zu weiteren Angeboten, etwa https://www.onlinesucht-ambulanz.de/, ein Forschungsprojekt, bei dem eine Online-Ambulanz für Internetsüchtige entwickelt wird, oder www.ins-netz-gehen.de, ein Online-Beratungsprogramm der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Auch für die Forscher um Cramer können Internet und soziale Medien gute Möglichkeiten sein, um bei psychischen Belastungen Hilfe zu erhalten – auch bei Belastungen, die durch soziale Medien entstehen. „Solche Technologien gehören ja schon zum Leben junger Menschen. Und vielen fällt es möglicherweise leichter, online über persönliche Dinge zu sprechen“, sagt Becky Ingster. „Außerdem könnten die Angebote auch zur Vorbeugung psychischer Probleme dienen: Sie könnten jungen Menschen helfen, sich mehr über ihre psychische Gesundheit bewusst zu werden, Informationen vermitteln und ihnen helfen, aus eigenen Antrieb etwas zu verändern.“

Regeln für einen „gesunden“ Umgang

Aus Sicht von Petersen könnte es zudem sinnvoll sein, Verhaltensregeln für einen „gesunden“ Umgang mit Internet, Smartphone oder sozialen Medien zu etablieren. Das Thema könnte zum Beispiel im Bereich Medienbildung an Schulen behandelt werden. „Zu diesen Regeln könnte zum Beispiel gehören, dass bei Gesprächen mit Freunden oder beim Essen mit der Familie das Smartphone weg gelegt wird. Oder dass bewusst Zeiten geschaffen werden, in denen auf mobile Geräte verzichtet wird“, so der Wissenschaftler.

Dann wird es in Zukunft vielleicht auch keine Posts wie folgenden von Facebook mehr geben, wo eine Userin schreibt: „Ich frage mich, wie andere Leute es schaffen, so viel zu erleben. Während ich die ganze Zeit damit beschäftigt bin, zu verfolgen, was andere posten“

Krebsrisiko: Männer sind die besseren Opfer

Als Krebszelle hast du es etwas schwerer, wenn du in einem weiblichen Körper steckst. Im Schnitt erkranken Männer häufiger an Krebs als Frauen. Ursachen für die unterschiedliche Quote können hormonabhängige Auslöser und die weibliche Einstellung zum eigenen Körper sein.

Die Statistik ist ungerecht: Das Lebenszeitrisiko für eine Tumorerkrankung beträgt beim Mann 51, bei der Frau sind es „nur“ 43 Prozent. Männer erkranken also häufiger an Krebs und die entarteten Zellen übernehmen schneller die Kontrolle über den Körper, wie aus den Zahlen des Robert-Koch-Instituts „Krebs in Deutschland“ hervorgeht.

 

Ende der 30er: Kritisches Alter bei Frauen

Auch die Überlebensrate nach fünf oder zehn Jahren ist bei Frauen höher als bei Männern. Schaut man sich die Zahlen etwas genauer an, zeigt sich, dass der Vorteil des weiblichen Geschlechts nicht über das ganze Leben hin gleich ist. Wie eine Doppel-S-Kurve schlägt das Krebsrisiko im Verlauf des Lebens einmal nach der einen, einmal nach der anderen Seite aus. Während bis zum 20. Lebensjahr mehr Männer an Krebs erkranken, sind es bis zum 40. Lebensjahr wesentlich mehr Frauen. Besonders im Alter zwischen 35 und 40 lässt der weibliche Körper im Vergleich zum männlichen wesentlich mehr Tumoren wachsen. Im höheren Alter sind dann jedoch wieder die Männer weitaus mehr als Frauen gefährdet.

Risikofaktoren: Gallensteine und Asbestfasern

Schaut man auf das Risiko für einzelne Tumorarten, sieht man auch hier beim ersten Blick die Dominanz der Männer. Die EUROCARE-4 Studie zeigte deutlich bessere Chancen für Frauen bei 16 von 26 Krebsarten. Unterschiede in der Häufigkeit gibt es vor allem bei Tumoren der Gallengänge und Gallenblase, der Harnblase und bei Leukämien. Dort ist sowohl die Erkrankungshäufigkeit als auch die Mortalität signifikant höher als bei Männern. Umgekehrt sieht es bei den häufigen Tumoren von Kolon und Lunge, aber auch Leber und Magen aus. Sowohl bei der Erkrankungsrate als auch bei der Sterberate sind die Männer hier den Frauen deutlich voraus.

Die Dominanz bei Tumoren der Gallenblase, so vermuten Experten, könnte darauf zurückgehen, dass sich besonders häufig nach Schwangerschaften Gallensteine bilden, die zu einer Entzündung des umliegenden Gewebes führen. Chronische Entzündungen aber begünstigen die Entwicklung von Tumoren. Ein eher seltener Tumor, der vor allem bei Männern vorkommt, ist das Pleuramesothelium. Seine Ursachen liegen bei Asbestfasern, mit den vor allem Männer bis 1993 in Berührung kamen. Aufgrund der langen Latenzzeit erkrankten im Jahr 2013 aber immer noch jährlich rund 1.000 Männer und 320 Frauen daran. 70-80% der Mesotheliome gehen wohl auf Asbest zurück. Frauen sind vor allem davon betroffen, wenn sie die Kleidung ihrer Männer abgebürstet hatten.

