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Entgegen der ärztlichen Empfehlung lassen sich nur 50 Prozent der über 60-Jährigen gegen Influenza impfen. Ein Pflaster, das selbst appliziert werden kann, soll die Impfverdrossenen umstimmen. Im Falle einer Pandemie ließe sich die Impfung sogar per Post versenden.

Kurz nach Weihnachten ist es gewöhnlich wieder so weit: Die Grippewelle überrollt Deutschland. Sie beginnt meistens im Januar und dauert drei bis vier Monate. Im Winter fühlen sich die Influenza­viren besonders wohl. Die wandlungsfähigen Viren lieben niedrige Tempe­ra­turen und sind in trockener Luft außer­halb ihres Wirts besonders stabil.

Grippeviren lieben trockene Winterluft

Gleichzeitig ist die menschliche Schleimhaut der oberen Atemwege in der trockenen Winterluft anfälliger für Infektionen. So erkranken in Deutschland während einer Grippewelle nach Schätzungen des RobertKoch-Instituts (RKI) zwischen 2 und 10 Millionen Menschen an Influenza. Da nach Daten des RKI-Bürgerportals GrippeWeb nur etwa jeder zweite Erkrankte mit typischen Grippesymptomen zum Arzt geht, lässt sich eine genaue Anzahl der Erkrankten nur schwer beziffern.

Impfmüder als die EU erlaubt

Während die Europäische Union eine Impf­quote von 75 % bei älteren Personen anrät, lassen sich in Deutschland nur etwa 50 % der über 60-Jährigen gegen Grippe impfen (Angaben des RKI nach telefonischen Befragungen). Bei Medizinern liegt die Impfbereitschaft etwas höher: Nach einer 2010 durch­ge­führten Studie unter nieder­ge­lassenen Ärzten gaben 61 % an, sich regel­mäßig gegen saisonale Influenza impfen zu lassen.

Zu schmerzhaft, zu kompliziert oder einfach nur doof?

Doch woran liegt die Impfverdrossenheit der Deutschen? Am Pieks in den Arm? Am Gang in die Arztpraxis mit langen Wartezeiten und hoher Ansteckungsgefahr? An den Kosten? An der Angst vor Nebenwirkungen oder an einer generellen Ablehnung der Grippe-Impfung? Gegen letztes Argument kann das neu entwickelte Mikronadelpflaster wahrscheinlich nicht ankämpfen. Impfmuffel, die aus Bequemlichkeit oder wegen einer Nadelphobie die Grippeimpfung scheuen, haben in Zukunft aber gute Chancen, sich gegen eine drohende Influenzawelle zu wappnen.

Impfpflaster mit selbstauflösenden Nadeln

Das Impf-Tool der (nahen) Zukunft ist ein etwa 10-Cent-Münzen großes Pflaster mit hundert feinen Nadeln auf der Oberfläche, die 0,65 mm lang sind. Mit bloßem Auge sind sie kaum erkennbar. In diese Nadeln lässt sich ein Impfstoff einschließen. Und das nicht, wie gewohnt, in flüssiger Form, sondern in fester. Drückt man das Mikronadelpflaster auf die Haut auf, verschwinden die winzigen Nadeln kaum spürbar, und nach Angaben der Hersteller garantiert schmerzfrei, in der Haut. Dort lösen sie sich bereits nach wenigen Minuten auf und geben den festen Impfstoff an den Körper ab. Zurück bleibt ein Pflaster, das über den normalen Hausmüll entsorgt werden kann.

Das Mikronadelpflaster besteht aus 100 0,65 mm langen Nadeln, in denen sich der Impfstoff befindet. Nach wenigen Minuten in der Haut lösen sich die Nadeln auf und der Impfstoff wird freigesetzt. Credit: Georgia Institute of Technology

Das Mikronadelpflaster besteht aus hundert winzigen Nadeln, in denen sich der feste Impfstoff befindet. Nach wenigen Minuten in der Haut lösen sich die Nadeln auf und der Impfstoff wird freigesetzt. © Georgia Institute of Technology

Der große Vorteil des festen Impfstoffes gegenüber dem flüssigen: Er lässt sich problemlos ohne Kühlung bei bis zu 40 °C lagern. In Versuchen war der Impfstoff bei einer solchen Lagerung auch nach einem Jahr noch stabil. Ein solcher Impfstoff ließe sich in Regalen von Apotheken anpreisen, mit der Post verschicken und wäre auch für Entwicklungsländer attraktiv in der Handhabung.

