+43-662-276071 oder +43-664-1340177

 

Warum ist Kinderanästhesie so ein heikles Thema? Es fängt ja schon damit an, dass Kinder und Krankenhäuser einfach nicht zusammenpassen. Kinder sollen herumtoben und nicht betäubt im OP-Saal liegen. Und wieso wird eigentlich behauptet, eine Narkose mache dumm?

Schmerzhafte Erkrankungen und unangenehme Untersuchungen – wie das laut hämmernde MRT – sollten nicht dazu gehören, sind aber manchmal nicht vermeidbar, um die Gesundheit der kleinen Patienten zu erhalten. Und falls eben doch mal ein Arm gebrochen ist oder der Kopf gescannt werden muss, kommen wir ins Spiel – die Anästhesisten. Wir sollen einen Zustand der An-Ästhesie (griechisch ἀναισθησία = Empfindungslosigkeit) herbeiführen.

Als wäre es nicht schon kompliziert genug, bei einem gut genährten Zweijährigen eine Narkose zu machen, so müssen wir nicht nur diese Herausforderung meistern, sondern vorher auch noch Vater und Mutter (und manchmal auch Onkel, Tanten und Großeltern) von Sinn und Notwendigkeit einer Narkose überzeugen.

Eltern sind häufig der Knackpunkt

Überzeugungsarbeit ist manchmal der komplizierteste und vielleicht sogar wichtigste Teil der Prozedur. Wenn die Eltern nicht zu 100 Prozent hinter uns stehen, überträgt sich die Unsicherheit direkt von der Mutter oder dem Vater auf das Kind.

Kinder haben ein ganz feines Gespür dafür, dass etwas nicht stimmt. Es ist also überhaupt nicht förderlich, dass Mama drölfzig Mal mantramäßig ihr „Isallesguuuuuuut-Melody-Chantal“ betet. Spätestens beim dritten Isallesguuuuut-Mantra wird Melody-Chantal gemerkt haben, dass hier gar nichts gut und irgendwas im Busch ist. Und versucht dann mal, noch einen Zugang zum Kind zu bekommen.

Wer sagt, dass Narkose dumm macht?

Man kann Kindern, die aufgeregt, nervös oder vielleicht sogar verängstigt sind, auch trotzdem eine Narkose geben. Die schlafen auch alle ein. Die Angst und Unruhe rächt sich jedoch dann am Ende der Narkose. Meine Erfahrung zeigt, dass die Kinder meistens genau so wach werden, wie sie eingeschlafen sind.

Und wer hat eigentlich behauptet, dass eine Narkose dumm macht?

Ich kenne die Arbeiten von Todorovic et al. und Stratmann et al. und habe nicht nur die Sekundärliteratur dazu gelesen, sondern auch die Fachkommentare in den Onlinepublikationen. Tiermedizinische Versuche können lediglich einen Hinweis auf beim Menschen kritisch zu beobachtende Zusammenhänge geben. Die Vergangenheit hat wiederholt gezeigt, dass selbst eindeutige tierexperimentelle Untersuchungen andere Ergebnisse erbrachten, als der gleiche Sachverhalt beim Menschen – und umgekehrt. Ich bin mir sicher: Wenn Narkosen im Kindesalter wirklich gravierende Konsequenzen hätten, dann wäre das schon bemerkt worden.

Ohne Indikation betäubt kein Anästhesist

Unabhängig von der möglichen Schädigung der Hirnentwicklung sollte ohnehin jeder operative Eingriff im Kindesalter nur bei eindeutiger Indikation durchgeführt werden. Die Kinder, die ich betäubt habe, hatten gar keine andere Wahl. Ich kann mich nicht an ein einziges Kind erinnern, bei dem ich gedacht hätte „Na, das muss man jetzt nicht unbedingt machen“.

Ein gebrochener Arm, ein gebrochener Blinddarm, eine Verbrennung – das sind knallharte Indikationen. Die Diskussionen um das Pro und Contra einer Narkose stellt sich hier für mich nicht.

Tatsächlich kann ich mich nur an eine einzige Operation erinnern, bei der über die Notwendigkeit eine Meinungsdifferenz bestand. Damals ging es um die selektive Beschneidung eines fünfjährigen muslimischen Jungens. Und selbst da würde ich sagen: Wenn schon Vorhaut ab, dann unter Narkose. Das tut nämlich weh. Aber das ist ein anderes Thema.

Fragen stellen ist gut, aus Prinzip kritisieren unnötig

Als Folge dessen ergibt sich, dass selbst eine mögliche – und bisher nicht bewiesene – Hirnschädigung als notwendiges Übel in Kauf genommen werden muss. Wer würde denn freiwillig seinem Kind beibringen wollen, dass die offene Reposition des Knochenbruchs leider ohne Narkose gemacht werden muss und Johannes-Richard jetzt ganz tapfer sein muss, nur weil es möglicherweise einen Hinweis darauf gibt, dass die Gehirnentwicklung des Nachwuchs-Einsteins einen Schaden davon tragen könnte. Eben.

Mit der Kinderanästhesie verhält es sich wie mit vielen Dingen in der Medizin. Statt sich über den Segen moderner Medizin zu freuen, werden immer neue, teils haarsträubende Argumente gegen dies und jenes herangezogen. Abenteuerliche Argumentationen fangen bei Impfungen an, kurven kurz an den Antibiotika vorbei und parken bei der Kindersonnencreme ein.

Ganz klar, Fragen ist richtig, der Mensch soll wachsam bleiben. Vielleicht macht es aber auch einfach mehr Spaß, zu kritisieren, weil man so mehr Gehör findet. Oder würden Sie sich die 192 5-Sterne-Bewertungen durchlesen, obwohl es eine einzige 1-Stern-Kritik gibt?

Von ambulanten Anästhesie-Modellen ist abzuraten

Wenn ich aber doch noch einen Rat geben kann: Ich, und alle Anästhesisten, die ich kenne, würde immer eine Klinik wählen, die explizit mit Kinderanästhesisten arbeitet.

Es gibt viele ambulante Modelle (beispielsweise in Zahnarzt- und HNO-Praxen), die sich entweder Anästhesisten als Honorarärzte tageweise dazu buchen oder mit Anästhesiepraxen zusammenarbeiten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Anästhesisten oft sehr veraltetes Equipment einsetzen und auch fachlich nicht mehr auf der Höhe sind. Außerdem fehlt das notwendige Notfallequipment und auch das Notfallbackup, falls wirklich mal was schief geht.

In „meinem“ Kindersaal konnte ich in jeder kritischen Situation noch erfahrenere Kollegen dazuholen, außerdem haben wir viel mehr mögliche Eskalationsstufen in Notfallsituationen. Airtraq, Bronchoskop, intraossärer Zugang etc. Das sind teils sehr teure, aber eben im Notfall auch lebensrettende Maßnahmen. Keine Praxis schafft sich mal eben für 10–15.000 Euro eine solche Notfallausrüstung an, die dann nur rumsteht.

Sprechen Sie mit den Experten

Falls das Thema Narkose im Kindesalter wirklich gerade bei Ihnen wichtig ist, lesen Sie nicht im Internet nach, sondern sprechen Sie mit jemandem, der sich auskennt. Und das ist nicht die Nachbarin und nicht die Klassenlehrerin, sondern der Kinder(!)anästhesist.

Wir nehmen uns gerne die Zeit, alle wichtigen Fragen zu beantworten. In Ruhe, im direkten Gespräch. Ein gutes Narkose-Vorgespräch beruhigt, spart Medikamente und sorgt für Entspannung bei allen Beteiligten.

 

Viele Patientinnen hatten lange auf diese Entscheidung gewartet. Gestern entschied der G-BA: Liposuktion bei Lipödem wird bis auf Weiteres keine Leistung der GKV. Das Gremium sieht erstmal nur „Potenzial als erforderliche Behandlungsalternative“ und will neue Studien.

Patricia leidet an einem Lipödem, einer massiven Fettverteilungsstörung mit Ödembildung. „Wenn ich das Geld hätte oder kreditwürdig wäre, würde ich mich direkt operieren lassen“, sagt die 23-Jährige in einem Interview. Je nach Zahl an Liposuktionen muss sie mit 2.000 bis 10.000 Euro rechnen. Ihre Versicherung bezahlt nur Kompressionsstrümpfe. „Das ist das einzige, was die Kasse übernimmt. Mehr steht uns Frauen nicht zu“, ärgert sie sich. Manchmal gibt es noch Lymphdrainagen. Kassen zahlen Liposuktionen aber nur selten, vielleicht in jedem zehnten Fall, schätzen Betroffene. Da die Ursache der Erkrankung bisher unbekannt ist, gibt es keine kausalen Therapien. Wissenschaftler vermuten genetische Prädispositionen und hormonelle Veränderungen als Ursachen. Sie forschen aber nach wie vor ohne erkennbaren Durchbruch.

 

Schlechte Daten, kein klares Signal

Patientenvertreter im Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatten deshalb angeregt, das Verfahren nach geltenden Kriterien zu überprüfen. Am 20. Juli fiel das mit Spannung erwartete Votum: Liposuktionen hätten „Potenzial als erforderliche Behandlungsalternative“. Auf Basis der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse sei es aber nicht möglich, zu entscheiden, ob der Eingriff eine Kassenleistung werde, so der G-BA in einer Mitteilung.

Patientinnen hatten auf eine klare Entscheidung gehofft. Schon im Mai 2014 kündigte der G-BA an, ein Beratungsverfahren zur operativen Behandlung des Lipödems mittels Fettabsaugung zu initiieren. Ein Jahr später folgte schließlich eine Aufforderung an Medizinproduktehersteller, eigene Stellungnahmen abzugeben. Ein zähes Verfahren, wie DocCheck bereits berichtete. „Wir sind sehr enttäuscht über die Entscheidung, da die Liposuktion bei Lipödem die einzige wirksame Methode ist, um diese schwere Fettverteilungsstörung zu behandeln“, sagte Marion Tehler, Patien­tenvertreterin im G-BA von der Lipödem-Hilfe Deutschland.

„Bei der Aufnahme des Beratungsverfahren hatten wir die Hoffnung, gute wissenschaftliche Studien zum medizinischen Nutzen des Eingriffs für die Patientinnen zu finden“, kommentiert Dr. Harald Deisler, unparteiisches Mitglied im G-BA und Vorsitzender des Unterausschusses Methodenbewertung. „Leider hat sich diese berechtigte Erwartung nicht erfüllt, wir hätten uns hier ein anderes Ergebnis der Studienrecherche und -auswertung gewünscht. Stattdessen müssen wir feststellen, dass die vorhandenen Studien entscheidende Fragen – beispielsweise zur Notwendigkeit von Wiederholungseingriffen oder zur Funktionsfähigkeit der Lymphbahnen nach der Operation – offenlassen.“ Laufende Studien, die neue Erkenntnisse versprochen hätten, fand Deisler nicht.

Neue Studie, neues Glück

Jetzt plant der G-BA eine Erprobungsstudie zu initiieren. Beanstandet das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) aktuelle Entscheidungen nicht, definieren Experten Eckpunkte zum Studiendesign. Deisler: „Wir erwarten, dass eine entsprechende Erprobungsrichtlinie im Januar 2018 beschlossen werden kann.“

Ziel der Untersuchungen sei, Nutzen und der Risiken der Liposuktion auf einem „ausreichend sicheren Erkenntnisniveau“ zu erfassen, schreibt der G-BA. Versorgungsforscher erhoffen sich vor allem Details zu Indikationen, Vergleichsinterventionen, zu patientenrelevanten Endpunkten und zu Qualitätsanforderungen für Leistungserbringer.

Einige ihrer Fragestellungen:

  • Verringern Liposuktionen die Beschwerden?
  • Verbessert sich die Lebensqualität?
  • Wie ist der langfristige Nutzen?
  • Sind Folge- beziehungsweise Wiederholungseingriffe notwendig?
  • Wie sicher ist die Methode?

Liegen alle Daten vor, plant der G-BA ein neutrales Institut mit der Auswertung zu beauftragen. Erst dann lässt sich klären, ob Liposuktionen zum regulären GKV-Leistungsanspruch werden.

Betroffene Frauen berichten, wie sie die Krankheit beeinträchtigt und zeigen ihren Körper.

Mythen und Missverständnisse

Wie viele Patientinnen von möglichen Neuregelungen profitieren, lässt sich derzeit kaum abschätzen. Lipödeme treten nahezu ausschließlich bei Frauen auf, meist in der Pubertät, der Schwangerschaft oder im Klimakterium. Laut S1-Leitlinie sind je nach Studie 0,1 Prozent, aber auch zwischen 7,0 und 9,0 Prozent aller Frauen betroffen. Untersuchungen in Kliniken zeigten Werte zwischen 8,0 und 18,0 Prozent. Möglicherweise lassen sich derart schwankende Zahlen damit erklären, dass Lipödeme, sonstige Ödeme und Adipositas nicht in jedem Fall klar voneinander abgegrenzt worden sind.

