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Düsteres Duett: Depression und Diabetes

 
Diabetiker leiden doppelt so häufig an einer Depression wie der Rest der Bevölkerung. Schuld daran ist häufig die diabetische Erkrankung selbst. Sie wird als sehr belastend empfunden. Jetzt gibt es neue Therapie-Angebote von speziell ausgebildeten Psychodiabetologen.

Diabetes und Depressionen sind eng miteinander verknüpft. „Jeder dritte Diabetespatient weist eine erhöhte psychische Belastung auf und läuft Gefahr, eine Depression zu entwickeln“, sagt Professor Bernd Kulzer, Leiter des Forschungsinstituts der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim. „Und jede achte bis zehnte Person mit Diabetes leidet an einer klinischen Depression.“ Damit kommen Depressionen bei Menschen mit Diabetes doppelt so häufig vor wie in der Allgemeinbevölkerung.

In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft etwa 800.000 Menschen, die sowohl an einem Diabetes, als auch an einer klinischen Depression erkrankt sind. „Eine aktuelle Studie konnte zeigen, dass das Suizidrisiko bei Diabetes im Vergleich zu der Allgemeinbevölkerung etwa 50 Prozent erhöht ist, besonders jüngere Männer mit Typ-I-Diabetes sind gefährdet. Hochgerechnet auf Deutschland bringen sich täglich mehr als zwei Personen mit einer Depression und Diabetes um, jährlich über 800 Menschen – eine viel zu hohe Zahl“, sagt Kulzer.

Antriebslosigkeit fördert schlechte Blutzuckerwerte

Doch nicht allein die überdurchschnittlich hohe Suizidrate erhöht die Sterblichkeit von Diabetes-Patienten mit Depressionen. Auch die niedergeschlagene Stimmung und die Antriebslosigkeit können das Fortschreiten des Diabetes beschleunigen und die Krankheitssymptome verschlechtern.

 

Eine Depression führt über die Aktivierung der Hypophysen-Nebennieren-Achse zu einer Erhöhung entzündlicher Prozesse an den großen und kleinen Blutgefäßen. „Das wiederum fördert die Entstehung weiterer Folgeerkrankungen etwa an Nerven, Augen, Füßen oder Nieren“, erklärt Kulzer. Dazu gehören beispielsweise die diabetische Neuropathie und Retinopathie, der diabetische Fuß und die diabetische Nephropathie.

Direkte Folgeerkrankungen eines fortgeschrittenen Diabetes wie Schlaganfall und Herzinfarkt sind die Hauptgründe für ein doppelt so hohes Sterblichkeitsrisiko für Menschen mit Diabetes und Depressionen im Vergleich zu Diabetes-Patienten ohne Depressionen. Das belastet nicht nur die betroffenen Patienten und ihr persönliches Umfeld, sondern auch das Gesundheitssystem: So steigen die Behandlungskosten durch die Mehrfach-Therapie von Diabetes, Depression und Folgeerkrankungen um 50 bis 90 Prozent. Denn depressive Diabetikern fehlt oft der Antrieb, sich ihrer Erkrankung entsprechend zu ernähren, ihren Blutzuckerspiegel im Auge zu behalten und entsprechende therapeutische Maßnahmen einzuleiten, wenn der Blutzuckerspiegel entgleist. Ein schlecht eingestellter Blutzuckerspiegel erhöht wiederum das Risiko für diabetische Folgeerkrankungen.

Nur jede zweite Depression bei einem Diabetiker wird erkannt

Die Dunkelziffer für Diabetiker mit Depressionen liegt vermutlich deutlich höher als die Zahlen der Statistik. „Die Diagnose wird viel zu selten gestellt“, so Kulzer. Ein Grund dafür: Körperliche Symptome stehen im Arzt-Pateinten-Gespräch oft im Vordergrund. Doch auch der Hausarzt kann auf ein verändertes Verhalten achten: Ein Alarmzeichen sei beispielsweise, wenn der Patient die Diabetes-Therapie als sehr viel belastender als bisher empfindet. 

Diabetes ist für die Betroffenen, auch wenn sie nicht unter einer Depression leiden, eine allgegenwärtige Belastung. Bei jeder Nahrungsaufnahme und jeder körperlichen Anstrengung müssen Diabetiker an ihren Blutzuckerspiegel denken. Diesen müssen sie regelmäßig selbständig messen und dokumentieren. Sie müssen ein Gefühl für die richtige Dosierung ihrer Medikamente entwickeln, um sowohl eine Über- als auch eine Unterzuckerung zu vermeiden.

Fehler können sowohl psychisch als auch physisch sehr belastend sein. „Dies kann besonders dann sehr stressig und depressionsfördernd sein, wenn neben dem Diabetes noch andere Belastungen im Leben vorhanden sind, negative Erlebnisse wie Unterzuckerungen oder Folgeerkrankungen auftreten oder Menschen wenig Unterstützung im Umgang mit dem Diabetes erfahren“, sagt Kulzer.

Neu: Psychotherapeutische Sprechstunde für Diabetiker

Empfinden Patienten ihre Diabetes-Therapie als große Last, die sie mehr Energie als gewöhnlich kostet, kann das ein Hinweis auf eine beginnende Depression sein. Dann könne professionelle Hilfe laut Kulzer guttun.

Seit Beginn des Jahres gibt es für die Betreuung depressiver Diabetiker ein neues Angebot: „Diabetespatienten, die unter depressiven Verstimmungen leiden, erhalten seit dem 1. April dieses Jahres schnell einen Termin in der neu eingeführten psychotherapeutischen Sprechstunde“, sagt Andrea Benecke, Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Grundsätzlich könne aber jeder niedergelassene Psychotherapeut depressiv erkrankte Menschen mit Diabetes behandeln.

„Ziel einer Therapie ist eine gefestigte psychische Verfassung, die eine Rückkehr zu einem verlässlichen Selbstmanagement des Diabetes ermöglicht, was sich wiederum in einem stabilen HbA1c-Wert ausdrückt“, sagt Andrea Benecke. Erfährt der Patient wieder Erfolgserlebnisse, schwächen sich tiefer liegende, negative Muster nach und nach ab und die Diabetesbehandlung wird nicht mehr als schwere Lebensbürde empfunden.

Neue Fortbildung für Psychotherapeuten

Um die psychologische Betreuung von Diabetikern mit Depressionen zu verbessern, wurde auf dem 30. Deutschen Psychotherapeutentag dieses Jahr in Hannover der Rahmen für die Fortbildung „Spezielle Psychotherapie bei Diabetes“ geschaffen. Sie soll Psychotherapeuten auf die besonderen Bedürfnisse von depressiven Diabetikern vorbereiten.

„Es ist wichtig, die psychische Seite des Diabetes viel mehr als bisher zu beachten und für die Betroffenen künftig angemessene Therapieangebote zur Prävention und Behandlung von psychischen Erkrankungen zur Verfügung zu stellen“, sagt Prof. Baptist Gallwitz, Pressesprecher der DDG.