Wachsameres weibliches Immunsystem

Beim malignen Melanom der Haut unterscheiden sich die Erkrankungsraten nicht erkennbar zwischen den Geschlechtern. Allerdings sterben weitaus mehr Männer an diesem aggressiven Tumor. Das könnte daran liegen, so spekulieren Experten, dass auch aufgrund der Unterschiede bei der Bekleidung entsprechende Veränderungen der Haut eher auffallen – und vielleicht auch daran, dass Frauen generell eher auf ihren Körper Acht geben.



„Das Immunsystem ist bei Frauen wirksamer in der Bekämpfung des Krebses.“ Wolf-Dieter Ludwig vom Helios Klinikum in Berlin-Buch fasste die bisherigen Erkenntnisse anlässlich des Bundeskongresses für Gender Medizin in Berlin im Mai letzten Jahres zusammen, der unter dem Motto stand, „Geschlechtsspezifische Aspekte in der Onkologie“. Auch wenn die molekularen Ursachen eines Melanoms noch weitgehend unbekannt sind, ruft der Hautkrebs doch eine starke Immunreaktion hervor. In einem Melanom-Modell der Maus profitierten weibliche Mäuse weitaus mehr von einer Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren gegen PD-L1 und einer damit aufgehobenen Hemmung von regulatorischen T-Zellen. Zusätzlich könnte die unvollständige Inaktivierung des zweiten X-Chromosoms zum Krebsstart beitragen. Hier finden sich doppelt so viele Konzentrationen an microRNA (miRNA) wie auf Autosomen. Sie spielen bei der Regulation der meisten proteinkodierenden Gene nach der Transkription eine wichtige Rolle. Ein Verlust dieser Kontrolle ist eng mit der Krebsentstehung verknüpft. Für Melanome ist diese Rolle nachgewiesen.

Hormone und Tumorsuppressorgene

Beim Schilddrüsenkrebs ist die Erkrankungsrate bei Frauen höher, bei Männern ist der Krebs aggressiver. Auf der Suche nach den Hintergründen nutzte eine Gruppe des amerikanischen National Cancer Instituts ein transgenes Mausmodell. Kastration führt dort zu deutlich geringeren Raten bei Weibchen und „harmloserem“ Krebs bei Mäusemännern. Marker dafür waren die höhere Expression einzelner Tumorsuppressorgene und in der Folge eine gesteigerte Anti-Tumor-Aktivität von CD8 T-Zellen und Makrophagen. Die betreffenden Tumorsuppressorgene haben regulatorische Bindungsstellen für Testosteron. Eine Zugabe des Sexualhormons bei den kastrierten Tieren förderte wiederum den entstehenden Tumor. Sexualhormone könnten auch beim häufigen Kolorektalkarzinom eine Rolle spielen. Östrogene könnten dort möglicherweise vor dem Tumor schützen. Bei Frauen nach der Menopause sind die Raten bei jenen um rund 40 Prozent niedriger, die sich für eine Hormonersatztherapie entschieden haben. Gleichzeitig ist die Überlebenszeit gegenüber Männern im Alter von 18 bis 44 Jahren sogar bei Spätphasen des Krebses deutlich länger.

Blasenkrebs tritt zwar bei Männern deutlich häufiger auf, bei Frauen finden sich bei der Diagnose hier jedoch häufiger fortgeschrittene Tumorstadien. Auch hier beeinflussen Sexualhormone die Entwicklung des Tumors, dazu werden betreffende Karzinogene in der Leber wohl unterschiedlich schnell abgebaut. Schließlich wird die zugehörige Hämaturie bei Männern meist deutlich früher als Zeichen für entartete Urothelialzellen erkannt.

Nebenwirkungen bei Chemo- und Radiotherapie

Auch bei der Tumortherapie gibt es zwischen den Geschlechtern erhebliche Unterschiede. So wird die Dosierung von Zytostatika seit mehr als einhundert Jahren zumeist nach der Körperoberfläche berechnet, nicht jedoch nach anderen wichtigen Faktoren wie Fett- oder Muskelmasse. Einige Wirkstoffe wie etwa 5-Fluorouracil werden aber bei Frauen und Männern unterschiedlich schnell abgebaut. Der schnellere Einbau in die Nukleinsäurestränge und die längere Halbwertszeit nutzt zwar meist den Frauen, sorgt aber für stärkere Nebenwirkungen. Anthrazykline sind bei Frauen stärker kardiotoxisch. Der unterschiedlich schnelle Abbau gilt jedoch nicht universell für Zytostatika: Bisherige Studien fanden bei Paclitaxel und Docetaxel keine geschlechtsspezifischen Unterschiede.

Im Hinblick auf Nebenwirkungen bei pädiatrischen Tumorerkrankungen sind Frauen generell im Nachteil: Mehr als Männer reagiert ihr Gehirn auf Bestrahlung mit geringerer kognitiver Leistungsfähigkeit oder mit Osteoporose bei der Gabe von Steroiden. Mädchen neigen nach einem Tumor des zentralen Nervensystems mehr als Jungen zu Übergewicht.