Abgrenzung von Lipödem

Abgrenzung von Lipödem, Lipohypertrophie, Adipositas und Lymphödem © S1-Leitlinie „Lipödem“

Welche Rolle Hormone und deren Rezeptoren spielen, ist Thema von Forschungsprojekten. Jedenfalls führen Phasen mit hormoneller Umstellung zur Hypertrophie und Hyperplasie von Fettzellen. Außerdem verändern sich Bindegewebsstrukturen. Durch Störungen der Kapillarpermeabilität gelangt mehr Flüssigkeit aus Gefäßen in das Zwischengewebe.

Diese pathologischen Vorgänge führen zur ungleichen Fettverteilung zwischen dem Stamm und den Extremitäten. Grund ist eine Vermehrung des Unterhautfettgewebes an den Extremitäten. Ödeme und Hämatome nach leichten Verletzungen sind Bestandteil des Krankheitsbildes. Patientinnen klagen über Schmerzen, wobei sie ästhetische Effekte und die damit verbundenen psychischen Belastungen mindestens ebenso stark beeinträchtigen.

Fortschreitender Verlauf

Der Leidensdruck wächst mit fortschreitendem Krankheitsverlauf, wobei Aussagen zur zeitlichen Progression kaum möglich sind. Drei Stadien sind bekannt:

  • Stadium 1: Glatte Hautoberfläche mit gleichmäßig verdickter, homogen imponierender Subkutis
  • Stadium 2: Unebene, überwiegend wellenartige Hautoberfläche, knotenartige Strukturen im verdickten Subkutanbereich
  • Stadium 3: Ausgeprägte Umfangsvermehrung mit überhängenden Gewebeanteilen

Die Leitlinie nennt je nach Schweregrad und vorherrschendem Symptom Kompressionen, manuelle Lymphdrainagen, Bewegung und Liposuktionen als Therapie:

Lipödem: Thrapie

© S1-Leitlinie „Lipödem“

„Zur dauerhaften Reduktion des krankhaften Unterhautfettgewebes an Beinen und Armen wird die Liposuktion eingesetzt“, schreiben Experten in der Leitlinie. „Sie ist insbesondere dann angezeigt, wenn trotz konsequent durchgeführter konservativer Therapie noch Beschwerden bestehen bzw. wenn eine Progredienz von Befund (Unterhautfettvolumen) und / oder Beschwerden (Schmerzen, Ödeme) auftritt.“ Jetzt bleibt Betroffenen nur, abzuwarten oder die hohe Summe von mehreren tausend Euro selbst zu zahlen.

 

In Deutschland glauben etwa 60 Prozent der Menschen, bestimmte Lebensmittel nicht zu vertragen. Aber an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit leidet nur ein Bruchteil von ihnen. Ärzte sollten Patienten davon überzeugen, dass sie mehr vertragen, als sie denken.

Verunsicherte Patienten zwingen sich oft vorschnell zu Verzichtsdiäten oder bestellen im Internet teure, aber teilweise nicht aussagekräftige Lebensmittel-Reaktionstests. Ärzte können Patienten durch gezielte Aufklärung überzeugen, nicht unnötigerweise bestimmte Lebensmittel aus ihrem Alltag zu streichen. Die Begriffe „Allergie“, „Intoleranz“ und „Unverträglichkeit“ werden oft  vermischt – dabei sind dies unterschiedliche Dinge, die es voneinander abzugrenzen gilt.

 

Nur vier Prozent leiden an einer Intoleranz bzw. Allergie. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie verschiedener Allergologen vom Brigham and Women´s Hospital, dem Partners HealthCare System sowie der Havard Medical School in Boston. Die Mediziner hatten 2,7 Millionen Dokumente von Patienten analysiert, die zwischen den Jahren 2000 und 2013 in Boston und Umgebung behandelt worden waren. Die Akten verfügten über ein „Allergie“-Feld, in das die Mediziner unerwünschte Reaktionen auf Essen, Medikamente oder Umweltstoffen eintragen konnten. Allerdings enthalten die Daten neben bestätigten auch unbestätigte Intoleranzen bzw. Allergien sowie Nahrungsmittelvorlieben der Patienten.

Insgesamt hatten die Allergologen in den 13 Jahren etwa 100.000 Reaktionen auf Lebensmittel registriert, wobei ein Patient durchschnittlich 1,2-mal reagiert hatte. 28 Prozent der Intoleranzen oder Allergien äußerten sich in Form einer Urtikaria, 16 Prozent in Form einer Anaphylaxie und 12 Prozent in Form von Magen-Darm-Beschwerden. Reaktionen wie Anaphylaxie, Kurzatmigkeit, Bronchospasmus, Urtikaria, Juckreiz, Angioödem oder Hypotension ordneten die Autoren als potenziell Immunglobulin E vermittelt ein. Übelkeit, Erbrechen, Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen wurden demnach als Folgen einer Intoleranz eingeordnet.

Allergie oder Intoleranz?

Aus medizinischer Sicht ist eine „Nahrungsmittelunverträglichkeit“ der Überbegriff für unterschiedliche, unerwünschte Reaktionen auf Nahrungsmittel:

  • Funktionelle Nahrungsmittelunverträglichkeit: Ursache ist eine isolierte Funktionsstörung (z. B. ein Enzymmangel), bei der der Magen-Darm-Trakt anatomischmorphologisch nicht verändert wird.
    Toxische Reaktionen (Vergiftungen): Ursache können Nahrungsstoffe sein, die mit Bakterien-, Pflanzen- oder Pilztoxinen, Glykoalkaloide oder anderen Giften verunreinigt waren.
    – Nicht-toxische Reaktionen werden weiter unterteilt in:
    a) Immunologisch vermittelte Reaktionen (Allergie)
    b) Nicht immunologische vermittelte Reaktionen (Intoleranz)
  • Strukturell bedingte Nahrungsmittelunverträglichkeit (eher selten): Ursache ist eine anatomisch-morphologisch belegbare Erkrankung. Es kommt zu einer Strukturveränderung des Magen-Darm-Trakts, die die Beschwerden beim Verzehr von Nahrungsmittel hervorrufen.

Eine Allergie beispielsweise gegen Kuhmilch ist ebenso eine Unverträglichkeit wie eine Intoleranz zum Beispiel gegen Milchzucker. Beide haben jedoch ganz andere Ursachen, mitunter andere Folgen und müssen ganz anders behandelt werden. Im Fall der Milchallergie reagiert das Immunsystem mit der Produktion von Antikörpern der Klasse E, Immunglobulin E oder kurz IgE. Die allergischen Reaktionen sind nicht auf bestimmte Organe begrenzt. Schleimhautreaktionen in der Mundhöhle und im Rachen (am häufigsten), Hautveränderungen (Quaddeln, Quincke-Ödem), Beschwerden im Magen-Darm-Trakt (Diarrhö, Obstipation), Hals-Nasen-Ohren-Bereich (Niesattacken, Fließschnupfen), Bronchien (Husten, Atemnot) oder sogar ein anaphylaktischer Schock sind möglich.

Die Laktoseintoleranz beruht auf einem Enzymdefekt: Das Enzym Laktase, welches im Dünndarm Milchzucker verdaut, steht nicht oder nur in geringen Mengen dem Körper zur Verfügung. Die Folgen dieses Mangels sind Blähungen, breiiger Stuhlgang oder Diarrhoen sowie teils kolikartige Bauchschmerzen. Die Beschwerden sind grundsätzlich auf den Magen-Darm-Trakt beschränkt; Atemnot oder Hautveränderungen treten nicht auf.

Frauen sind häufiger betroffen

Laut den amerikanischen Allergologen waren besonders Frauen (4,2 Prozent versus 2,9 Prozent) und Asiaten (4,3 Prozent versus 3,6 Prozent) von einer Lebensmittelintoleranz oder -allergie betroffen. Etwa 50 Prozent der dokumentierten Vorfälle könnten durch Immunglobulin E vermittelt gewesen sein. Bei einer immunologisch vermittelten Nahrungsmittelallergie reagierten die Menschen vor allem auf Meeresfrüchte (0,9 Prozent), Obst oder Gemüse (0,7 Prozent), Milchprodukte (0,5 Prozent) sowie Erdnüsse (0,5 Prozent) allergisch. Angaben zu Nahrungsmittelintoleranzen wurden nicht gemacht.

Die Studie wurde vorwiegend in Massachusetts in der Region New England durchgeführt. Daher ist fraglich, ob die Ergebnisse auf die gesamten Vereinigten Staaten übertragen werden können. Denn die Häufigkeit von Lebensmittelallergien und ihre Auslöser sind von Region zu Region unterschiedlich. Besonders oft leiden Menschen in Ballungsräumen und in New England darunter. Zudem ist die Bevölkerung in New England zu 83 Prozent, in den übrigen Staaten jedoch nur zu 64 Prozent kaukasischer Abstammung.

…und in Deutschland?

Nur etwa ein bis zwei Prozent der Erwachsenen leiden laut Prof. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe an potenziell bedrohlichen Nahrungsmittelallergien, die primär in Folge einer Sensibilisierung im Magen-Darm-Trakt auf vorwiegend stabile Proteinallergene entstehen – häufig schon im Säuglings- oder Kleinkindalter. Der Hautarzt und Allergologe ist im Allergie- und Asthma-Zentrum Westend in Berlin tätig und lehrt an der Charité Universitäts-Hautklinik.

Werden auch die Patienten berücksichtigt, die an einer sekundären Nahrungsmittelallergie leiden, erhöht sich die Zahl der Betroffenen jedoch auf fünf bis zehn Prozent. Sekundäre Nahrungsmittelallergien entstehen infolge einer Sensibilisierung gegen Pollenallergene mit anschließender Reaktion auf strukturverwandte Allergene in Lebensmitteln. In unseren Breiten stehen Birkenpollen-assoziierte Nahrungsmittelallergien an der Spitze: IgE gegen das Birken-Hauptallergen Bet v 1 bindet an ähnliche Stressproteine aus der PR-10-Familie, die in winziger Menge in Kern- und Steinobst, Nüssen, Karotten und Soja enthalten sind.

Meist verlaufen die lokalen Reaktionen nach Kontakt der Mundschleimhaut mit den rohen pflanzlichen Nahrungsmitteln mild, die Bet v 1-homologen Proteine sind nämlich thermo- und säurelabil. In gegarten Lebensmitteln sind sie unschädlich; nach dem Verschlucken werden sie ohnehin von der Magensäure zerstört. Nur manchmal reagieren Birkenpollen-Allergiker je nach Menge und Begleitumständen (z.B. nach körperlichen Anstrengungen) auch heftig auf diese pflanzlichen Nahrungsmittel, vor allem im Kopfbereich z.B. mit grotesken Schwellungen. Sicher häufiger als Nahrungsmittelallergien ist die Laktoseintoleranz. Etwa zehn bis 15 Prozent  der Deutschen leiden wahrscheinlich an dem Enzymmangel.

Die Zahl der Menschen, die glauben, bestimmte Lebensmittel nicht zu vertragen, ist deutlich höher. In Deutschland sollen es gemäß kürzlich publizierter Zahlen über 60 Prozent sein [Paywall]. Doch nicht alle kommen in eine allergologische Sprechstunde. „Ihre Fälle werden also nicht dokumentiert und die Betroffenen nicht behandelt. Man weiß daher nicht, ob eine Unverträglichkeit vorliegt, und um welche es sich handelt“, so Prof. Dr. med. Dr. h. c. Torsten Zuberbier, Leiter des Allergie-Centrum-Charité von der Stiftung ECARF.

Die Frage, ob Allergien und Intoleranzen zunehmen, sei laut dem Allergologen schwierig zu beantworten. „Bei Allergien lässt sich aber etwa beobachten, dass Heuschnupfen stärker und intensiver auftritt, weil der Klimawandel hierzulande für eine längere Pollensaison sorgt, exotische Pflanzen heimisch werden und auch die Luftverschmutzung eine Rolle spielt. Pollenassoziierte Kreuzallergien treten dadurch natürlich auch häufiger auf“, erläutert Torsten Zuberbier. „Auch lässt sich beobachten, dass exotische Lebensmittel mittlerweile immer und überall erhältlich sind, auch das kann Sensibilisierungen gegen einige Lebensmittel verstärken“ erläutert Torsten Zuberbier.

Zudem wurden viele Allergien bzw. Intoleranzen früher nicht als solche erkannt. „Viele Menschen achten in dieser Hinsicht heute stärker auf ihren Körper und sie gehen dann zum Arzt, weil sie vermuten, dass etwas nicht stimmt. Das ist zu begrüßen“, so Torsten Zuberbier.

Tests im Internet – sinnvoll?

Auch viele Firmen haben das gesteigerte Gesundheitsbewusstsein der Deutschen erkannt und bieten Tests zum Nachweis von Nahrungsmittelunverträglichkeiten an – einfach, schnell und ohne Wartezeiten. Lebensmittel, die einem „nicht guttun“, sollen dann vom Speiseplan für eine bestimmte Zeit gestrichen werden. So könne die Nährstoffaufnahme verbessert, die Ausdauer im Sport gesteigert werden und man regeneriert nach dem Training schneller.

