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Deutschlands Ärzte röntgen ihre Patienten häufig. Experten fordern, alternativ sonographische Untersuchungen durchzuführen, um unnötige Strahlenbelastung zu vermeiden. Auch diese führen oft zu guten Ergebnissen. Doch Ultraschalluntersuchungen haben auch Grenzen.

Rund 1,7 röntgendiagnostische Anwendungen erhält jeder Einwohner Deutschlands pro Jahr. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher am Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Überraschenderweise hat sich die Häufigkeit trotz moderner Technologien in den letzten Jahren kaum verändert. Wie lässt sich dies erklären?

Zwischen 2007 bis 2014 ist die Zahl an zahnmedizinischen Röntgenuntersuchungen von 0,6 auf 0,7 pro Einwohner angestiegen. Diese machten im Jahr 2014 rund 40 Prozent aller Röntgenuntersuchungen aus. Danach folgt die Skelett-Diagnostik (Schädel, Schultergürtel, Wirbelsäule, Beckengürtel und Extremitäten) sowie das Thorax-Röntgen. Bei Skelett und Thorax verzeichnen BfS-Experten tatsächlich einen rückläufigen Trend.

Häufigkeit von Röntgenuntersuchungen
Häufigkeit von Röntgenuntersuchungen © BfS

Die hohen Zahlen lassen sich oft mit dem Wunsch von Patienten erklären, berichtet die Bertelsmann-Stiftung. Experten zeigen dies am Beispiel von Rückenschmerzen. 60 Prozent aller Patienten erwarten, dass ihr Mediziner schnellstmöglich eine bildgebende Untersuchung durchführt. Und 69 Prozent sind der Meinung, dass Röntgen-, Computertomografie- (CT) und Magnetresonanztomographie-Aufnahmen (MRT) die genaue Ursache von Schmerzen aufzeigen. Das gelingt laut Bertelsmann-Stiftung aber gerade einmal bei 15 Prozent aller Betroffenen.

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Ultraschall kann Röntgen oft ersetzen

Doch es gibt Alternativen. Gerade bei rheumatoiden Erkrankungen, aber auch bei Knochenbrüchen oder Baucherkrankungen kann Ultraschall das Röntgen ersetzen. So empfiehlt die Strahlenschutzkommission (SSK) in ihrer „Orientierungshilfe für bildgebende Untersuchungen“ Ärzten, „immer sorgfältig zu prüfen, ob nicht eine Ultraschall- oder MRT-Untersuchung einer röntgen- oder nuklearmedizinischen Untersuchung vorgezogen werden kann, wenn die Fragestellung mit gleicher diagnostischer Information zu beantworten ist“.

Privatdozent Dr. Wolfgang Hartung von der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) sieht einen zentralen Vorteil: „Bei der Ultraschalldiagnostik werden ausschließlich Schallwellen zur Erzeugung der Bilder verwendet, die – anders als ionisierende Strahlen – keine negativen Wirkungen auf menschliches Gewebe haben.“ Untersuchungen könnten theoretisch beliebig oft durchgeführt werden, ohne Patienten zu belasten.

„Es ist nicht mehr nur möglich verschiedenste Gewebetypen darzustellen, sondern auch die Durchblutung von Extremitäten und Organen zu quantifizieren”, so Hartung weiter. Ein wichtiges Anwendungsfeld ist seiner Erfahrung nach der Bauchraum. Knochenbrüche lassen sich ebenfalls per Sonographie darstellen, was vor allem in der Pädiatrie von Vorteil ist. Per Ultraschall gelingt es, Frakturen des Handgelenks, des Ellenbogens oder des proximalen Oberarms mit hoher Sensitivität und Spezifität ausschließen. Dadurch verringert sich die Strahlenbelastung und die Kosten sinken.

Subcapitale Humerusfraktur
Subcapitale Humerusfraktur: Röntgen und Sonographie im Vergleich © Wikipedia, DerWikinutzer1 / CC-BY-SA 4.0

Mit ihrer Einschätzung ist die DEGUM nicht allein. Auch die SSK nennt etliche Einsatzmöglichkeiten von Sonographien. Dazu gehören akute Erkrankungen des Abdomens, um Diagnostik und Therapie bereits früh in die entscheidende Richtung zu lenken. Für die Analyse von kompaktem parenchymatösen Organen eignet sich das Verfahren ebenfalls. Oberflächlich gelegenen Organbereiche wie Schilddrüse, Mamma oder Hoden lassen sich auch gut darstellen. Wichtige Lymphknotenregionen werden vom Onkologen standardmäßig per Ultraschall untersucht. Nicht zuletzt eignet sich das Verfahren bei arteriellen und venösen Gefäßerkrankungen, speziell für supraaortale Gefäße.

Ohne Röntgen geht es nicht

Viele Argumente sprechen für Ultraschall. Schlägt der Röntgenröhre also bald die letzte Stunde? Das erscheint angesichts medizinischer, technischer und ökonomischer Schwierigkeiten eher unwahrscheinlich.

„Luft ist ein natürlicher Feind der Ultraschalluntersuchung, da sie aufgrund ihrer Reflexionseigenschaften die Bildgebung erheblich stört“, sagt Hartung. Große Knochen erweisen sich bei Sonographien auch als undurchdringlich. Damit nicht genug: „Die Untersuchung ist in besonders hohem Maße von der Erfahrung des Untersuchers abhängig, zumal entgangene Befunde nicht wie bei anderen Verfahren anhand einer lückenlosen Dokumentation von einem zweiten Untersucher überprüft werden können”, gibt die SSK zu bedenken. Außerdem würden Untersuchungen nicht nur von Radiologen, sondern auch von vielen Vertretern anderer Fachgebiete mit unterschiedlicher Geräteausstattung durchgeführt. „Eine sichere sonographische Diagnostik setzt eine qualifizierte Ausbildung voraus, da sonst möglicherweise zusätzliche radiologische Folgeuntersuchungen veranlasst werden.“

Im Medizinstudium kommt dieser Teil meistens zu kurz. „Wünschenswert wäre es, wenn die Studenten eine Grundausbildung in der Sonografie zeitgleich mit der Anatomie in der Vorklinik an der jeweiligen Universität erwerben würden und anschließend während der klinischen Semester ihre sonografischen Kenntnisse in den jeweiligen Fächern vertiefen könnten”, so Dr. Ruth Thees-Laurenz. Sie ist Oberärztin der Zentralen interdisziplinären Sonografie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier.

Nur 14 bis 15 Euro pro Patient

Nicht zuletzt stößt die Vergütung auf Kritik, wie folgendes Beispiel zeigt. 89 Prozent aller sonographisch aktiven Gastroenterologen sprachen in Befragungen von einer Unterdeckung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Kollegen müssen nicht nur in teure Technik investieren. Vielmehr lassen sich Ergänzungen zur B-Bild-Sonografie derzeit nicht abrechnen, hier bleibt es bei der EBM-Ziffer 33042. Der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) unterscheidet nicht zwischen einer Basissonographie beim Hausarzt oder einer zeitaufwendigeren qualifizierten Sonografie beim Onkologen beziehungsweise Gastroenterologen. Es bleibt bei 14 bis 15 Euro pro Patient. Die Summe kann zweimal im Quartal abgerechnet werden. Angesichts dieser Herausforderungen wird der Röntgenröhre noch lange nicht das Licht ausgehen.