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CMD: Wer knackt den Fall?

Eine craniomandibuläre Dysfunktion kann man in den meisten Fällen gut behandeln. Das Problem liegt woanders: Betroffene haben häufig schon eine wahre Odyssee aus verschiedensten Facharzt-Besuchen hinter sich, bevor der Verdacht auf eine CMD fällt.

In Deutschland leiden etwa fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen unter einer craniomandibulären Dysfunktion, kurz CMD genannt. Die schmerzhafte Fehlregulation des Kauapparates kann durch psychische, strukturelle, funktionelle und biochemische Faktoren ausgelöst werden.

Die Therapieeffekte sind meist gut: Etwa 70 Prozent der Betroffenen sprechen laut Andrea Diehl, Spezialistin der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und –therapie auf die Behandlung an: bei 50 Prozent der Patienten ist die Therapie erfolgreich, bei 20 Prozent mäßig erfolgreich. Bis eine CMD allerdings überhaupt erkannt wird, haben die Betroffenen häufig schon eine Odyssee unzähliger Besuche bei Fachärzten hinter sich.

Alles ist möglich, auch CMD

Denn auf den ersten Blick können die Beschwerden den untersuchenden Arzt in die Irre leiten. Beschrieben werden Gesichts- und Kieferschmerzen, Kopfschmerzen, Nacken- und Ohrenschmerzen, Druck hinter den Augen, in den Nebenhöhlen und Zahnschmerzen. Die Schmerzen sind diffus, dumpf, wellenförmig und beständig. Sie können in Ruhe und Bewegung auftreten. Die Betroffenen berichten zudem häufig über eine eingeschränkte Kieferöffnung, Knack- und Reibegeräusche beim Öffnen und Schließen des Kiefers. Aber auch Schwindelgefühle, Lichtempfindlichkeit, Panikattacken und Stress im Alltag können Anzeichen für die Erkrankung sein. Wird die CMD nicht therapiert, kann eine Kierfergelenks-Arthrose entstehen.

Unterschiedliche Ursachen

Häufig ist die Ursache einer CMD ein falscher Biss – und zwar nicht nur beim Zusammenbeißen der Zähne, sondern auch beim Kauen oder Sprechen. Fehlbisse können angeboren sein, aber auch durch kieferorthopädische Behandlungen, Zahnfüllungen, Kronen oder traumatische Ereignisse wie Unfälle entstehen. Die Stellung des Bisses ist auch an der Position des Kiefergelenkes beteiligt. Dies ist ein Gleit- und Rotationsgelenk, welches das Kauen, Abbeißen und Sprechen ermöglicht. Ein schiefer Biss wirkt sich auch auf das Kopfgelenk oder die Halswirbelsäule aus. Umgekehrt können unter anderem Traumafolgen oder unterschiedlich lange Beine den Tonus bestimmter Muskelketten (paravertebral) ändern. Dadurch verschiebt sich die Gelenkachse der Kiefergelenke und der Gelenkspalt verschmälert sich. So entstehen Kieferschmerzen.

Wer leidet am häufigsten?

Studien zeigen deutliche geschlechtsspezifische und auch altersabhängige Zusammenhänge. So konnten Anders Wänmann und sein Team [Paywall] 2013 zeigen, dass am häufigsten Frauen zwischen 35 und 50 Jahren unter einer CMD litten. Für ihre Studie hatten die Wissenschaftler etwa 800 Patienten im Alter zwischen 35 und 75 Jahren befragt und anschließend klinisch untersucht.

Zwei Jahre später, im Jahr 2015, veröffentlichten Wänmann und seine Kollegen eine weitere Studie [Paywall] zu diesem Thema. Demnach steigt die CMD-Wahrscheinlichkeit ab dem Jugendalter kontinuierlich an. Die höchste Prävalenz haben Menschen mittleren Alters, insbesondere Frauen. Ab einem Alter von etwa 50 Jahren nimmt dann das Erkrankungsrisiko ab. Für ihre Untersuchung hatten die Wissenschaftler zwischen Mai 2010 und Oktober 2012 etwa 140.000 Menschen zwischen 10 und über 90 Jahre befragt. Die Patienten hatten an einer Routineuntersuchung beim Public Dental Health Service im Kreis Västerbotten in Schweden teilgenommen.

Risikofaktor Saxophon?

Das Risiko für eine CMD soll sich durch psychischen Stress, psychosoziale Probleme (z. B. Angststörungen), Zähneknirschen sowie durch das Spielen eines Blasinstruments erhöhen. Letzteres haben japanische Wissenschaftler 2016 herausgefunden. An der Untersuchung nahmen 72 Menschen, die ein Blasinstrument spielten und 66 Nicht-Spieler teil. Entscheidend für das CMD-Risiko war, wie stark die Lippen in das Mundstück gepresst wurden. Aber auch Frauen mit niedrigem BMI sollen – laut einer weiteren Studie aus dem Jahr 2016 – ein höheres CMD-Risiko haben. Der dentale Status wie beispielsweise die Anzahl der Zähne sollen jedoch keinen Einfluss haben.