Video:

Bei diesen im Internet angebotenen Selbsttests kommt es darauf an, was im Blut nachgewiesen wird. Tests, die das Immunglobulin E nachweisen, gelten als wichtiger diagnostischer Baustein bei Verdacht einer Nahrungsmittelallergie. Dennoch können erhöhte IgE-Werte nur eine Allergiebereitschaft anzeigen, die bei etwa der Hälfte der deutschen Bevölkerung erhöht ist. „Aber nur die Hälfte der Menschen mit Allergiebereitschaft entwickelt Beschwerden, sodass man von einer Allergie sprechen kann“ meint Jörg Kleine-Tebbe. Bluttests auf spezifische IgE-Antikörper können daher auch verunsichern, wenn sie ungezielt und ohne vorherigen Allergieverdacht vorgenommen werden.

Tests, die das Vorhandensein des Immunglobulins G im Blut messen, sind dagegen laut Jörg Kleine-Tebbe sinnlos. Denn jeder menschliche Körper reagiert bei Kontakt mit fremden Proteinen mit der Bildung spezifischer IgG-Antikörper. Ein hoher IgG-Spiegel zeigt daher keine Unverträglichkeit an, sondern nur, dass diejenige Person das entsprechende Nahrungsmittel zu sich genommen hat und sein Immunsystem fremde Proteine erkannt hat. „Das ist rausgeschmissenes Geld“, urteilt Jörg Kleine-Tebbe, der mit anderen Allergologen und Wissenschaftlern bereits 2009 europäische Leitlinien zu diesem Thema veröffentlicht hat. Daher wird auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz von der Anwendung von IgG-Tests gegen Nahrungsmitteln ganz klar abgeraten. Auch von anderen Methoden mit unwissenschaftlicher Basis wie Bioresonanz oder Kinesiologie wird laut Jörg Kleine-Tebbe in der kürzlich überholten Leitlinie zu Nahrungsmittelallergien entschieden abgeraten.

Die gleiche Meinung vertritt auch Torsten Zuberbier. „Wer fürchtet unter einer Nahrungsmittel-Intoleranz zu leiden, sollte zu einem fachkundigen Arzt gehen“, rät er. „Wir raten generell von Tests ab, deren wissenschaftlicher Nutzen unklar oder widerlegt ist. Dazu gehören sogenannte IgG-Tests, Haaranalysen, Bioresonanz oder kinesiologische Tests.“

Die Rolle der Lebensmittelindustrie

Auch die Lebensmittelindustrie hat den Trend erkannt und setzt verstärkt auf gluten- und laktosefreie Produkte. Die auffällige Werbung mancher Hersteller sowie die Vielzahl der angebotenen Produkte können bei den Verbrauchern den Eindruck erwecken, so die Verbraucherzentrale Sachsen, dass es sich um besonders qualitativ hochwertige Lebensmittel handle, die das Wohlbefinden steigern und beim Abnehmen helfen.

Die vielen Berichte über Stars und ihre Ernährungsspleens fördern diesen Eindruck. Lebensmittel, die frei von Gluten oder Laktose sind, gelten daher häufig als Lifestyle-Produkte. Umfragen zufolge ernähren sich bis zu zehn Prozent der Menschen glutenfrei – und das obwohl sie das nicht bräuchten. „Das ist eine Modeerscheinung. Die Menschen glauben, dass Gluten für alle möglichen Beschwerden verantwortlich ist“ sagt Jörg Kleine-Tebbe. Andererseits gäbe es tatsächlich Menschen, die Gluten nicht vertragen; etwa ein Prozent der Bevölkerung würde zum Beispiel an Zöliakie, einer Erkrankung bei der sich IgA-Antikörper und Entzündungen im Darm bei Ernährung mit Gluten bilden, leiden und die müssten das Klebe-Eiweiß konsequent meiden.

Viel Unwissen

Doch wie können Ärzte ihre Patienten davon überzeugen, dass sie nicht unnötig auf Lebensmittel verzichten müssen, wenn vermeintlich eine Allergie oder Intoleranz vorliegt? „Vertrauen gewinnen“ antwortet Jörg Kleine-Tebbe. „Und den Patienten anschließend aufklären.“ Torsten Zuberbier sieht das ähnlich. „Diagnose, Beratung und Aufklärung sind das A und O,“ meint er und nennt folgendes Beispiel:

Menschen mit nachgewiesener Kuhmilchallergie müssen das Allergen, in diesem Fall die Milch, in jedweder Form meiden. Aber eine Kuhmilchallergie ist sehr selten im Gegensatz zu einer Laktoseintoleranz. Die Folgen beider Unverträglichkeiten können manchmal ähnlich sein: Bauchkrämpfe, Verdauungsbeschwerden, Unwohlsein. Aber für Menschen mit Kuhmilchallergie kann der Kontakt mit dem Allergen mitunter lebensbedrohlich werden (anaphylaktischer Schock). Bei einer Laktoseintoleranz passiert dies nicht. In so einem Fall reicht es aus, wenn die Betroffenen stark laktosehaltige Lebensmittel meiden oder bei Bedarf Laktasetabletten zu sich nehmen, um den Milchzucker richtig zu verdauen.

Hier gibt es viel Unwissen: „Menschen mit Laktoseintoleranz verzichten oft unnötig auf Milchprodukte, die von Natur aus kaum oder gar keine Laktose enthalten. Dazu gehören Schnittkäse oder Mozzarella. Dann wiederum gibt es Produkte, etwa Vollmilchschokolade, denen Milchpulver konzentriert zugefügt wird, und die einen hohen Laktosegehalt aufweisen. So kann die groteske Situation entstehen, dass im Einkaufswagen die teure laktosefreie Milch, zum Wohle der Gesundheit, neben dem Fünferpack Schokoriegel liegt“ erläutert Torsten Zuberbier. „Je nach Unverträglichkeit lassen sich gute Ernährungspläne aufstellen, die viele Lebensmittel beinhalten. Abwechslungsreiche Ernährung ist wichtig, deshalb sollte man nicht unnötig auf Lebensmittel verzichten, die für den Körper wichtig sind.“

Doch nicht immer ist eine Intoleranz oder Allergie an Magen-Darm-Beschwerden schuld. Denn manche Lebensmittel sind einfach schwer verdaulich und sollten daher immer nur in Maßen verzehrt werden. „Ein Teller voller Pilze, Bohnen und Sauerkraut, dazu ein großes frittiertes Schnitzel an dunkler Mehlschwitze, ein Stück Sahnetorte, fünf Scheiben Käse und drei Gläser Rotwein: Natürlich kommt es da zu Beschwerden, denn die Mengen an sich und ihre Kombination sind nicht gut verträglich“, so Torsten Zuberbier.

Exkurs: Nachweis von Allergien und Intoleranzen

„Ob und welche Unverträglichkeit vorliegt, klären wir zunächst in einem Gespräch über die Beschwerden und Ernährungsgewohnheiten,“ so Torsten Zuberbier. „Wenn wir eine Allergie vermuten, wird dieser Verdacht mit einem Hauttest und/oder Bluttest weiter abgesichert.“ Allerdings zeigen solche Tests nur die Sensibilisierung für einen bestimmten Stoff an – ein Beweis für eine Allergie sind sie nicht. Der anschließende Provokationstest bringt dann Sicherheit. Hierfür ernähren sich die Patienten einige Zeit allergenfrei. Im Anschluss erhalten sie unter ärztlicher Kontrolle geringe Mengen des Lebensmittels.

Zur Diagnose der Nahrungsmittel-Intoleranzen stehen eine Reihe von diagnostischen Mitteln zur Verfügung, die sich zum Teil von allergologischen Tests unterscheiden. Neben einer ausführlichen Anamnese sowie das Führen eines Ernährungstagebuchs kommen Atemtests oder auch Provokationen zum Einsatz. „Wenn dann eine exakte Diagnose vorliegt, können wir gemeinsam mit dem Patienten einen geeigneten Therapieplan entwickeln,“ so Torsten Zuberbier.

 

Bei Männern in den westlichen Ländern ist die Spermienkonzentration seit den 1970er Jahren um mehr als 50 Prozent zurückgegangen. Experten sehen keine Spermakrise, raten aber dazu, den Trend weiter zu untersuchen. Derzeit gibt es mehrere Erklärungsansätze.

Die Konzentration von Spermien hat sich bei Männern aus Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland zwischen 1973 und 2011 um insgesamt 52,4 Prozent verringert. Im gleichen Zeitraum ist die Gesamtzahl an Spermien pro Erguss um 59,3 Prozent gesunken. Zu diesen Ergebnissen kommt Hagai Levine, Epidemiologe von der Hadassah-Hebrew University in Israel. Bei Männern aus Südamerika, Asien und Afrika fand er jedoch keine statistisch signifikanten, negativen Trends. Weitere Parameter, etwa die Beweglichkeit von Spermien, konnte Levine nicht analysieren.

 

Gute Daten, schlechte Daten

Für seinen systematischen Review mit Metaanalyse fand Levine 185 Studien aus den Jahren 1973 bis 2011 mit insgesamt 42.935 Männern. In allen Fällen lagen Samenproben zur Untersuchung vor. Für Männer aus Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland lagen dem Forscher gute Daten vor. Ob der Unterschied der Spermienkonzentration zwischen Männern aus diesen Ländern im Vergleich zu Männern aus Südamerika, Asien und Afrika tatsächlich so groß ist, lässt sich aus den vorhandenen Studien nicht ableiten, denn Levine verweist auf „schlechte Daten“ bei Männern außerhalb westlicher Länder. Auch wenn dadurch ein Vergleich nicht möglich ist, lohnt es sich, die Daten aus den westlichen Ländern genauer zu betrachten und nach Erklärungen zu suchen.

sperm1

sperm2

Spermienkonzentration (a) beziehungsweise Gesamtzahl (b) bei Männern aus westlichen Ländern und aus anderen Regionen. In der Gruppe “Fertile” lagen Informationen zur Fruchtbarkeit vor – etwa durch eine frühere Vaterschaft. Screenshot DocCheck / © Hagai Levine et al., Hum Reprod Update

Auf der Suche nach Ursachen

 

Mögliche Gründe seines Trends hat Levine nicht untersucht. Dennoch berichtet er von Hypothesen: „Aus früheren Studien wissen wir, dass die Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren in utero die Entwicklung des männlichen Fortpflanzungssystems und das Fertilitätspotenzial schädigen kann. Später im Leben kommen Chemikalien wie Pestizide oder Tabakrauch, aber auch starkes Übergewicht, noch hinzu.“ Falls sich die regionalen Unterschiede doch durch bessere Studien bestätigen lassen, sieht er die unterschiedliche Exposition gegenüber Substanzen, allen voran Pestiziden, als Erklärung.

Gleichzeitig rät er, den Trend ernst zu nehmen: „Unsere Daten zeigen, dass der Anteil der Männer unterhalb der Schwelle zur Subfertilität oder Infertilität steigt.“ Klare Folgen für das Bevölkerungswachstum werde es erst geben, falls ein erheblicher Teil der Bevölkerung eine sehr niedrige Fruchtbarkeit aufweise. Bei Experten ruft diese Beurteilung ein geteiltes Echo hervor.

„Kein Grund, beunruhigt zu sein“

 

„Es besteht meines Erachtens kein Grund, beunruhigt zu sein“, kommentiert Professor Dr. Sabine Kliesch vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie, Universitätsklinikum Münster, die Studie. „Die gezeigten Veränderungen befinden sich alle in einem hoch-normalen Bereich, das heißt eine Einschränkung der Zeugungsfähigkeit ist aufgrund der statistisch beobachteten Veränderungen zunächst nicht zu erwarten.“

Sie verweist auf bekannte Schwankungen bei ein und demselben Patienten innerhalb des Normbereichs. Noch entscheidender als die Gesamtzahl an Spermien sei die Zahl beziehungsweise die Konzentration an vorwärts-beweglichen Spermien. Nur diese würden Eizellen überhaupt erreichen. „Und hierzu gibt es in dieser Analyse keine Aussage“, gibt Kliesch zu bedenken.