Frauen gehen anders mit ihrem Körper um

Dass Frauen bessere Chancen bei einer Krebserkrankung haben, hängt nicht zuletzt auch mit ihrer Psyche zusammen. Im Allgemeinen verfügen sie über mehr Bewusstsein für ihren Körper und tun sich auch leichter, mit ihrem Arzt offen darüber zu sprechen – eine gute Voraussetzung für eine wirksame Therapie.

Insgesamt, so machten die Referenten auch auf dem Bundeskongress für Gender Medizin vor einem Jahr deutlich, haben sich die Überlebenschancen bei Krebs für beide Geschlechter deutlich verbessert. Beim Ausbruch einer Krebserkrankung vor fünf Jahren leben zur Zeit noch 62 Prozent der Männer und 67 Prozent der Frauen. Dennoch lässt sich auch an der Gender-Schraube in der Onkologie noch weiter drehen. Dabei geht es vor allem um geschlechtsangepasste Chemotherapie und unterschiedliche Strategien bei der Prävention. Aufgrund des höheren Risikos sollten Männer einige Jahre früher mit der Darmkrebsvorsorge beginnen.

Auch wer sich die Geschlechterverteilung bei onkologischen Studien ansieht, sieht ganz ohne Mühe noch einigen Verbesserungsbedarf. Öffentlich finanzierte Studien sind der angestrebten Quote an weiblichen Teilnehmern meist näher als privat finanzierte. In den allermeisten Fällen liegt die Rate der Teilnehmerinnen unter der Inzidenz für ihr Geschlecht. Aber nur wenn mehr Informationen über unterschiedliche Mechanismen bei der Entstehung, dem Verlauf und der Behandlung von Krebs bei Mann und Frau verfügbar sind, sinken die Überlebenschancen für entartete Zellen unabhängig davon, ob sie sich in einem männlichen oder weiblichen Körper befinden.

Mers und das unterschätzte Risiko einer Epidemie

Kamelen läuft nur die Nase, bei Menschen aber kann eine Mers-Infektion tödlich enden. Ein Gegenmittel oder eine Impfung gibt es nicht. Dabei birgt das Virus ein gefährliches Potenzial.
 

Seit dem Mers-Ausbruch in Südkorea mit 36 Toten vor zwei Jahren ist es still geworden um die Viruskrankheit – obwohl sie vor allem in Saudi-Arabien unvermindert weiterkursiert. „Derzeit gibt es ein Aufflackern in mehreren Regionen des Landes“, sagt Christian Drosten vom Institut für Virologie an der Charité in Berlin. Allein zwischen dem 11. und 15. Juni wurden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 14 neue Mers-Fälle in dem Land auf der Arabischen Halbinsel erfasst – Männer und Frauen zwischen 29 und 79 Jahren, viele von ihnen medizinisches Personal. Insgesamt wurden demnach seit dem Erstfund 2012 bisher gut 2000 laborbestätigte Fälle weltweit erfasst, mehr als 700 Menschen starben.

Ein großer Teil der Infektionen wird nach Experteneinschätzung aber wegen kaum merklicher Symptome gar nicht erkannt – und damit auch nicht erfasst. „Die tatsächliche Fallzahl liegt um ein Vielfaches höher“, sagt Drosten. Typische Anzeichen der zunächst grippeähnlichen Erkrankung sind bei schwerem Verlauf Fieber, Atemprobleme, Lungenentzündung, Durchfall und Nierenversagen. Das Mers-Virus gehört wie das Sars-Virus und viele Schnupfen- und Erkältungsviren zu den Beta-Coronaviren (CoV).

Der erste Mers-Fall war 2012 in Saudi-Arabien erkannt worden, an Sars waren 2002 und 2003 binnen weniger Monate rund 800 Menschen gestorben, Tausende infizierten sich bis zum Auslaufen der Epidemie.

Coronaviren sind dafür bekannt, sehr schnell auf neue Wirte überspringen und schwere Krankheitsverläufe verursachen zu können. Jederzeit könnten neue Erreger dieser Gruppe von Tieren auf den Menschen übergehen und große Epidemien verursachen, sind Experten überzeugt. Bisher gibt es keine zugelassene Therapie oder vorbeugende Impfung spezifisch gegen Coronaviren.

Nun zeichnet sich ab, dass eine derzeit für den Einsatz gegen Ebola getestete Therapie auch gegen verschiedene Coronaviren wie Mers-CoV oder Sars-CoV wirken könnte. Die Substanz GS-5734 war vom US-Unternehmen Gilead Sciences entwickelt worden. Während der Ebola-Epidemie in Westafrika von 2013 bis 2016 war der Wirkstoff in Schnellverfahren klinisch getestet worden. Auch eine mit Ebola infizierte britische Krankenschwester wurde mit dem experimentellen Mittel behandelt.

Toxische Effekte verhindern

Die Wissenschaftler um Timothy Sheahan von der University of North Carolina in Chapel Hill fanden nun heraus, dass GS-5734 verschiedene Coronaviren wie Mers-CoV und Sars-CoV zu blockieren vermag. Wurden die Mäuse vorbeugend einen Tag vor einer Sars-Infektion oder therapeutisch einen Tag danach behandelt, verminderten sich die sonst üblichen Gewichtsverluste und Atemwegsprobleme. Erhielten die Tiere erst zwei Tage nach der Infektion GS-5734, wurden die Symptome nicht abgeschwächt, die Viren vermehrten sich im Lungengewebe aber weniger stark als bei nicht behandelten Mäusen.