Die Vorteile des Mikronadel-Impfpflasters auf einen Blick:

  • Schmerzfreie Anwendung
  • Lagerung und Transport ohne Kühlung bei bis zu 40 °C bis zu einem Jahr möglich
  • Anwendung ohne ärztliches Personal zu Hause möglich
  • Kein potenziell gefährlicher Müll wie bei Spritzen
  • Könnte im Falle einer Pandemie rasch in der Bevölkerung verteilt werden, z.B. über den Postweg

Sich selbst auflösende Mikronadeln sind nichts grundsätzlich Neues, da sie bereits in der Kosmetikbranche im Einsatz sind – beispielsweise in der Anwendung von Botox. Wissenschaftler haben die Technik nun für Impfungen im Zuge einer Phase-I-Studie untersucht. Dabei verglichen sie die herkömmliche Impfmethode mit Hilfe einer Einmalspritze mit der Anwendung des Mikronadelpflasters, dessen Nadeln aus Saccharose und Polyvinylalkohol bestehen. Die Untersuchungen liefen bereits im Jahr 2015 und wurden nun in „The Lancet“ veröffentlicht.

Studie an 100 Erwachsenen durchgeführt

An der Studie nahmen 100 Erwachsene zwischen 18 und 49 Jahren teil, die zuvor nicht gegen Grippe geimpft worden waren. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in vier Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe erhielt die Grippeimpfung auf herkömmliche Weise per Spritze in die Muskulatur des Oberarms, die anderen drei Gruppen über das Mikronadelpflaster, das für 20 Minuten auf dem Handgelenk appliziert wurde. Von den drei Gruppen, in denen das Pflaster angewendet wurde, erhielt eine Gruppe ein Placebo, die anderen beiden Gruppen den Grippeimpfstoff. Das Mikronadelpflaster wurde in einer Gruppe durch medizinisches Personal aufgebracht, in den anderen beiden Gruppen von den Probanden selbst.

Das Mikronadelpflaster lässt sich nach der Impfung schmerzfrei entfernen und im Hausmüll entsorgen. Credit: Georgia Institute of Technology

Das Mikronadelpflaster lässt sich nach der Impfung schmerzfrei entfernen und im Hausmüll entsorgen. © Georgia Institute of Technology

Mikronadelpflaster beliebt bei Anwendern

Im Beobachtungszeitraum von 180 Tagen wurden bei allen Teilnehmern Nebenwirkungen und Antikörper gegen drei verschiedene Grippeviren erfasst. Schwere Nebenwirkungen traten in keiner Gruppe auf, leichte Nebenwirkungen wie eine gerötete Einstich- bzw. Behandlungsstelle waren auf alle Gruppenmitglieder, die den Impfstoff erhalten hatten, unabhängig von der Methode der Applikation gleichmäßig verteilt.

Die Wirksamkeit der Impfung, gemessen am Antikörper-Titer, war in allen drei Gruppen gleich gut – unabhängig davon, ob das Pflaster von medizinischen Fachpersonal oder von den Probanden selbst angewendet wurde. Die intramuskuläre Injektion verursachte bei 60 % ein Spannen in der Einstichregion, 44 % der so geimpften Probanden empfanden ein Schmerzgefühl. Das Mikronadelpflaster verursachte bei 66 % der Anwender ein Spannungsgefühl, bei 82 % Juckreiz und bei 40 % eine Rötung. 96 % der Mikronadelpflaster-Anwender empfanden die Impfung allerdings als schmerzfrei. 70 % der Mikronadelpflaster-Anwender gaben in einer Befragung an, diese Art der Impfung vor der herkömmlichen zu bevorzugen.

Die Wissenschaftler sehen großes Potenzial in ihrem Impfpflaster und haben bereits eine Firma namens Micron Biomedical gegründet, die Patentrechte auf das Impfpflaster hält und die Technologie vorantreiben soll. Sollten sich die Impfstoffhersteller für die Technologie interessieren, sind vor der Zulassung aber noch weitere klinische Studien nötig. Erhält das Pflaster die Zulassung, könnte die Bevölkerung im Falle einer Pandemie mit Impfstoffen über den Postweg versorgt werden.

Quelle:

The safety, immunogenicity, and acceptability of inactivated influenza vaccine delivered by microneedle patch (TIV-MNP 2015): a randomised, partly blinded, placebo-controlled, phase 1 trial.
Nadine G Rouphael et al., The Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(17)30575-5; 2017