Welche Rolle Chemikalien spielen, kann sie nicht sagen: „Möglicherweise liegt hier eine Assoziation vor, aber ob es eine Kausalität gibt, wäre zu prüfen.“ Bekannt sei eher, dass Substanzen die Funktion, aber weniger die Zahl an Spermien veränderten. „Die Bandbreite ist groß und reicht von Medikamenten-Einnahmen, externen Noxen wie zum Beispiel das Rauchen, über Begleiterkrankungen bis hin zu veränderten Analysemethoden.“

Das Alter von Frauen als eigentliches Problem

 

Professor Stefan Schlatt, Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin in Münster, gibt ebenfalls Entwarnung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt als Referenzwerte für männliche Unfruchtbarkeit weniger als 39 Millionen Spermien pro Ejakulat oder weniger als 15 Millionen Spermien pro Milliliter. „Also rutscht mit der Zeit eine kleine Gruppe von Männern unter diese Zahl, aber das ist nicht bedenklich“, sagt Schlatt. „Das eigentliche Problem für Fruchtbarkeit von Paaren ist das Alter – aber nicht das Alter des Mannes, sondern das der Frau.“

Ob es die häufig proklamierte Spermakrise gibt oder nicht gibt, kann er nicht sagen. „Diese Studie hat aber den Vorteil, dass sie klar zeigt: Es ist zumindest tatsächlich was dran an der Theorie, dass die Zahlen sinken. Inwiefern deswegen die Fruchtbarkeit von Männern sinkt, kann diese Studie nicht belegen.“

Zu den möglichen Gründen kann Schlatt nur spekulieren: „Das Handy in der Hosentasche, endokrine Disruptoren aus der Umwelt, die Acetylsalicylsäure im Schmerzmittel, ein anderer Hormon-Stoffwechsel wegen Übergewicht oder der Missbrauch von Hormonen für den Muskelaufbau: All das steht im Verdacht, Ursache für weniger Spermien zu sein.“

Er hält ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren für wahrscheinlich, außer beim Rauchen: „Das ist definitiv schlecht für die Spermienzahl; das ist wissenschaftlich gesichert.“ Levines Arbeit sollte also Ansporn sein, die These weiter zu prüfen und dann gegebenenfalls die Ursachen zu erforschen.

 

Die hierarchischen Rollen in Kliniken sind seit 150 Jahren klar verteilt: die Oberen herrschen, die Unteren buckeln. So werden Operationsschwestern vom Chirurgen als „dumm“ bezeichnet. Und für Assistenzärzte gehören öffentliche Schikanen während der Visite zum Klinikalltag dazu.

Das Krankenhaus ist von Natur aus ein Ort, an dem es um Leben und Tod geht. Das ist die Arbeit, die Ärzte, Krankenschwestern und andere Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes gewählt haben. Die ständige drohende Gesundheitsgefahr der Patienten, der enorme emotionale und auch körperliche Stress kann sie motivieren oder runterziehen. Doch was dabei immer an erster Stelle stehen muss, ist ein Höchstmaß an Professionalität. Was aber tun, wenn das nicht funktioniert und die starren Hierarchieebenen von Vorgesetzen missbraucht werden?

Sticheleien zwischen Pflegepersonal und Ärzten

Janina K. ist Krankenpflegerin in einer großen Münchner Klinik. Ihren vollen Namen und genauen Arbeitsort möchte sie nicht nennen, aus Angst vor möglichen negativen Konsequenzen. Sie berichtet, dass sie und ihre Kolleginnen beinahe täglich unfaires Verhalten der Ärzte ihnen gegenüber erleben. Das harmloseste sei die offensichtliche Nichtbeachtung ihrer Person, gerade im Beisein von Patienten oder das maßlose Anherrschen, sollte etwas nicht zur Zufriedenheit der Ärzte erledigt worden sein. Erfahrene Operationsschwestern würden von den Chirurgen häufig als „blöd“, „debil“ oder „faul“ angepöbelt, und das nicht unter vier Augen, sondern vor Assistenten und anderen Zuhörern.

Man lernt mit solchen Sticheleien umzugehen und auch das schlechte Gerede hinter dem Rücken zu ignorieren, betont die Pflegekraft. Doch es gibt auch Situationen, die Janina ziemlich zusetzen, gerade dann, wenn sie auch für Patienten gefährlich werden können. So hatte Janina einmal einen Mann betreut, der für eine Stammzelltransplantation vorgesehen war. Er hatte typische Symptome eines Herzinfarkts gezeigt, was durch die Medikamente, die er bekam, hervorgerufen werden konnte. Wenn der Patient jedoch kardial instabil ist, kann das eine geplante Transplantation sehr riskant machen. Also bekam der Patient ein EKG angelegt und die Schwestern warteten auf den Arzt, der es auswerten sollte.

Als die Morgenvisite startete und der Patient dem diensthabenden Arzt von seinen stechenden Brustschmerzen berichtete, warf dieser nur einen kurzen Blick auf das EKG, während er gleichzeitig auf seinem Smartphone herumtippte. Er kam schließlich zu der Feststellung, dass ihn das jetzt nicht beträfe und sich ein anderer Kollege doch „irgendwann“ darum kümmern solle. Der Arzt war für seine herrische Ungeduld bekannt.

An guten Tagen brodelte seine schlechte Laune nur an der Oberfläche, an schlechten kochte sie über. Janina fühlte sich in einer Pattsituation. Würde sie den Arzt noch einmal auf die Beschwerden und die möglichen Risiken wegen der bevorstehenden Transplantation ansprechen, könnte es sehr ungemütlich für sie werden, wenn sie die Wut des Arztes ab bekäme. Ließe sie es jedoch bleiben, könnte das dem Patienten schaden. Als sie beim Arzt schließlich doch noch einmal zaghaft nachfragt, dreht dieser sich plötzlich inmitten der versammelten Mannschaft zu ihr um und schreit sie wutentbrannt an: „Warum?! Wollen Sie etwa meinen Job tun? Haben Sie etwa Medizin studiert?“. Die Krankenpflegerin ist eingeschüchtert und fühlt sich vorgeführt. Die versammelte Runde bricht in leises Gekicher aus. Dies ist nur eine von vielen Situationen, in denen die altbekannte Hierarchie zwischen Ärzten und Schwestern sich von ihrer schlimmen Seite zeigt.

Schikanieren der Assistenzärzte

Doch nicht nur das Pflegepersonal muss unter denjenigen leiden, die ihre Machtposition missbrauchen. Auch die Ärzte selber erfahren solche Demütigungen häufig am eigenen Leib, gerade in ihrer Anfangszeit.

Assistenzärzte stehen besonders unter Druck, da sie zur Facharztprüfung einen dicken Katalog an Operationen und Untersuchungen nachweisen müssen und häufig daneben auch noch wissenschaftlich tätig sein müssen. Sie haben oft nur einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag, wodurch die Chefärzte sie in der Hand haben und deren unangemessenes Verhalten nicht geahndet, sondern toleriert wird.

Beliebt ist laut Assistenzarzt Hannes R., der in einer großen chirurgischen Abteilung arbeitet, das Bloßstellen während der Visite. Hannes berichtet, dass Assistenzärzte regelmäßig vom Chefarzt vor den Patienten „ausgefragt“ werden. Sie müssen dann auswendig die Patientenakte hinunter beten, inklusive Wohnort, früherer Arbeitsstellen, Haustiere und anderer häufig unrelevanter Informationen. Bei Nichtwissen würde der Vorgesetzte dann süffisant vor dem Patientenbett bemerken „Sehen Sie, Sie sind kein guter Arzt. Wie soll nur jemals was aus Ihnen werden“.

Auch Dr. Rebecca Mahnsen*, die Assistenzärztin in einer Kölner Klinik ist, berichtet uns von ähnlichen Erlebnissen. „Die PJler und Famulanten werden regelmäßig wie Luft bei den Visiten behandelt, wobei ich diese ja noch beneide.“ Die Assistenzärzte hingegen werden jederzeit vor der versammelten Runde runtergemacht, wenn etwas nicht so notiert wurde, wie der Chef persönlich es wolle oder bei sonstigen „angeblichen“ Fehlern.

Einmal wurde eine Kollegin angeschrien, weil sie eine Minute zu spät zum Dienst erschien. Rebecca Mahnsen berichtet, dass sie häufig einfach von ihrem Chefarzt ignoriert würde. So würde dieser ziemlich wichtige OPs ihrem männlichen Kollegen geben, während sie leer ausginge. Wenn sie dann darauf zu sprechen komme, würde der Arzt nur grinsen und meinen, dass sie noch nicht „das Zeug dazu hätte“.

Medizinstudenten werden ausgenutzt

Solche Situationen, in denen die hierarchischen Ebenen im Krankenhaus ausgenutzt werden, erleben viele Ärzte tagtäglich. Ein PJler in der Inneren Medizin erzählte uns, dass sein Oberarzt auf Station immer die ganzen Patientenakten rausreißen und auf den Boden werfen würde, wenn er etwas nicht richtig eingeordnet hätte. Oder er würde ihn mit Botengängen schikanieren, wie etwa, dass er der versammelten Mannschaft Kaffee holen müsse und deswegen „leider“ nicht an der interessanten Besprechung teilnehmen könne.

Auch würde sein Chef ihm häufig kurz vor Dienstschluss noch längere Aufgaben aufs Auge drücken, wie etwa Aktenschränke auszusortieren, damit er ja nicht pünktlich gehen kann so wie die anderen Ärzte auch. Doch auch schon im Studium bekommen viele Medizinstudenten die hierarchischen Ebenen im Krankenhaus zu spüren. Beispielsweise, wenn es um das Erstellen der Doktorarbeit geht.

Stefanie K. bekam das am eigenen Leib zu spüren. Die Studentin bewarb sich für eine Dissertation an einer anerkannten Klinik für Plastische Chirurgie. Am Anfang sah alles super aus. Sie hatte einen Assistenzarzt, der sie in die Laborarbeit einführte und der Doktorvater und Oberarzt der Klinik erschienen auch nett und sehr kompetent. Stefanie begann motiviert ihre experimentelle Arbeit und dokumentierte alles sorgfältig. Als erste Ergebnisse feststanden, meinte ihr Betreuer, er müsse diese nun auf einem Kongress vorstellen. Stefanie dachte, das wäre so üblich und überreichte dem Betreuer alle ihre schriftlichen Aufzeichnungen.

Doch schon bald nach dem Kongress begann die Qualität ihrer Betreuung rapide zu sinken, sie wurde immer öfter mit Fragestellungen alleine gelassen. Schließlich erfuhr sie durch Zufall, dass ihr Betreuer auch schon eine Publikation mit ihren Ergebnissen eingereicht hatte: Sie stand zwar auch weit hinten auf dem Paper, doch ihr Betreuer nannte sich als Erstautor und verwendete ihre hart erarbeiteten Ergebnisse gleich für seine Zwecke. Als sie ihren Doktorvater schließlich zögerlich darauf ansprach, meinte dieser nur, dass sei halt so üblich, schließlich wolle sich der Assistenzarzt habilitieren und er könne die Arbeit ja nicht alleine machen.

Mobbing im Krankenhaus

Solch ein Ausspielen von Machtpositionen kann auch sehr extrem werden und zu Mobbing ausarten. Das ist ein Thema, das zwar oft nicht angesprochen wird, aber in ziemlich vielen Kliniken besteht. Im Gesundheitswesen wird sogar mehr gemobbt als in jeder anderen Berufssparte. Zu diesem Ergebnis kam eine kürzlich veröffentlichte Studie aus Kanada. Die Erkenntnisse lassen sich aber auch auf Deutschland übertragen.

Als Mobbing bezeichnet man Handlungen, die dazu dienen, andere Menschen wiederholt zu schikanieren, zu quälen und seelisch zu verletzen, beispielsweise durch die Verbreitung falscher Tatsachenbehauptungen, die Zuweisung sinnloser Arbeitsaufgaben, Gewaltandrohung, soziale Isolation oder ständige Kritik an der Arbeit. Viele Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes kennen diese Situationen. Oft ist das Mobbingopfer zunächst Sündenbock für unverarbeitete Konflikte am Arbeitsplatz. Später kommt es zu gezieltem Terror durch Ausgrenzung und  Kränkungen.

Wie bei der Ärztin Ramona Hoffmann*. Sie bewarb sich für eine Assistenzarztstelle an einer großen Klinik in der Inneren Medizin. Anfangs war sie sehr motiviert, freudig, dass es nun endlich losging mit dem ersten richtigen Job. Doch schnell fühlte sie sich von ihren Vorgesetzen alleine gelassen. „Ich habe keinerlei Unterstützung von meinen Oberärzten bekommen“ erzählt sie. „Ich war für eine ganze Station als absoluter Anfänger alleine verantwortlich.“ Das zerrte an ihren Nerven: „Wenn ich abends nach Hause kam, betete ich, heute niemanden umgebracht zu haben“.

Bei Fragen, die sie an ihren Oberarzt richtete, war der zu beschäftigt, um zu antworten. Doch wenn sie am nächsten Tag in der Morgenvisite den Patienten vorstellte, wurde sie vor versammelter Mannschaft vorgeführt, weil man hinter ihrem Rücken Therapiepläne änderte. „Oft fand ich meine Anordnungen in den Patientenakten mit einem dicken roten Stift durchgestrichen, ohne, dass jemand mit mir darüber gesprochen hätte, was ich falsch gemacht hätte“, berichtet die junge Ärztin. „Sowieso hab ich immer alles falsch gemacht, egal wie sehr ich mich anstrengte“.

Die Situation nagt an ihren Kräften, Ramona wird immer unsicherer und ihr Selbstwertgefühl leidet. „Wollte ich einen Patienten noch am selben Tag untersuchen, hieß es immer, dass sei doch nicht nötig, ich müsse auch auf die Kosten achten. Verschob ich das Ganze auf den nächsten Tag, sagte man mir, dass müsse doch unbedingt gleich erfolgen, ob ich im Medizinstudium nichts gelernt hätte“. Ramona geht es immer schlechter.