In Zellkulturen mit menschlichem Lungengewebe verursachte die Substanz keine toxischen Effekte selbst bei Konzentrationen weit über den für eine Therapie nötigen. GS-5734 interagiere mit einer Kernkomponente der Vervielfältigungsmaschinerie der Viren, nicht wie andere antivirale Substanzen mit den hochvariablen Rezeptoren an der Oberfläche der Erreger, schreiben die Forscher. Daher könne es möglicherweise einen sicheren und effektiven Ansatz bieten, schwere Verläufe bei Mers und in Zukunft auftauchenden Coronaviren zu verhindern. Auch eine vorbeugende Impfung von Pflegepersonal sei denkbar.

Parkinson: Hinterm Neuron gleich links

 

Das Verfahren der Tiefenhirnstimulation ist für die Behandlung von Morbus Parkinson etabliert. Die Frage war bisher, mit welchen Gehirnarealen eines Patienten eine Elektrode verbunden sein sollte, damit sie ihre Wirkung voll entfalten kann. Darauf gibt es nun eine Antwort.

Die Tiefenhirnstimulation (THS) ist für die Behandlung von Morbus Parkinson etabliert und führt größtenteils zu guten Ergebnissen. Symptome wie Bewegungseinschränkungen, Muskelversteifungen oder Zittern lassen sich mittels einer kleinen Elektrode, die neurochirurgisch in tiefe Strukturen des Gehirns implantiert wird, zurückdrängen. Entscheidend für eine optimale Symptomlinderung ist allerdings die exakte Lage der Elektrode.

 

Zwischen der Umgebung des Implantats und anderen Gehirnregionen lassen sich charakteristische Verbindungsmuster beobachten. „Eine optimale Lage des Impulsgebers ist durch ein optimales Verbindungsprofil charakterisiert“, erklärt Dr. Andreas Horn, Wissenschaftler an der Klinik für Neurologie an der Charité. „Für eine hohe Wirksamkeit der Behandlung sind starke Verbindungen der THS-Elektrode zu spezifischen frontalen Hirnregionen wie dem sogenannten supplementärmotorischen Areal entscheidend“, so Dr. Horn. Ein Zusammenhang, der bislang unbekannt war.

Schaltplan des menschlichen Gehirns berechnet

Die Forscher konnten weiterhin zeigen, dass sich auf Basis des Verbindungsprofils einer Elektrode vorhersagen lässt, wie stark sich die Bewegungseinschränkungen eines Patienten lindern lassen. Sie nutzen hierfür ein besonderes Elektrodenlokalisationsverfahren, das über mehrere Jahre hinweg an der Charité entwickelt wurde. Grundlage sind weiterhin präzise Gehirnkonnektivitätsatlanten, die in Kooperation mit der Harvard Medical School erstellt worden sind. Auf Basis spezieller Kernspinsequenzen von über 1000 Probanden konnten die Wissenschaftler einen „Durchschnitts-Schaltplan“ des menschlichen Gehirns berechnen. In Kombination beider Methoden lassen sich Konnektivitätsprofile für jede THS-Elektrode erstellen. Unter Nutzung von Grundprinzipien aus dem Machine-Learning-Bereich war es schließlich möglich, ein optimales Verbindungsprofil zu berechnen und zu validieren. In etwas mehr als 90 Fällen konnte das internationale Team dazu beitragen, Elektroden zur Tiefen Hirnstimulation hochpräzise zu platzieren.

Folgestudien sollen weiteren Fortschritt bringen

In Folgestudien wollen die Forscher nun an einer patientenspezifisch abgestimmten, maßgeschneiderten Hirnstimulation arbeiten. Denn bereits vor Beginn der Operation zum Einsetzen der THS-Elektroden kann auf Basis von Forschungssequenzen in der Kernspintomographie das patientenspezifische Verbindungsprofil analysiert werden. „Noch bevor der invasive Teil der Behandlung beginnt, könnte der optimale Stimulationsort patientenspezifisch festgelegt werden“, so Dr. Horn. „Wir arbeiten daran, ein Verfahren für konnektivitätsbasierte tiefe Hirnstimulation aufzubauen und in Folgestudien weiter zu validieren.“ So soll in ferner Zukunft möglich sein, die Therapie im Patienten vorab im Computer zu simulieren.

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung der Charité Berlin.

Quelle:

Connectivity predicts deep brain stimulation outcome in Parkinson’s disease
Andreas Horn et al.; Annals of Neuroloy, doi: 10.1002/ana.24974

Patientenverfügung: Nur so wirkt sie

 

Leben retten oder sterben lassen? Eine Patientenverfügung soll für Ärzte bei dieser Frage eine Richtschnur sein. Doch was ist, wenn das Schriftstück unwirksam ist? Anhand von Entscheidungen des BGH wird erklärt, wie eine wirksame Patientenverfügung formuliert sein muss.