Wie therapiert wird, wer behandelt

Im Vordergrund steht eine zahnärztliche bzw. kieferorthopädische Behandlung. Denn so gut wie immer liegt die Ursache einer CMD in einem falschen Biss. Aufbissschienen (Okklusionsschienen) sollen die Kiefergelenke entlasten. Kieferübungen als Therapie setzen sich erst allmählich durch.

 

Manche Therapieverfahren gelingen leichter, wenn die Verspannung der Kaumuskulatur, der Kopfgelenks- und der oberen Halsmuskulatur, die durch Fehlhaltung verursacht werden, gelöst werden. Dann können auch physiotherapeutische Maßnahmen wie Massagen und Entspannungskurse sinnvoll sein. CMD-Therapeuten arbeiten daher – abhängig von den Einflussfaktoren – mit Orthopäden, Osteopathen, Physiotherapeuten, Neurologen, Psychologen, Podologen und Internisten zusammen.

Allerdings ist die Herangehensweise bei der Behandlung sehr individuell. „Es gibt viele unterschiedliche Auffassungen, wie richtig behandelt werden sollte. […] Für eine gute Behandlung ist eine große Kenntnis der Bisslage und der dreidimensionalen kieferorthopädischen Situation notwendig,“ erklärt Stefanie Morlok, Zahnärztin und CMD-Therapeutin.

Zu viel Interdisziplinarität?

Eine andere Meinung, die in entscheidenden Punkten dem „Mainstream“ entgegentritt, vertritt André von Peschke. Der Zahnarzt ist Spezialist bei der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und –therapie (DGFDT) und fortgebildeter Gutachter der Deutschen Gesellschaft für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien (DGPro). Seiner Meinung nach ist jede Erkrankung multifaktoriell und multikausal – egal ob es sich um Fußpilz oder einen Gehirntumor handelt. Spezialisten müssten nur bei CMD-Patienten, die unter schweren Haltungsschäden oder schweren psychischen Beeinträchtigungen leiden, hinzugezogen werden. Im Normalfall ist jedoch keine ausgedehnte fachärztliche Untersuchung aller denkbaren Fachrichtungen notwendig. Denn im Normalfall stimmt einfach der Biss der Betroffenen nicht.

Wirklichkeitsfremd ist die Meinung, jemand würde bei Beschwerden zuerst einen CMD-Zahnarzt aufsuchen, der dann sein interdisziplinäres Netzwerk in Gang setzt, so André Peschke. In der Realität suchen die Betroffenen einen Facharzt nach dem anderen auf. Dabei werden die verschiedensten Krankheitsbilder wie Bandscheibenvorfall oder Hirntumore ausgeschlossen. Insbesondere bei Frauen werden dann psychische Probleme als Grund für die Beschwerden vermutet. Entweder durch Eigenrecherche oder durch andere Ärzte erhalten die Betroffenen schließlich den Hinweis, dass es sich um eine CMD handeln könnte. Häufig sind zu diesem Zeitpunkt die Untersuchungen der verschiedenen Fachärzte ohne Befund abgeschlossen.

Psychosomatik ist auch nicht immer die Lösung

Daher sei es nicht sinnvoll, den Betroffenen nochmals durch die „interdisziplinare Untersuchungsmühle zu drehen“, argumentiert der Experte. Anstatt dessen sollte die Ursache erst einmal im Mund gesucht werden: Sind beispielsweise die neuen Kronen, die etwa zeitgleich mit dem Beginn der Beschwerden eingegliedert wurden, fachgerecht angefertigt? „Auch stellen wir uns entschieden gegen den Trend, Patienten mit einer hohen Sensibilität auf okklusale Störungen in den Bereich der Psychosomatik abzuschieben, wie dies immer mehr Mode wird, wenn zwar tausende von Euro in sinnlose CMD-Diagnostik geflossen ist, es dem Patienten dabei nie besser geht und der Behandler zudem über kein therapeutisches Konzept verfügt, dann aber dem erstaunten Patienten erklärt, es müsse dessen Psyche sein, warum er mit den Störungen seiner Okklusion nicht mehr klar käme“, argumentiert Peschke. Die Realität sei häufig die, dass ein großer Teil „unserer“ Patienten, bereits als „austherapiert“ gilt, und von verschiedenen Facharztrichtungen ergebnislos untersucht wurde.