Oft geht sie weinend nach Hause, müde vom Nachtdienst, erschöpft und frustriert, weil sie wieder einmal von ihrem Oberarzt eins auf den Deckel bekommen hat. Die Assistenzärztin traut sich immer weniger zu, will bei allem auf Nummer sicher gehen und bekommt doch von allen Seiten zu hören, sie wäre nicht gut genug für den Beruf. Als sie sich immer mehr zurückzieht, um ja nichts Falsches zu tun, sagt man ihr, sie müsse sich gar nicht wundern über die schlechte Kritik ihres Vorgesetzten, sie würde den Beruf ja gar nicht wollen.

Schließlich zieht Ramona die Reißleine. „Ich habe gekündigt und mir eine andere Stelle in einer anderen kleineren Klinik auf dem Land gesucht“, erzählt sie. „Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht“. In der kleinen Klinik erfährt sie Unterstützung und flache Hierarchien. „Jeder grüßte sich mit Vornamen, man saß häufig noch nach der Arbeit gemütlich in einem kleinen Cafe um die Ecke zusammen. Jeder war freundlich und bereit, Sachverhalte vernünftig anzusprechen und zu erklären.“ So etwas kannte sie vorher nicht. Erst im Nachhinein wurde Ramona klar, dass sie zuvor ein Mobbingopfer gewesen war.

Auch Chefärzte sind betroffen

Wie der 2015 bekannt gewordene Fall eines Chefarztes der Ilmtalklinik zeigt, kommt Mobbing allerdings nicht immer nur von Seiten der Ärzte. Hier wollte die Klinik den in Ungnade gefallenen Arzt loswerden und wendete perfide Methoden an. Gewisse lukrative Eingriffe waren rückläufig geworden, anscheinend konnte man nicht die vorgeschriebene Mindestmenge an Fällen erbringen, wodurch sich finanzielle Probleme ergaben. Die Klinik wollte den Arzt zur Kündigung drängen. Der betroffene Chefarzt wurde eines Tages zur Geschäftsleitung zitiert und fiel aus allen Wolken, als er von dieser nach gesundheitlichen Problemen befragt wurde.

Der Geschäftsführung sei nämlich von verschiedenen Seiten zugetragen worden, dass er „Aussetzer“ habe. Die Klinik wollte den Arzt untersuchen lassen und tatsächlich rief kurze Zeit später einen psychiatrische Einrichtung an: er solle sofort zu einer 14-tägigen stationären Untersuchung kommen, man hätte von der Geschäftsleitung gehört, es stehe sehr schlimm um ihn.

Der Chefarzt wurde zwangsweise einer neurologisch-psychiatrischen Begutachtung wegen angeblicher Demenz unterzogen. Zwar haben Klinikleiter tatsächlich das Recht bei Zweifeln am Gesundheitszustand eines Mitarbeiters auf eine vertrauensärztliche Untersuchung zu bestehen, aber „dass es allerdings im konkreten Fall um einen Chefarzt geht und zudem auch noch um ein etwas untypisches Krankheitsbild, das ist jetzt eher selten", erklärte der Geschäftsführer der Bayrischen Krankenhausgesellschaft Siegfried Hasenbein.

Die Begutachtung des Chefarztes fand schließlich heraus, dass dieser „überdurchschnittliche Fähigkeiten besitzt“, wie es in einem Schreiben des Ärztlichen Kreisverbandes heißt. Doch damit hatte er noch lange keine Ruhe, denn er wurde erneut mit einem Vorwurf konfrontiert. Diesmal sollten die im Landkreis praktizierenden Fach- und Hausärzte angeblich kein Vertrauen mehr zu ihm haben und deswegen ein Auflösungsvertrag erfolgen.

Doch wieder konnte der Vorwurf entkräftigt werden – die Landkreisärzte sprachen dem langjährig tätigen Chefarzt ihr Vertrauen aus und stellten sogar den Klinikleiter auf einer Sitzung zur Rede. Das Vorgehen der Geschäftsführer der Ilmtalklinik ist kein Einzelfall. Um unerwünschte Mitarbeiter loszuwerden, wird auf verschiedene Arten versucht, Machtpositionen auszunutzen, um Angestellte „rauszuekeln“.

Was tun?

Es stellt sich die Frage, was man gegen Schikane und Mobbing im Krankenhaus tun kann. „Mobbing ist in Kliniken stark verbreitet - das liegt auch an den traditionellen, strikt hierarchischen Strukturen“, erklärt Dr. Brigitte Hefer, Mobbing-Beauftragte der Ärztekammer Nordrhein. Schon seit 150 Jahren sind die Rollen im Krankenhaus klar verteilt.

Im 19. Jahrhundert wurden in der Preußischen Militärakademie Chef-, Ober- und Unterärzte (die heutigen Assistenzärzte) ausgebildet. Dabei wurden keine Widerworte geduldet und alles streng reglementiert. Und auch heute noch haben wir diese strengen Hierarchien. Das schlechte Arbeitsklima führt dazu, dass Schwächen oder Probleme unerwünscht sind. Es wird hart und rücksichtslos kritisiert, da keine Zeit bleibt, um Konflikte in Ruhe auszutragen. Die Hackordnung führt dazu, dass Schikanen und Machtmissbräuche häufig toleriert werden und Opfer sich keine Hilfe suchen.

„Die Betroffenen leiden meistens sehr lange, ehe sie sich bei uns melden - im Schnitt drei Jahre“, berichtet Hefer. Doch nicht nur die standestypische Hierarchie ist Grund für den rauen Umgang im Krankenhaus. Es ist vielmehr eine allgemeine Entsolidarisierung und der generelle Verlust persönlicher Scham und Anständigkeit, die ein solches Verhalten erst ermöglichen. Schon im Studium werden Medizinstudenten eher zu Einzelkämpfern erzogen, als zu Teamplayern. Es werden die Ehrgeizigsten ausgewählt, solche die schon in der Schule immer sehr gute Leistungen erbrachten und diese nicht gerne mit anderen teilen. Das zeigt sich auch im späteren Berufsleben wieder.

Die Konkurrenz ist groß. Gerade in den großen beliebten Facharztrichtungen Chirurgie und Innere Medizin helfen sich die jungen Ärzte nicht untereinander, sondern stoßen mit den Ellenbogen, um ganz nach oben zu kommen. Der Erfolg des Einzelnen ist wichtiger als Zusammenhalt, schließlich möchte man sich jetzt schon einen Namen machen.

Die Ärztekammer versucht mit verschiedenen Methoden, Mobbing in Kliniken vorzubeugen. Man braucht dazu einerseits klare Regeln für häufig mit Konflikten behaftete Bereiche wie Dienstpläne, Urlaub, Fortbildung und Dienstreisen. Alles muss transparent gestaltet werden, damit keiner nachteilig behandelt werden kann.

„Man muss den Chefs das Druckmittel nehmen, beliebig zu strafen“, erklärt Hefer. Andererseits sollte auch eine Kultur geschaffen werden, die es innerhalb der Klinik selbstverständlich macht, dass Mobben für den „Mobber“ negative Konsequenzen hat und unkollegiales Verhalten nicht geduldet wird. Wichtig sind zudem klare Organisations- und Betriebsstrukturen im Krankenhaus.

Vorgesetzte sollten an Schulungen im Bereich Führungsverhalten teilnehmen, um den richtigen Umgang mit Mitarbeitern zu erlernen. Erfährt man selber tagtäglich Schikanen, sollte man sich auch von den Mobbingbeauftragen der Kliniken oder Ärztekammern im konkreten Fall beraten lassen.

„Wir weisen die „Mobbingopfer“ auf berufs- oder arbeitsrechtliche Aspekte hin, die nach unserer Erfahrung sehr oft vorliegen. Bei berufsrechtlichen Verstößen kann die Ärztekammer eine Überprüfung einleiten. (...) Stehen arbeitsrechtliche Belange im Vordergrund, weisen wir die Kollegen auf arbeitsrechtliche Unterstützung durch einen Rechtsanwalt oder den Marburger Bund hin. (...)Wir bieten den Ratsuchenden außerdem die Durchführung eines Schlichtungsverfahrens (Gespräch zwischen „Gemobbtem“, „Mobber“ und Moderation durch die Ärztekammer) an.

In einigen Fällen ist das Arbeitsverhältnis so zerrüttet, dass von den Betroffenen keine Möglichkeit einer weiteren Zusammenarbeit gesehen wird. In diesen Fällen raten wir, die Möglichkeit einer adäquaten Abfindung, gegebenenfalls mit Hilfe eines Rechtsbeistandes, prüfen zu lassen“ erklären Dr. Brigitte Hefer und Dr. Martina Levartz, Geschäftsführerin des Instituts für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein.

Zudem halten sie die Einführung einer Betriebsvereinbarung zur Lösung von Konflikten am Arbeitsplatz für sinnvoll, in der Prävention von Mobbing und eine Anlaufstelle sowie Ablaufschritte bei Mobbing niedergelegt sind.

Gemeinsam ist man stärker

Vor allem aber sollten die Kollegen untereinander besser zusammenhalten. Ist man nicht nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht, sondern stärkt sich untereinander den Rücken, kann es erst gar nicht soweit kommen. Mobbing funktioniert nur, wenn Einzelne aus der Gruppe ausgegrenzt werden. Setzen sich Kollegen zusammen zur Wehr und dokumentieren notfalls alle unfairen Schikanen, schießt sich der Mobber schnell ein Eigentor.

Natürlich können sich Vorgesetzte und andere Mitarbeiter in Stresssituationen mal im Ton vergreifen oder einen schlechten Tag haben. Wichtig ist dann aber in einem ruhigen Moment das Gespräch mit dem Gegenüber zu suchen und alles zu bereinigen. So kann sich kein Frust anstauen, der womöglich zu unkollegialem Verhalten führt. Gerade bei den hierarchischen Strukturen im Krankenhaus scheint das nicht immer einfach. Oft traut man sich nicht, auch den Chef an einen respektvollen Umgang miteinander zu erinnern. Doch nur, wenn alle zusammen arbeiten, kann das Gesundheitspersonal bestmöglich den Patienten versorgen. Und nur in einem angenehmen kollegialen Arbeitsklima kann die medizinische Arbeit letztlich auch Freude und Erfüllung für alle bieten.

Ein Abbauprodukt der Darmbakterien verschlechtert laut Studie die Prognose nach Herzinfarkten. Für den Krankheitsverlauf soll die Ernährung ausschlaggebend sein. Der Vergleich zweier Kohorten aus der Schweiz und den USA zeigt: Amerikaner schneiden sehr schlecht ab.

Unzählige Bakterien besiedeln den menschlichen Magen-Darm-Trakt und bilden das so genannte Mikrobiom. Es hilft uns bei der Verwertung der aufgenommenen Nahrung und spielt eine bedeutende Rolle bei vielen lebenswichtigen Prozessen wie beispielsweise der Synthese der Vitamine B1, B2, B6, B12 und K. Veränderungen des Mikrobioms werden in Zusammenhang gebracht mit entzündlichen Darmerkrankungen, Adipositas und Arthritis. Nun hat ein internationales Forscherteam des Universitätsspitals Zürich und der Cleveland Clinic gezeigt, dass das Mikrobiom auch die Prognose von Herzinfarktpatienten mitbestimmt.

 

Wie die Wissenschaftler um Thomas Lüscher und Stanley Hazen in einem Artikel im European Heart Journal mitteilen, entfalten unsere Darmbakterien insbesondere nach dem Genuss von Fleisch, Eiern und fettreichen Milchprodukten eine ungünstige Wirkung. Diese Lebensmittel enthalten größere Mengen an Phosphatidylcholin, Cholin und Carnitin. Die Bakterien wandeln diese Substanzen in Trimethylamin um, welches im Darm resorbiert und in der Leber durch das Enzym FMO3 zu Trimethylamin-N-oxid (TMAO) umgebaut wird.

TMAO aktiviert Blutplättchen

Mehrere klinische Studien konnten in den vergangenen Jahren eindeutige Hinweise erbringen, dass der TMAO-Spiegel im Blut mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden ist. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um einen kausalen Zusammenhang und nicht um eine zufällige Korrelation, da in Laborstudien bereits gezeigt wurde, dass TMAO die Blutplättchen aktiviert und so die Bildung von arteriosklerotischen Plaques in den Gefäßen fördert. Bislang war aber unbekannt, ob der TMAO-Spiegel auch vorhersagen kann, wie groß das Risiko bei Herzinfarktpatienten für einen weiteren Herzinfarkt ist.

Um diese Wissenslücke zu schließen, untersuchten Lüscher und Hazen 2213 Patienten mit einem frischen Herzinfarkt in zwei unterschiedlichen Kohorten. Bei allen Probanden wurden unmittelbar nach Aufnahme in die Klinik Blut abgenommen und die TMAO-Spiegel bestimmt. Interessanterweise hatten die 530 Probanden aus Cleveland im Durchschnitt anderthalbmal höhere TMAO-Werte als die 1683 Schweizer Patienten. „Das ist nicht verwunderlich, denn US-Amerikaner essen viel Fleisch und sehr viele Eier zu allen Mahlzeiten“, sagt Lüscher, Klinikdirektor der Kardiologie am Universitätsspital Zürich.