Ein Beschluss des Bundesgerichtshofs (BGH) vom Juli 2016 (BGH, Beschluss vom 06.07.2016, Az: XII ZB 61/16) hat Folgen: Viele ältere Vollmachten mit korrespondierender schriftlicher Patientenverfügung sind faktisch wirkungslos. Das ist für manche Familien bitter …

 

Der Beschluss thematisiert insbesondere Anforderungen an die Konkretheit der Vorsorgevollmacht. Nur wenn die Vollmacht – z.B. auch mit anwaltlicher oder notarieller Unterstützung – richtig formuliert ist, kann der Bevollmächtigte im Sinne des Betroffenen umfänglich für ihn einstehen. Die Betonung liegt auf: richtig formuliert.

Die Entscheidung aus diesem Jahr (BGH, Beschluss vom 08.02.2017, Az: XII ZB 604/15) geht näher auf die Bindungswirkung einer wirksamen Patientenverfügung ein.

Sachverhalt zum Beschluss 2016

Nach einem Hirnschlag wurde eine 70-jährige Frau dauerhaft pflegebedürftig und musste per Magensonde versorgt werden. Ein Jahr später verlor sie nach mehreren epileptischen Anfällen die Fähigkeit zu sprechen. Die bevollmächtigte Tochter und die behandelnde Hausärztin sind überzeugt, dass die Patientenverfügung den Abbruch der künstlichen Ernährung nicht rechtfertigt. Zwei weitere Töchter sehen dies anders und klagten.

Die Patientin hatte 2003 eine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung erstellt. Die Vorsorgevollmacht berechtigte den Bevollmächtigten „mit dem behandelnden Arzt alle … Entscheidungen abzusprechen. [Sie] soll meinen Willen im Sinne der Patientenverfügung einbringen und … Einwendungen vortragen …“.

Kurz vor dem Hirnschlag erneuerte die Frau die Erklärungen mit notarieller Unterstützung. Die Patientenverfügung blieb wortgleich, die Vorsorgevollmacht wurde neu gefasst. Hiernach darf der Bevollmächtigte „auch in … die Durchführung eines ärztlichen Eingriffs einwilligen, … Einwilligungen verweigern oder zurücknehmen… Die Vollmacht enthält die Befugnis, über den Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen zu entscheiden …“.

BGH legt die Latte hoch

Die Bevollmächtigte ist nur dann berechtigt, auch angesichts der Gefahr des Todes des Betroffenen in einen ärztlichen Eingriff einzuwilligen oder sie zu verweigern, wenn

  • sich diese Befugnis ausdrücklich aus dem Text der Vollmacht ergibt,
  • das genaue Handlungsspektrum benannt ist (darf er nur einwilligen oder auch medizinischen Maßnahme verweigern oder abbrechen lassen) und
  • konkrete Maßnahmen genannt sind, die die begründete Gefahr des Todes in sich tragen

Diese festgelegten Anforderungen an eine Vorsorgevollmacht begründet der BGH auch mit dem Gesetzeszweck.

Die Vollmacht müsse erkennen lassen, dass der Erklärende dem Bevollmächtigten die Befugnis erteilt, gegebenenfalls auch Entscheidungen zu einer passiven Sterbehilfe zu treffen. Im Text muss stehen, dass der Betroffene sein Schicksal selbst wenn es „um Leben oder Tod geht“ in die Hände der Bevollmächtigten legt (BGH 2016, Rn 20).

Die Vollmacht aus 2003 genügt diesen Anforderungen des BGH nicht. Sie gestattet, Entscheidungen „abzusprechen“. Der Bevollmächtigte darf das Gespräch mit den behandelnden Ärzten führen, entscheiden darf er nicht.

Anders die notariell verfasste Vorsorgevollmacht. Hierin steht, das und wie die Bevollmächtigte entscheiden darf: Sie darf einwilligen, verweigern und zurücknehmen und sie darf den Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen verlangen.

Unterschiede zwischen Betreuer und Bevollmächtigten

Der BGH begründet die hohen Anforderungen an die Konkretisierung in Vorsorgevollmachten mit der in 2013 erweiterten Entscheidungsbefugnis.

Während Betreuer und Bevollmächtigte früher nur in medizinische Maßnahmen (z.B. schwere Operation) einwilligen, die ggf. tödlich verlaufen können, dürfen sie seit 2013 auch Maßnahmen verweigern oder Einwilligungen widerrufen. Wie bei Einwilligungen in Maßnahmen, durch die der Betroffene sterben kann, braucht auch beim Unterlassen oder Abbrechen keine gerichtliche Genehmigung eingeholt werden, wenn sich Betreuerin oder Bevollmächtigte und Ärztin einig sind, dass die Entscheidung dem Willen der Betroffenen entspricht.

Wegen der neuen Entscheidungsbefugnis zu passiver Sterbehilfe, weist der BGH auf wesentliche Unterschiede zwischen Betreuer und Bevollmächtigte hin:

Ein Betreuer wird vom (wahrscheinlich meinten Sie “vom” – ja!) Gericht bestellt. Geprüft wird, ob und in welchen Belangen Betreuungsbedarf besteht und ob der Betreuer dafür geeignet ist. Außerdem unterliegt der Betreuer, in dem was er tut, der gerichtlichen Kontrolle.

Dem gegenüber werden viele Vollmachten ohne rechtliche Beratung erteilt. Und selbst wenn, prüft niemand, ob der Bevollmächtigte persönlich oder fachlich geeignet ist, dem Willen des Betroffenen gemäß zu handeln. Zudem ist die gerichtliche Kontrolle des Bevollmächtigten eingeschränkt.

Wegen dieser Unterschiede dient es dem Schutz des Betroffenen, dass der Text dem Betroffenen sagt: Ich lege mein Schicksal in dessen Hände. Der BGH fordert daher, dass die Vollmacht ausdrücklich die Befugnis zur Letztentscheidung für Situationen überträgt, „in denen es buchstäblich um Leben oder Tod geht“ (BGH 2016 Rn. 20). Die notarielle Urkunde der 70-jährigen erfüllt diese Anforderungen.

Welche konkreten medizinischen Maßnahmen der Bevollmächtigte bewilligen oder verweigern darf muss auch klar sein. Es genügt, wenn die Vollmacht auf die Patientenverfügung verweist, in der diese konkret benannt sind.

Patientenverfügung: Drei Fragen – dreimal „Ja“!

Ist die Vollmacht somit wirksam erteilt, ist zu prüfen, ob die Betroffene in der Patientenverfügung

  • eine eigene Entscheidung vorab getroffen hat
  • für eine Situation die genau jetzt vorliegt und
  • diese vorab getroffene Entscheidung auch jetzt noch gilt.

Dreimal „ja“ heißt: Diesem Willen muss entsprochen werden. Untersuchungen oder Behandlungen die diesem Willen entgegen stehen, stellen eine Körperverletzung dar.

Unmittelbare Bindung durch konkrete Erklärung

Die Betroffene hat für die vorliegende Behandlungssituation per Patientenverfügung selber entschieden, wenn die ärztliche Maßnahme konkret benannt ist oder sich die Konkretheit durch Bezug auf spezifische Krankheiten oder Behandlungssituationen ergibt (BGH 2016 und 2017, jeweils 3. Leitsatz). Dann ist auch der Bevollmächtigte gebunden, es bleibt kein Raum für dessen eigene Entscheidung.

Hat im beschriebenen Fall die Frau schon selber entschieden?

In ihrer Patientenverfügung steht, dass medizinisch alles auszuschöpfen sei, so lange „Aussicht auf Erhaltung eines erträglichen Lebens besteht“. Lebensverlängernde Maßnahmen sollen aber unterbleiben, wenn sie sich im Sterbeprozess befindet, keine Aussicht auf Wiedererlangung des Bewusstseins besteht oder „ein schwerer Dauerschaden des Gehirns“ zurückbleibt. Sie möchte „in Würde und Frieden sterben können“. Abschließend steht dort: „Aktive Sterbehilfe lehne Ich ab“.

Der BGH sagt: Nein! Formulierungen, wie der Wunsch nach „würdevollem Sterben“ oder „lebensverlängernde Maßnahmen“ zu unterlassen, wenn ein „Therapieerfolg nicht mehr zu erwarten“ sei, genügen nicht.

Die Patientenverfügung bindet nur unmittelbar, wenn sie konkrete Entscheidungen über noch nicht unmittelbar bevorstehende ärztliche Maßnahmen enthält. (BGH 2016 Rn 46, BGH 2017 Rn 17). Zudem muss gesichert sein, dass die vorweg getroffene Entscheidung in der aktuellen Behandlungssituation gelten soll (BGH 2017, Rn. 18).

Für den 2016er Fall sind Maßnahmen und Behandlungssituation zu unscharf benannt. In der Patientenverfügung steht nur allgemein „lebensverlängernde Maßnahmen“ und „schwerer Dauerschaden des Gehirns“. Erforderlich wäre laut BGH entweder die Benennung der anstehenden Maßnahme „künstliche Ernährung“ oder ein konkreter Bezug auf die vorliegende Krankheiten oder Behandlungssituationen. Hieran mangelt es.

Konkret benannt sind der Sterbeprozess und eine dauerhafte Bewusstlosigkeit, beides liegt nicht vor. Die Frau ist aber nicht mehr in der Lage, verbal zu kommunizieren. Der BGH sagt, es sei unklar, ob diese Situation von der Umschreibung „schwere Dauerschaden des Gehirns“ gemeint ist, weil offenbleibt, wann wer welchen Gehirnschaden als „schwer“ bewertet.

Ob die Frau, bevor sie die Fähigkeit des Sprechens verlor, mündlich einen Behandlungswunsch äußerte, wurde von den vorhergehenden Instanzen nicht geprüft. Hätte sie z.B. gesagt, bei einer bestimmten Verschlechterung wolle sie sterben und/oder dass dann die Ernährung eingestellt werde, sähe die Sache anders aus. Den mutmaßlichen Willen dahin konnte der BGH auch nicht feststellen. Jedenfalls erlebte die Betroffene bis zum Verlust des Sprechens ihr verbliebenes Leben als „erträglich“, denn sie selber hat der künstlichen Ernährung nie widersprochen (BGH 2016, Rn 52 ff).

Das vorangehende Gericht muss den Fall noch einmal prüfen. Insbesondere ist laut BGH zu klären, ob ein Behandlungswunsch oder mutmaßlicher Wille erkennbar.