Schwere kardiale Komplikationen nach Herzinfarkt

Anschließend verfolgte das Forscherteam den weiteren Krankheitsverlauf der Probanden. In der Cleveland-Kohorte hatten nach einem halben Jahr 220 von 530 Studienteilnehmern (41,5 Prozent) eine schwere kardiale Komplikation erlitten; in der Schweizer Kohorte war das nach einem Jahr nur bei 190 von 1683 Studienteilnehmern (11,3 Prozent) der Fall. In einer weiteren Analyse zeigte sich, dass in beiden Kohorten das Patienten-Viertel mit den höchsten TMAO-Werten ein wesentlich höheres Risiko für schwere kardiale Komplikationen hatten als das Patienten-Viertel mit den niedrigsten TMAO-Werten. Bei den Probanden aus Cleveland war dieser Effekt jedoch deutlich ausgeprägter als bei den Schweizer Probanden.

„Unsere Ergebnisse sind aber noch kein Beweis, dass höhere TMAO-Werte tatsächlich die Ursache für die Komplikationen der Probanden sind“, sagt Lüscher. „Mithilfe einer Interventionsstudie könnte man einen solchen kausalen Zusammenhang herstellen.“ Dafür, so der Kardiologe, müsste man Patienten nach einem Herzinfarkt auf eine vegetarische Kost setzen oder alternativ eine Stuhltransplantation durchführen, um das Mikrobiom auszutauschen. Lüscher: „Das Stuhltransplantat würde man gesunden Spendern entnehmen, es dann den kranken Patienten übertragen und schauen, ob dieser Eingriff deren Prognose verbessert.“

Hilft Stuhltransplantation auch Herzinfarkt-Patienten?

Bei einer anderen chronisch-entzündlichen Erkrankung erbrachte die Stuhltransplantation bereits erste Erfolge: Wie australische Forscher dieses Jahr in einem Artikel in der Fachzeitschrift Lancet berichtet haben, verringerten sich bei Patienten mit der Darmkrankheit Colitis ulcerosa die Krankheitssymptome, nachdem ihnen der Stuhl von gesunden Spendern verpflanzt wurde. Sollte eine Stuhltransplantation auch bei Herzinfarkt-Patienten zu positiven Ergebnissen führen, müssten nach Ansicht von Lüscher diese vermutlich langfristig ihre Ernährung umstellen, zum Beispiel auf eine mediterrane Kost, mit viel Fisch und Gemüse.

Auch wenn die TMAO-Blutwerte bei Patienten mit Herzkrankheiten wahrscheinlich eine hohe diagnostische Aussagekraft haben, wird ihre Bestimmung nicht so schnell zum klinischen Alltag gehören: „Sie zu messen, ist ziemlich aufwändig, da es noch keine Schnelltests gibt“, erklärt Lüscher. TMAO eignet sich jedoch auch als Angriffsziel für Medikamente, mit deren Hilfe sich das Risiko für kardiale Komplikationen senken lassen könnte: Im Tierexperiment blockierten Forscher bereits das Leberenzym FMO3 mit Antisense-Oligonukleotiden und verhinderten so die Umwandlung von TMA in TMAO.

Geplante Interventionsstudie

Aber auch Verbindungen wie 3,3-Dimethyl-1-butanol (DMB), die in den Bakterien selbst die Synthese von TMA hemmen, sind im Tiermodell schon mit Erfolg getestet worden und haben dort das Risiko für Arteriosklerose deutlich gesenkt. Solche Substanzen könnten nach Ansicht von Lüscher auch in einer klinischen Interventionsstudie zum Einsatz kommen – vorausgesetzt, dass sie ihre Wirkung nur im Darm entfalten und danach mit dem Stuhl wieder ausgeschieden würden. Der Kardiologe ist momentan im Gespräch mit seinen Kollegen aus Cleveland: „Wir wollen gemeinsam entscheiden, wie wir im Rahmen einer klinischen Studie bei Herzinfarktpatienten am besten intervenieren, um einen möglichst große Absenkung der TMAO-Werte zu erreichen.“

 

Seit 2006 steigt die Zahl der Geburten in Deutschland an – gleichzeitig schließen immer mehr Geburtsabteilungen. Folgen sind weite Anfahrtswege zur Klinik, überfüllte Geburtsstationen und überlastete Hebammen. Bisher sind von der Politik keine Lösungen vorgesehen.

Deutschland – ein Land, das langsam ausstirbt, so lautete die überspitzte These noch vor wenigen Jahren. Die Zahl der alten Menschen steige immer weiter an, während die Geburtenrate stetig sinke. Doch in den letzten Jahren hat sich das Bild gewandelt: Seit 2006 ist ein Zuwachs an Geburten in Deutschland zu beobachten. Besonders deutlich sind die Zahlen dabei seit 2013 gestiegen: Im Jahr 2006 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (destatis) 686.000 Kinder geboren. 2014 waren es bereits 715.000 Babys – 33.000 mehr als im Vorjahr. Und 2015 lag die Geburtenzahl bei 738.000 Kindern – es handelt sich um die höchste Geburtenrate seit der Jahrtausendwende. Auch in Großstädten wie Berlin und München lässt sich der Trend beobachten: In Berlin stieg die Geburtenrate in den letzten 10 Jahren um 25 Prozent, in München um rund 30 Prozent.

 

Ein Grund für den Zuwachs könnte nach Angaben des Statistischen Bundesamts sein, dass die Zahl der Frauen zwischen 26 und 35 Jahren seit 2008 gleich bleibt bzw. sogar steigt – und diese Frauen haben die höchste Geburtenrate. Weiterhin tragen auch junge Zuwanderinnen zu der steigenden Geburtenrate bei. Dies mache jedoch nur einen kleinen Anteil des Anstiegs aus.

Rückgang der Geburtsabteilungen um 40 Prozent

Diese Entwicklung könnte in nächster Zeit zum Problem werden. Denn gleichzeitig ist die Zahl der Kreißsäle und Geburtsabteilungen in den letzten Jahren drastisch gesunken. Nach einem Bericht des Deutschen Ärzteblatts gab es 1991 noch 1.186 Kliniken, in denen Geburten möglich waren. Ende 2015 waren es dagegen nur noch 709. Das entspricht einem Rückgang von rund 40 Prozent.

Klar ist: Der Status Quo bedarf einiger Verbesserungsmaßnahmen, und zwar auf politischer Ebene. Doch da müssen sich Kliniken und Eltern wohl noch eine Weile gedulden. Denn bisher haben weder die Regierung noch der Gemeinsame Bundesausschuss konkreten Maßnahmen beschlossen, die den aktuellen Missständen entgegenwirken könnten. 

In den letzten zwei Jahren hat sich die Situation weiter verschlechtert: Nach Angaben des Deutschen Hebammen-Verbands wurden seit Januar 2015 insgesamt 40 Kreißsäle geschlossen, elf weitere sind von der Schließung bedroht und sechs sind zumindest vorübergehend geschlossen. Betroffen sind dabei sowohl Städte als auch ländliche Regionen: Besonders problematisch ist die Lage laut Deutschem Hebammen-Verband in Ballungsräumen wie Frankfurt am Main oder München, aber auch in ländlich geprägten Regionen wie im Bayrischen Wald oder in der Uckermark.

„Werdende Mütter müssen deshalb oft lange Anfahrtszeiten in Kauf nehmen: Diese können zum Teil bis zu einer Stunde betragen“, berichtet Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammen-Verbands. „Das bedeutet natürlich Unsicherheit für die werdende Mutter. Und falls die Geburt sehr plötzlich einsetzt oder Komplikationen auftreten, stellt es auch ein Gesundheitsrisiko für Mutter und Kind dar.“

Darüber hinaus seien Geburtsstationen, vor allem in Ballungsräumen, häufig überfüllt. „Dass Frauen im Aufnahmezimmer ihr Kind bekommen, ist inzwischen keine Ausnahme mehr“, sagt Steppat. „Es kommt auch vor, dass Frauen von einer Klinik wegen Überfüllung abgewiesen werden oder dass Kaiserschnitte aus Kapazitätsgründen verschoben werden.“ So sei in Berlin eine Frau von einer Geburtsklinik abgewiesen worden und habe ihr Kind dann auf dem Parkplatz der nächsten Klinik, zu der sie gefahren sei, bekommen. Schließlich würden viele Hebammen drei bis vier Frauen bei der Geburt gleichzeitig betreuen – und seien dadurch deutlich überlastet.

Lage ist schwierig, aber nicht dramatisch

Auch Christoph Anthuber, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Klinikums Starnberg, erlebt zur Zeit einen Anstieg der Geburtszahlen in seiner Klinik. „Dadurch, dass andere Geburtsabteilungen in der Region schließen, etwa in Bad Tölz und demnächst in Gräfelfing, kommen mehr werdende Mütter zu uns“, berichtet er. Die Situation ist aus seiner Sicht zwar teilweise schwierig, aber bisher nicht dramatisch. „Es kann schon mal eng werden auf den Stationen. Und wir können den Schwangeren nicht garantieren, dass sie ihr Wunschzimmer bekommen“, sagt der Frauenmediziner. „Aber jede Frau in Deutschland findet noch einen Geburtsplatz. Und man kann nicht sagen, dass die Schwangeren schlecht versorgt werden. Die Geburtshilfe in Deutschland ist immer noch auf einem hohen Niveau.“

Allerdings gebe es durchaus Regionen, wo die Anfahrtsstrecke zur nächsten Geburtsklinik länger geworden sei, etwa in abgelegenen ländlichen Regionen wie der Jachenau. „Ein Grundsatz unserer Klinik ist es, keine Frauen abzuweisen“, berichtet Anthuber. „Aber es gibt andere Kliniken, die schwangere Frauen abweisen – mit der Begründung, dass sie bei Überfüllung die Qualität der Geburtshilfe nicht aufrecht erhalten könnten. Das ist natürlich ein schwieriges Dilemma.“

Zur Problematik der schließenden Geburtsabteilungen komme zusätzlich ein Fachkräftemangel, erläutert Joachim Odenbach, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG). „Das betrifft vor allem die Hebammen.“ So gebe es inzwischen deutlich weniger freiberufliche bzw. Beleg-Hebammen. „Der Beruf der Hebamme wird für viele immer unattraktiver, weil die Arbeit anstrengend ist, die Bezahlung zum Teil schlecht ist und sehr hohe Haftpflichtversicherungs-Summen gezahlt werden müssen“, sagt auch Anthuber. Viele haben zudem Angst vor juristischen Problemen.“ Denn wenn bei der Geburt ein Problem auftrete, sei die Bereitschaft der Eltern, vor Gericht zu gehen, heute deutlich höher als früher. „All das läuft darauf hinaus, dass es in ein paar Jahren einen deutlichen Hebammen-Mangel geben wird, der zu einem echten Problem werden könnte“, betont Anthuber.

Ein weiteres Problem sei, dass Geburtsabteilungen häufig schließen würden, ohne dass es ein Konzept dafür gebe, wo die Frauen stattdessen aufgenommen werden könnten, sagt Steppat. „Es wird nicht etwa ein, zwei Jahre im Voraus geplant, wohin die Geburten verteilt werden könnten. Stattdessen werden die benachbarten Kliniken häufig von der Situation überrascht und müssen improvisieren.“

Diese Erfahrung hat auch Christoph Anthuber gemacht: „Wir wurden ziemlich plötzlich mit der Situation konfrontiert, dass benachbarte Kliniken ihre Geburtsstation geschlossen haben. Dadurch hatten wir keine Möglichkeit, uns mit zeitlichem Vorlauf darauf vorzubereiten.“

Unendliche Weiten bis zur nächsten Klinik

Auch viele Mütter, die in letzter Zeit ein Baby zur Welt gebracht haben, berichten von schwierigen Situationen. So wurde Jenny V. von einer Geburtsklinik in Münster abgewiesen, obwohl sie sich zwei Wochen vorher zur Geburt angemeldet hatte und in der Klinik schon Voruntersuchungen stattgefunden hatten. „Die Begründung lautete, die Geburtsstation sei voll“, berichtet die 31-Jährige, die im Mai ihr erstes Kind bekam. „Ich hatte extreme Schmerzen – trotzdem mussten wir 20 Minuten bis zur nächsten Klinik fahren.“

Ähnlich erging es Christiane J. aus Berlin. Sie bekam 2016 mit 39 Jahren ihr drittes Kind. „Es war zunächst schon schwierig, sich in einer Geburtsklinik anzumelden“, berichtet sie. „Kurz vor der Geburt hatte ich dann starke Bauchkrämpfe und wurde mit dem Krankenwagen zum nächsten Krankenhaus gefahren.“ Dort wurde sie aber wegen Überfüllung abgewiesen – und erst die vierte Klinik, bei der sie anrief, konnte sie schließlich aufnehmen.

Sicherstellungszugschlag: Für Geburtsstationen nicht vorgesehen

Ein wesentlicher Grund dafür, dass immer mehr Geburtsstationen schließen, ist ihre wirtschaftlich schwierige Lage. „Geburten werden insgesamt unzureichend vergütet“, sagt Steppat. „Da in diesem Fall ja niemand krank ist, gibt es keine angemessenen Kriterien, nach denen die ‚Qualität‘ einer Geburt bestimmt und aufgewertet werden könnte.“ Vor allem bei Kliniken mit kleineren Geburtsabteilungen sei eine Kostendeckung quasi nicht möglich, erläutert Odenbach. „Für diese Kliniken ist es schwierig, ihre Geburtsstation zu halten.“

Erst Ende 2016 hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Regelungen zum Sicherstellungszuschlag beschlossen. Dieser soll gewährleisten, dass Kliniken, die nicht kostendeckend arbeiten, aber für eine flächendeckende Versorgung notwendig sind, ergänzende finanzielle Mittel erhalten können. Ein Sicherstellungszuschlag wird aber nur bewilligt, wenn das Krankenhaus als Ganzes defizitär ist – und wenn zur Klinik eine innere Abteilung und eine Chirurgie gehören. „Die Geburtshilfe ist darin nicht als maßgebliche Abteilung vorgesehen“, sagt Odenbach. „Aus unserer Sicht ist das ein Fehler, der dringend behoben werden muss.“

Die Bundesländer würden sich darauf berufen, dass es in den Kliniken ausreichend Plätze gebe, um alle Geburten unterzubringen, sagt Steppat. Dass die Arbeits- und Gebärbedingungen auf den Stationen schwierig seien, finde dabei keine Berücksichtigung. „Mehr Personal einzustellen und neue Räumlichkeiten zu schaffen, ist natürlich mit hohen Kosten verbunden“, sagt Steppat. „Aber die Länder sparen an den Investitionskosten für Sachmittel – und viele Kliniken sparen wiederum am Personal, um mit dem eingesparten Geld Geräte oder Renovierungen zu finanzieren.“

Ideen zur Verbesserung gibt es – aber es mangelt an der Umsetzung

Möglichkeiten, die Situation in den Geburtsabteilungen zu verbessern, gäbe es aber durchaus. „In jedem Fall wären höhere Fallpauschalvergütungen eine große Hilfe für Kliniken mit kleineren Geburtsabteilungen“, sagt Odenbach. „Zum anderen sollte der Sicherstellungszuschlag auch für Geburtsabteilungen gelten. Und die Regelung, dass dafür das gesamte Krankenhaus defizitär sein muss, sollte wegfallen.“ Weiterhin plädiert die DKG dafür, dass eine Versorgung gewährleistet sein sollte, bei der die Fahrtzeit zur nächsten Geburtsklinik maximal 30 Minuten beträgt.

Wichtig sei es, Ärzte und Hebammen besser zu bezahlen und weiteres Personal einzustellen, betont Anthuber. Darüber hinaus sollten Nachtdienste und Fälle, bei denen ein hohes Risiko für Geburtskomplikationen bestehe, deutlich besser honoriert werden. „Eine Geburt ist ein wichtiger Moment im Leben jedes Menschen – und unsere Gesellschaft sollte bereit sein, diesen Vorgang finanziell gut auszustatten“, sagt der Facharzt.

Allerdings könne es sein, dass die Politik kleinere Geburtsabteilungen in Zukunft weniger unterstützen wolle, so Anthuber. „In Zeiten, in denen Qualitätssicherung eine wichtige Rolle spielt, werden aus politischer Sicht möglicherweise größere Geburtsabteilungen bevorzugt – mit dem Argument, dass sie eher rentabel arbeiten und dass hier apparative und personelle Strukturen besser sind.“ So plädieren einige Krankenkassen wie die AOK für eine Mindestzahl von Geburten pro Jahr, damit eine Geburtsstation erhalten bleiben kann. „Alle Überlegungen müssen sich daran messen lassen, dass weiterhin eine hochwertige, aber eben auch wohnortnahe Versorgung gewährleistet ist“, sagt Odenbach dazu.

Druck auf die Politik ausüben

Aus Sicht von Steppat sollten betroffene Frauen das Thema mehr in die Öffentlichkeit bringen. „Man sollte weniger ein berufspolitisches Thema daraus machen als vielmehr ein Versorgungsthema“, sagt die Hebamme. „Schließlich wird jeder von uns geboren, und es ist wichtig, gute Bedingungen dafür zu schaffen.“ Das Problem der sinkenden Zahl von Geburtsstationen sieht wird inzwischen auch von der Politik aufgegriffen. Doch im Verhältnis zur Dringlichkeit tut sich wenig. So ist in Bayern nun eine Diskussionsrunde zum Thema geplant, zu der die Grünen im Landtag eingeladen haben. Und im Februar hatte die Vizechefin der Linken, Sabine Zimmermann, die Daten zur Zahl der Kreißsäle vom Statistischen Bundesamt angefordert und in einem Bericht ausgewertet. Sie kritisierte die Schließungen als „eine potenzielle Gesundheitsgefährdung für werdende Mütter“. Die Grünen haben in ihrer Initiative „Für eine gute Geburtshilfe“ Maßnahmen zur Verbesserung der Situation definiert. Doch was tut sich konkret?

Die Hebamme versucht es auf den Punkt zu bringen: „Es könnte sein, dass die Regelungen zum Sicherstellungszugschlag für Kliniken nächstes oder übernächstes Jahr vom G-BA nochmals überarbeitet werden und dann auch die Geburtshilfe Berücksichtigung findet“, sagt Steppat. „Aber in der aktuellen Situation nützt das zunächst mal niemandem.“

 

So wird man zum guten Futterverwerter

Manche Menschen essen und essen und passen immer noch in ihre engen Hosen. Basis dafür ist ein reger Stoffwechsel. Um den Körper dauerhaft in Schwung zu bringen, hilft vor allem eins: Muskelmasse.

Die einen sprechen davon, ihren Stoffwechsel ankurbeln zu wollen. Die anderen schimpfen auf ihren schlechten Stoffwechsel, weil er daran schuld sein soll, dass das Wunschgewicht nur ein Traum bleibt. Was steckt dahinter?

Was genau ist der Stoffwechsel?

 
 

Den einen Stoffwechsel gibt es nicht. Jede Zelle im Körper hat ihren eigenen Stoffwechsel, erklärt Matthias Weber, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Grob gesagt beschreibt der Begriff die unzähligen Prozesse im Körper, bei denen Stoffe zu Zellen transportiert, dort umgebaut und wieder abtransportiert werden.

"All die einzelnen Prozesse müssen zusammen funktionieren", sagt Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln. Er vergleicht das mit einem Orchester: Jedes Instrument - also jede Zelle - spielt für sich, aber alle zusammen machen die Musik. Wenn einer der Teilnehmer nicht richtig mitspielt, wirkt sich das auf das große Ganze aus.

Was hat das mit Abnehmen zu tun?

Im Hinblick aufs Abnehmen ist vor allem der Energiestoffwechsel interessant. Dabei handelt es sich um den Teil des Stoffwechsels, mit dem der Körper seine Energie gewinnt. Als Rohstoffe nutzt er in erster Linie Fette, Kohlenhydrate und Proteine aus unserer Nahrung. Sind diese aufgebraucht, greift er jedoch auch auf Reserven zurück, also auf die Fettpölsterchen. Auf diese Weise hilft ein reger Stoffwechsel beim Abnehmen.

Lässt sich der Energiestoffwechsel ankurbeln, sodass der Körper mehr verbraucht?

Ja, das funktioniert. Je mehr der Stoffwechsel gefordert wird, desto mehr arbeitet er auch - und umgekehrt. "Das ist ein bisschen wie bei einem Auto - steht es immer nur in der Garage und wird nicht gefahren, dann verrostet es irgendwann", erklärt Froböse.

Die Muskulatur ist das größte Stoffwechselorgan. Aus diesem Grund ist Bewegung der wichtigste Schritt, um die Energieverbrennung anzukurbeln. Hinzu kommt, dass Muskeln auch im Ruhezustand mehr Energie benötigen als anderes Gewebe. "Früher hat man viel Ausdauertraining empfohlen, heute raten wir eher zu einer Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining", sagt Weber.

Was tut dem Stoffwechsel gar nicht gut?

Fehlende Bewegung, das ist klar. Aber auch radikale Diäten bringen den Stoffwechsel auf Dauer zum Erliegen. Sie versetzen den Körper in eine Art Notzustand, der Stoffwechsel fährt herunter.

Was hat es mit dem Grundumsatz auf sich?

Beim Grundumsatz handelt es sich um die Menge an Energie, die der Körper Tag für Tag unabhängig von Anstrengung fürs Überleben braucht. Er kenne eine Frau, die so viele Diäten gemacht habe, dass ihr Grundumsatz nur noch bei 800 Kilokalorien liege, erklärt Froböse. Das heißt: Wenn sie nicht zunehmen möchte, darf sie maximal zwei Brötchen am Tag essen.

Normalerweise sollte der Grundumsatz bei etwa 1600 bis 2500 Kilokalorien liegen, sagt Froböse. Die Unterschiede bedeuten, dass manche Menschen tatsächlich mehr essen können als andere und nicht zunehmen. Einen Teil davon hat jeder selbst in der Hand: Ausgewogene Ernährung, Bewegung im Alltag und regelmäßiger Sport können den Grundumsatz erhöhen.

Hinzu kommt aber auch, dass manche von Natur aus einen besseren Stoffwechsel haben als andere, zum Beispiel durch eine genetisch bedingte starke Muskulatur. Wer den eigenen Grundumsatz wissen möchte, kann ihn mit einer Atemgasanalyse bei manchen Fitness-Instituten oder Sportärzten messen lassen. Allerdings ist die Untersuchung in der Regel kostenpflichtig.

 

Gibt es Lebensmittel, die den Stoffwechsel beeinflussen?

Scharfe Gewürze wie Chili und Ingwer treiben die Körpertemperatur in die Höhe und aktivieren so den Stoffwechsel. "Und Protein, also Eiweiß, ist ein echter Stoffwechsel-Turbo, denn die Verarbeitung braucht viel Energie", ergänzt Froböse.

Stimmt es, dass es sich positiv auf den Stoffwechsel auswirkt, wenn man viel Wasser trinkt?

Dass es wichtig ist, genug zu trinken, steht außer Frage. Wissenschaftlich belegt ist ein stoffwechselanregender Effekt oder ein großer Einfluss auf das Körpergewicht aber nicht. Wer ein Glas kaltes Wasser trinkt, verbrauche natürlich schon ein bisschen Energie, sagt Weber. Schließlich muss das Wasser auf Körpertemperatur gebracht werden. Dieser Verbrauch sei aber minimal.

Trotzdem sei es ein altbekannter Trick, dass Abnehmwillige vor dem Essen oder auch zwischendurch Wasser trinken, erklärt Restemeyer. "Denn die Flüssigkeit füllt den Magen, und das Sättigungsgefühl tritt eher ein."

Was hat es mit dem sogenannten Stoffwechselalter auf sich?

Streng genommen ist das Unsinn: Denn die meisten Zellen haben kein biologisches Alter, weil sie sich ständig erneuern. Der Ursprung des Begriffs liegt wohl darin, dass der Stoffwechsel im Alter etwas nachlässt. Aber auch das ist individuell ganz unterschiedlich - und lässt sich beeinflussen.

Sophia Weimer, dpa/irb


Glaeske fordert Antibiotika-Leitlinie für Ärzte 

 

„Ärzte brauchen eine Leitlinie für Ärzte zum Umgang mit Antibiotika.“ Das fordert Gesundheitsökonom Gerd Glaeske. Anlass ist eine aktuelle Studie, laut der Ärzte immer noch zu viele unnötige Antibiotika verschreiben. Um die Hersteller zu motivieren, neue Wirkstoffe zu entwickeln, will Gesundheitsminister Gröhe Vergütungsmodelle entwickeln, bei denen der wirtschaftliche Erfolg eines Präparats nicht alleine vom Umsatz abhängt.   

Trotz erster Erfolge werden einer Studie zufolge immer noch zu viele Antibiotika unnötig verschrieben. Das fördert bekanntermaßen Resistenzbildung. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte der Deutschen Presse-Agentur, Ärzten komme beim sachgerechten Einsatz von Antibiotika eine Schlüsselrolle zu. Der Gesundheitsökonom Gerd Glaeske von der Universität Bremen fordert deshalb eine Handreichung für Ärzte zum Umgang mit dem Medikament. „Wir haben keine einzige Leitlinie, die den Ärzten genau darstellt, wie Antibiotika eingenommen werden sollen.“ Außerdem müsse es in den Krankenhäusern mehr Hygienefachkräfte geben, damit die resistenten Keime sich nicht ausbreiten. Auch in die Forschung müsse mehr Geld investiert werden. „Von der Pharmazie ist das ein Bereich, der dramatisch vernachlässigt worden ist.“

Gröhe will Anreize für die Forschung

Gesundheitsminister Gröhe betonte, neu entwickelte Antibiotika sollten möglichst sparsam eingesetzt werden. Das macht die Forschung für Pharmaunternehmen nicht besonders attraktiv. „Notwendig sind deshalb Anreize, die den wirtschaftlichen Nutzen zumindest teilweise vom Umsatz entkoppeln“, sagte Gröhe der dpa. Im Auftrag der 20 Industrie- und Schwellenländer erarbeite die OECD dazu gerade eine Studie.