Der zweite Fall – gleich und doch anders

Der Einzelfall entscheidet, ob eine Patientenverfügung genügt oder nicht. In dem 2017 vom BGH entschiedenen Fall lag eine gleichlautende Patientenverfügung vor, wie in 2016. Auch hier erlitt die Betroffene einen Schlaganfall, fiel aber später in hypoxisch bedingtes Wachkoma. Auch sie wurde dauerhaft künstlich ernährt. Auch hier ging es um die Frage: Muss oder darf die Ernährung abgebrochen werden?

Vor dem BGH urteilte ein Landgericht. Dieses folgerte aus dem Satz „Aktive Sterbehilfe lehne ich ab“, dass die Betroffene den Abbruch der begonnenen künstlichen Ernährung ablehne. Das bewertet der BGH anders: Er erkennt darin allenfalls einen gewissen Widerspruch zu anderen Erklärungen in der Verfügung.

[Anmerkung: Ein Behandlungsabbruch ist dann keine aktive Sterbehilfe und deshalb erlaubt, wenn dies dem erklärten Willen des Betroffenen widerspricht und der Abbruch dazu dient, einem ohne Behandlung zum Tode führenden Krankheitsprozess seinen Lauf zu lassen (BGH 2. Strafsenat, Urteil vom 25.06.2010, Aktenzeichen: 2 StR 454/09). Sie kann zudem ärztlich geboten sein, bei infauster Prognose oder wenn sich der Patient im unmittelbaren Sterbeprozess befindet (Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung, S. 2)]

Auch in diesem Fall sagt der BGH, dass es nicht ausreicht, dass sie „lebensverlängernde Maßnahmen“ ablehne. Und selbst hier sei die Formulierung „schwerer Dauerschaden des Gehirns“ zu unpräzise.

Dennoch genügt jetzt die gleichlautende Patientenverfügung um den Abbruch der Ernährung zu rechtfertigen. Der Grund: Die Frau liegt im Wachkoma und damit ist die umschriebene Situation „dauerhafte Bewusstlosigkeit“ gegeben.

Dieses Mal sind auch die noch gebilligten Maßnahmen konkret genug benannt, weil in der Verfügung steht, dass bei dauerhafter Bewusstlosigkeit die Behandlung und Pflege „auf die Linderung von Schmerzen, Unruhe und Angst gerichtet“ sein soll. Alles weitergehende – also auch eine künstliche Ernährung – ist von dieser Erlaubnis nicht erfasst.

Dieses Zusammenspiel von zutreffender Situationsbeschreibung und Benennung von Maßnahmen, die dann noch gewünscht werden, reicht.

Anforderungen nicht überspannen

Der BGH warnt vor überzogenen Anforderungen. Es genüge, wenn die Situation umschrieben ist, in der bestimmte Maßnahmen durchgeführt oder unterlassen werden sollen. Weder müsse der Betroffene vorausahnen, welche Krankheiten er künftig erleiden wird, noch muss er Entwicklungen in der Medizin vorwegnehmen. Daher kann eine Patientenverfügung nie so konkret sein, wie die Einwilligung in eine aktuell anstehende Behandlungsentscheidung (BGH 2017, Rn. 19).

Auch unkonkrete Patientenverfügungen helfen

Auch Verfügungen, die für den zu entscheidenden Fall zu unkonkret sind, haben Wirkung. Dann dienen sie zusammen mit anderen Äußerungen zur Feststellung, ob ein Behandlungswunsch oder mutmaßlicher Willen erkennbar ist.

Gegebenenfalls lässt sich zusammen mit anderweitigen schriftlichen oder mündliche Äußerungen der Behandlungswunsch ableiten. Im zuletzt geschilderten Fall war bekannt, dass die Patienten nach ihrem Schlaganfall schon sagte „ich möchte sterben“. Erst danach fiel sie ins Wachkoma. Auch war bekannt, dass sie die Situation einer Person, die sich in vergleichbarer Lage befand wie sie selber jetzt, mit den Worten kommentierte: „So will ich nicht sterben“.

Solche Äußerungen helfen weiter – egal ob in einem Brief geschrieben oder im Beisein möglicher Zeugen gesagt. Je aktueller ein Behandlungswunsch geäußert wurde, je konkreter er auf die Behandlungssituation passt und die Vorstellungen des Patienten erkennen lässt, um so höher ist die Bindungswirkung.

Auf den mutmaßlichen Willen des Betroffenen wird abgestellt, wenn weder ein Patientenwille noch ein ausreichend konkreter Behandlungswunsch feststellbar ist. Maßgeblich sind dann auch ethische oder religiöse Überzeugungen und sonstige persönliche Wertvorstellungen des Betroffenen, die er mündlich oder schriftlich äußerte. Aus diesen Erkenntnisquellen stellt der Bevollmächtigte eine Vermutung auf, wie der Betroffene wohl selbst entschieden hätte, wenn er noch selbst bestimmen könnte.

In dubio pro vita

Letztlich aber bleibt: Wenn es trotz Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung nicht gelingt, Behandlungswunsch oder – willen festzustellen: Im Zweifel für das Leben – so auch BGH 2016, Rn. 37.