Den TK-Zahlen zufolge ist die Quote der Antibiotika-Verordnungen zwar zurückgegangen, lag im vergangenen Jahr bei erkältungsbedingt krangeschriebenen Beschäftigten aber noch immer bei 27 Prozent. Im Vergleichsjahr 2008 waren es noch 38 Prozent. „Die überwiegende Zahl der Erkältungsinfekte ist durch Viren hervorgerufen - und gegen eine Virus-Infektion hilft das Medikament nicht“, sagte Tim Steimle von der TK. Auch eine Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hatte vor Kurzem gezeigt, dass Antibiotika oft nicht indikationsgerecht eingesetzt werden. In der Untersuchung war es konkret um Fluorchinolone gegangen, die demnach zu oft bei bei Bagatallerkrankungen, wie ambulant erworbene unkomplizierte Harnwegsinfekten, Bronchitis oder Sinusitis, verordnet werden. Unter anderem vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Resistenzentwicklung sollten die Fluorchinolone aber als Reservesubstanzen zurückhaltend eingesetzt werden. Diese Wirkstoffgruppe hat zudem bei leichteren Erkrankungen ein umstrittenes Nutzen-Risikoverhältnis.

„Patienten wollen unbedingt Antibiotika“

„Die niedergelassenen Ärzte verordnen Antibiotika in verantwortungsvoller Weise“, sagte Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Häufig sähen Ärzte sich jedoch mit dem Wunsch der Patienten konfrontiert, unbedingt ein Antibiotikum zu erhalten. Alle Seiten betonen deshalb den Stellenwert der Patientenaufklärung. „Wir brauchen in der Bevölkerung ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Antibiotika nicht bei jedem Husten oder einer tropfenden Nase helfen“, sagte Gröhe. Der Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Hardy Müller, fordert daher vor allem mehr finanzielle Unterstützung der Initiativen in Krankenhäusern und Arztpraxen. „Entscheidend ist immer noch, was beim Patienten ankommt“, sagte Müller.  


 

dpa / jb
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Schon kleine Alkoholmengen könnten Gehirn verändern

Das tägliche Glas Wein schädigt das Gehirn möglicherweise mehr als bislang gedacht. Darauf weist eine aktuelle britische Studie hin. Demnach ist besonders das Gedächtnis gefährdet.

Ihm werden so viele schöne Dinge zugeschrieben: Alkohol macht locker, lustig und gesellig, und außerdem soll er die Gefäße schützen. Im Prinzip gibt es täglich einen neuen guten Grund für ein Glas Bier, Wein, Sekt oder Schnaps.

 Wie groß diese Portion sein darf, ob es überhaupt unbedenklichen Konsum gibt und welche Auswirkungen schon kleine Rationen auf die Gesundheit haben, das ist allerdings nicht nur umstritten - es wird auch von Land zu Land unterschiedlich definiert.

Während die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) von einer "risikoarmen Schwellendosis" von 24 Gramm Alkohol pro Tag für einen Mann spricht (das entspricht in etwa einem halben Liter Bier pro Tag oder 0,3 Liter Wein), findet das US-Gesundheitsministerium 28 Gramm täglich okay. Für Frauen gilt jeweils die Hälfte. Großbritannien wiederum hat seine Richtlinien kürzlich überarbeitet und empfiehlt beiden Geschlechtern, nicht mehr als 16 Gramm Alkohol täglich zu konsumieren - das sind etwas weniger als 0,2 Liter Wein.

Abbau im Gehirn

Eine im "BMJ" veröffentlichte britische Studie liefert nun Ergebnisse, die die Diskussion um moderaten Alkoholkonsum erneut befeuern könnten: Denn der Untersuchung zufolge schaden vermutlich schon kleine Mengen dem Gehirn.

Die Forscher um Anya Topiwala von der University of Oxford hatten die Daten von 550 gesunden Männern und Frauen ausgewertet, die im Rahmen der sogenannten Whitehall Studies mehrfach - auch hinsichtlich ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit - untersucht worden waren. Die Probanden waren im Schnitt 43 Jahre alt und litten nicht unter Alkoholabhängigkeit, hatten aber angegeben, wie viel Alkohol sie wöchentlich konsumiert hatten. Am Ende der Studie waren ihre Gehirne per Kernspintomografie untersucht worden.

Nachdem die Forscher andere Einflussfaktoren wie Alter, Rauchen, den sozioökonomischen Status und körperliche Aktivität aus den Analysen herausgerechnet hatten, ergab die Auswertung: Wer mehr als 240 Gramm Alkohol pro Woche getrunken hatte, hatte das größte Risiko, dass sich die Nervenzellen im sogenannten Hippocampus abbauen. Das ist eine Gehirnregion, die wichtig ist für das Lang- und Kurzzeitgedächtnis, für Gefühle und für räumliche Orientierung. Ebenso nahm ihre Sprachflüssigkeit ab.

Alkoholkonsum pro Jahr und Einwohner ab 15 Jahren (in Liter reinem Alkohol)
2,5
5
7,5
10
12,5

Aber auch jene, die zwischen 116 und 168 Gramm Alkohol pro Woche getrunken hatten - der Definition nach "moderate Trinker" - hatten Zeichen für einen Zellabbau im Hippocampus. Wer wiederum weniger als 56 Gramm Alkohol pro Woche getrunken hatte, profitierte im Vergleich zu ganz abstinenten Probanden nicht von seinem Konsum - einen protektiven Effekt konnten die Forscher demnach nicht messen.

Die Autoren betonen, dass es sich bei ihrer Untersuchung um eine Beobachtungsstudie handelt, ein kausaler Zusammenhang demnach nicht bewiesen ist. In einem begleitenden Leitartikel im "BMJ" schreibt der Neuropsychiater Killian Welch vom Royal Edinburgh Hospital, die Ergebnisse würden die Argumente stützen, dass ein Alkoholkonsum, den viele noch als normal ansehen, negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. Mit dieser Veröffentlichung werde es deutlich schwieriger, moderates Trinken zu rechtfertigen.


Trinke ich zu viel? Wenn Ihnen Ihre Trinkgewohnheiten Sorgen bereiten, sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt. Suchtberatungsstellen helfen ebenfalls. Einen Ansprechpartner in Ihrer Nähe finden Sie über das Verzeichnis der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (hier) oder die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (hier).

 

hei

Die wichtigsten Fakten zur Magersucht

 

Eine falsche Wahrnehmung ihres Körpers bringt Magersüchtige dazu, weiter zu hungern - auch wenn sie schon längst ein lebensbedrohliches Untergewicht erreicht haben. Nach und nach versagen Organe.

Quelle: N24/ Felicia Pochhammer

Die Ex-Freundin von Schalke-Fußballer Ralf Fährmann, Henriette Hömke, ist im Alter von 29 Jahren an Magersucht gestorben. Vor allem Mädchen leiden darunter. Das weiß man über die Essstörung.

Wie erkennt man Magersucht (Anorexia nervosa)?

Die Betroffenen haben große Angst davor, an Gewicht zuzunehmen. Auffällig ist eine Körperschemastörung – das bedeutet, dass die eigene Figur nicht realistisch wahrgenommen wird. Betroffene kommen sich weitaus dicker vor, als sie es tatsächlich sind, unabhängig davon, wie viel sie schon abgenommen haben.

Die Beschäftigung mit dem Essen nimmt teilweise obsessive Züge an. Betroffene studieren Kalorientabellen und essen auffallend wenig und langsam, vermeiden alles, was Zucker oder Fett enthält. Oft treiben sie auch übermäßig viel Sport, nehmen Abführmittel oder erbrechen sich.

Bestimmte Merkmale in der Persönlichkeit und Biografie können dabei helfen, einzuschätzen, ob jemand gefährdet ist, eine Magersucht zu entwickeln. So konnten Forscher gerade zeigen, dass Essstörungen teilweise vererbt sind. Wenn in der Familie also bereits Essstörungen aufgetreten sind, ist das Risiko erhöht.

Außerdem sind viele Betroffene sehr ehrgeizig bis hin zum Perfektionismus. Sie leiden unter Selbstzweifeln und einem geringen Selbstwertgefühl, manche haben schon vor Beginn der Magersucht depressive Verstimmungen. Konkrete Auslöser für die Störung, oft in der Pubertät, können dann belastende Erlebnisse sein, etwa die Trennung der Eltern oder ein Schulwechsel.

Ab wann ist es Magersucht?

Wer unter einer Magersucht leidet, weigert sich, ein Minimum des normalen Körpergewichts zu halten. Das heißt, dass man nicht weniger als 85 Prozent dessen wiegt, was Experten als normal für ein bestimmtes Alter und eine bestimmte Größe anhand des Body-Mass-Index (BMI) definiert haben.

Nach den Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation bedeutet ein BMI unter 18,5 Untergewicht, ab 17,5 sind die Kriterien für eine Magersucht erfüllt. Der BMI gilt aber nur als grobes Mittel der Einschätzung. Da der Körperbau und die Gewichtsentwicklung gerade in der Pubertät bei jedem individuell sind, schaut jeder Arzt ganz genau hin, bevor er eine Magersucht diagnostiziert.

Was passiert mit dem Körper?

Wenn dem Körper über einen längeren Zeitraum Kalorien und Nährstoffe fehlen, bleibt das nicht ohne Folgen. Oft sinkt der Spiegel der Geschlechtshormone ab, bei vielen Mädchen und Frauen bleibt dann die Regelblutung aus. Betroffene Jungen und Männer leiden oft unter Potenzstörungen.

Der Körper versucht außerdem, so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Er senkt die Körpertemperatur und den Blutdruck. Deshalb frieren die Betroffenen leicht. Am Rücken, an den Armen und im Gesicht bildet der Körper manchmal einen feinen Haarflaum, der auch Lanugobehaarung genannt wird. Mit der Zeit werden auch die Haare und Nägel brüchig, die Haut wird rau und schuppig und schimmert oftmals bläulich.

Außerdem baut der Körper Muskelmasse ab, bei Kindern und Jugendlichen kann sich so das Wachstum verzögern. Langfristig können durch den Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen sogar die Knochen brüchig werden, und auch den Zähnen drohen Schäden. Schließlich leidet auch das Immunsystem: Die Betroffenen werden häufiger krank als andere.

Wie kann einem geholfen werden?

Mit Magersucht haben die Betroffenen oft über viele Jahre zu kämpfen. Je früher behandelt wird, desto besser sind die Chancen auf einen günstigen Verlauf. Bei 40 bis 90 Prozent der Erkrankten lässt sich das Gewicht kurzfristig steigern – je höher das Anfangsgewicht dabei noch liegt, desto günstiger die Prognose.

Schwieriger ist es allerdings, die Körperschemastörung aufzulösen – bei manchen bleibt sie bis ans Lebensende bestehen. Dann kann man nur lernen, mit ihr umzugehen. Bislang halfen Medikamente bei der Behandlung wenig, nur eine gute Psychotherapie konnte den Betroffenen helfen. Das könnte sich künftig mit dem Fund, dass bestimmte Genvarianten Magersucht begünstigen, womöglich ändern.

Wie sollte man als Angehöriger reagieren?

Magersucht gilt als die tödlichste psychische Krankheit: Bis zu 20 Prozent der Betroffenen sterben daran. Deshalb ist schnelle Hilfe sehr wichtig.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rät Angehörigen und Freunden, die Warnzeichen zu sehen glauben, zu Folgendem: keine Kritik an Essen und Figur üben, keine Verdachtsdiagnosen stellen – denn starker Gewichtsverlust kann auch organische Ursachen haben, etwa eine Fehlfunktion der Schilddrüse. Wichtig sei es auch, keinen Druck oder Zwang auszuüben, sondern Vertrauen aufzubauen, im Gespräch zu bleiben und Hilfe anzubieten.

Daran sterben in Deutschland 100 Menschen jährlich

https://www.welt.de/img/incoming/mobile164313433/1511354047-ci16x9-w570/Anti-Diaet-Tag-jpg.jpg ) ;">
 
https://www.welt.de/img/incoming/mobile164313433/1511354047-ci16x9-w570/Anti-Diaet-Tag-jpg.jpg ) ;">
 

Je dünner, desto besser - das zeigen uns täglich Hochglanzmagazine, Fernsehshows bis hin zu Youtube-Fitness-Stars. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Magersucht und Bulimie nehmen drastisch zu.

Quelle: N24/Fanny Juschten

 
fj