 

Bilanz 2016 Pharmafirmen zahlten 562 Millionen Euro an Ärzte

Eine halbe Milliarde Euro hat die Pharmaindustrie 2016 an Ärzte und Kliniken gezahlt. Doch die Transparenz sinkt: Die Empfänger sind deutlich seltener bereit, dass ihre Namen bekannt werden.

Die 54 größten Pharmaunternehmen in Deutschland haben im Jahr 2016 insgesamt 562 Millionen Euro an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige in Deutschland bezahlt. Das teilte der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA), die Lobbyorganisation der Pharmaindustrie, heute in Berlin mit.
 
 Das meiste Geld (356 Millionen Euro) floss dabei als Honorar für die Durchführung von klinischen Studien und Anwendungsbeobachtungen (AWBs). 105 Millionen Euro bekamen Ärzte als Vortragshonorar und für die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen. Mit weiteren 101 Millionen Euro sponserte die Industrie Veranstaltungen und Institutionen.

Eine Unterscheidung zwischen Zulassungsstudien und AWBs lehnt die Industrie ab, obwohl AWBs unter Wissenschaftlern einen schlechten Ruf haben. Der Grund: Sie dienen häufig dazu, Ärzte mit finanziellen Anreizen dazu zu bringen, ihren Patienten ein ganz bestimmtes Präparat zu verordnen. Die Unternehmen wollen aber weder verraten, wie hoch der Anteil der AWBs unter den Studienhonoraren ist, noch welche Ärzte genau an AWBs teilnehmen.

An den Pranger gestellt?

Die Gesamtausgaben der Zahlungen an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige liegen insgesamt rund zwei Prozent unter den Werten des Jahres 2015. Damals hatte die Industrie noch 575 Millionen Euro an insgesamt 70.000 Ärzte in Deutschland gezahlt. Nach Angaben des VfA waren im vergangenen Jahr 31 Prozent der Empfänger bereit, dass die Zahlungen an sie mit der konkreten Summe und der Namensnennung des Arztes auf der Website des Pharmaunternehmens veröffentlicht werden darf. In diesem Jahr erteilten nur noch 25 Prozent ihr Einverständnis, die Daten zu veröffentlichen.

Dass die Zahl der Ärzte dieses Jahr deutlich niedriger ist als im letzten Jahr, liegt nach Ansicht der Hauptgeschäftsführerin des Pharmaverbands, Birgit Fischer, an den Medien. "Es ist schlecht, dass Ärzte, die den Weg der Transparenz gehen, an den Pranger gestellt werden. Im Vorjahr ist das zu unserem Bedauern geschehen", sagte die VfA-Chefin, ohne die Vorwürfe zu konkretisieren. "Hier liegt ein Grund, dass die Zustimmungsquote der Ärztinnen und Ärzte zur namentlichen Veröffentlichung von rund einem Drittel im Vorjahr auf rund ein Viertel in diesem Jahr gesunken ist."

Als im vergangenen Jahr 31 Prozent der Ärzte ihre Zustimmung erteilt hatten, hatte Fischer erklärt, dass die Zahl in den nächsten Jahren steigen werde. "Ich gehe davon aus, dass in Zukunft mehr Ärzte der Transparenz zustimmen werden", sagte Fischer im Juni 2016 und ergänzte: "Heute ist, glaube ich, ein Wert von einem Drittel ein ganz guter Beginn. Die Zustimmungsrate wird sich in Zukunft noch verändern."

US-Ärzte müssen transparent sein

Holger Diener von der pharmaeigenen "Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie" (FSA) erklärte am Mittwoch, dass ein Rückgang der Transparenz "natürlich zu erwarten" gewesen sei, dennoch liege die Zustimmungsrate "immer noch im erwartbaren Rahmen".

In den USA hatte die Regierung unter Barack Obama im Jahr 2010 ein Gesetz beschlossen, dass die Veröffentlichung der Pharmazahlungen an Ärzte verpflichtend festschreibt. Seit 2013 müssen die Firmen diese Zahlungen veröffentlichen und Patienten können zum Beispiel nachschauen, wie viel Geld ihr Arzt im vergangenen Jahr von welchem Unternehmen bekommen hat.

In Europa versucht die Pharmaindustrie seit mehreren Jahren, ein solches Gesetz zu verhindern, in dem sie auf eine freiwillige Transparenz pocht. Angesichts einer Zustimmungsquote von mittlerweile nur noch 25 Prozent erscheint dieser Weg aber immer fragwürdiger.

Selbst in der Industrie gibt es Stimmen, die ein Gesetz wie in den USA auch in Deutschland sinnvoll finden, weil damit klare und gleiche Bedingungen für alle gelten würden. Momentan machen ohnehin nur jene Firmen mit, die sich im Pharmaverband VfA zusammen geschlossen haben. Die kleinen und mittleren Unternehmen hingegen, die im Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) zusammengeschlossen sind, veröffentlichen bisher ebenso wenig ihre Zahlungen an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige wie die großen Generikafirmen oder auch die Homöopathie-Unternehmen.

Im vergangenen Jahr haben SPIEGEL ONLINE und "Correctiv" die Daten jener Ärzte, die mit der Nennung ihres Namens einverstanden waren, erstmals in einer Datenbank zusammengeführt und veröffentlicht.