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Fast jede dritte Pflegefachkraft ist in ihrem Beruf mit Gewalt konfrontiert. Sie befinden sich nicht nur in der Opferrolle, sondern werden oft selbst zu Tätern: So werden Patienten beispielsweise mit Medikamenten gegen ihren Willen ruhiggestellt.

Mindestens 90 Patienten soll der ehemalige Krankenpfleger Niels H. in niedersächsischen Krankenhäusern über Jahre hinweg getötet haben. Zu diesem Ergebnis kamen Staatsanwälte vor wenigen Wochen. Die Taten lösten neue Diskussionen über Gewalt in der Pflege aus. Professor Dr. Frank Weidner spricht von einem „Fall mit außerordentlicher krimineller Energie“. Der Wissenschaftler ist Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP) und Lehrstuhlinhaber Pflegewissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar.

Bei der Aufarbeitung stellt sich eine zentrale Frage: Warum hat niemand früher reagiert? Vorgesetzte bemerkten sehr wohl die hohe Sterberate, während Niels H. Dienst hatte. Sie boten ihm eine Versetzung in den Hol- und Bringdienst bei vollen Bezügen an. Alternativ solle er von sich aus kündigen und ein exzellentes Arbeitszeugnis erhalten.

Dass es sich hier um keinen Einzelfall handelt, belegen Berichte aus Bremen: „Die schlägt mich“, hatte eine 84-jährige Frau ihren Söhnen immer wieder gesagt. Gemeint war ihre Pflegerin Silke T. im Heim. Unter den Bewohnern fanden sich keine brauchbaren Zeugen. Die Heimleitung schob wiederum alle Behauptungen auf die angebliche Demenz der Patientin. Deshalb installierten Familienangehörige heimlich eine Kamera. Vor Gericht wurde das Filmmaterial als Beweis zugelassen. Doch das Urteil gegen die Pflegerin fiel mit einer Bewährungsstrafe extrem milde aus. Vor Gericht kam auf, dass der zuständige Heimleiter Beschwerden mehrerer Patienten und Angehörigen einfach ignoriert hatte.

Zwangsmaßnahmen durch Personalknappheit

Derartige Extremfälle sind selten. Trotzdem steht Gewalt in der Pflege an der Tagesordnung. DocCheck hat acht examinierte Pflegekräfte aus dem Münchener Raum befragt, um ein Stimmungsbild einzufangen. Alle Pflegekräfte gaben übereinstimmend an, im Laufe ihrer Karriere Maßnahmen gegen den Willen von Patienten durchgeführt oder dies wenigstens miterlebt zu haben.

„Wir haben zu wenig Zeit, um uns länger mit Pflegebedürftigen zu befassen“, sagt Aygün G. Ihr Kollege Piotr W. bestätigt dies: „Ich denke, in vielen Fällen wäre es gar nicht notwendig gewesen. Aber wir können die Arbeit schon so nicht mehr bewältigen.“ Aygün G. ergänzt, Vorgesetzte wüssten Bescheid, würden aber „lieber wegsehen anstatt mehr Kollegen anzustellen“. Den vollen Namen will niemand nennen, zu groß ist ihre Angst vor Repressalien durch Vorgesetzte.

Gewalt gegen Pflegekräfte sehen die Befragten nicht als das zentrale Problem. Sie verweisen übereinstimmend auf Pharmakotherapien, die von Pflegekräften eingesetzt werden, um Patienten ruhigzustellen.

Manchmal Opfer, manchmal Täter

Eine systematische Befragung mit großer Datenbasis zeigt jetzt das wahre Ausmaß von Gewalt in der Pflege. DIP-Forscher haben standardisierte Fragebögen mit 22 Positionen entwickelt und an 1.200 Personen aus Pflegeberufen verschickt. Sie erhielten 402 auswertbare Blätter (33,5 Prozent) als Rücklauf. 79,1 Prozent der Teilnehmer waren weiblich, 16,4 Prozent männlich, und 4,5 Prozent machten keine Angabe. 64,2 Prozent hatten einen Abschluss im Pflegebereich, und 17,2 Prozent befanden sich in einer entsprechenden Ausbildung. Im Detail betrachtet stellten ausgebildete Gesundheits- und Krankenpfleger die größte Gruppe dar, gefolgt von Schülern der Gesundheits- und Krankenpflege.

Nur knapp 10 % haben noch keine Gewalt erlebt

Rund ein Drittel der Befragten gab an, häufig in der Praxis mit Gewalt Erfahrung gemacht haben. Die Hälfte der Pflegekräfte kreuzte an, dass sie selten damit in Kontakt gekommen sind. Nur 9,5 Prozent hatten derartige Vorfälle noch nie erlebt.

Weidner fand deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Personengruppen. Pflegeschüler erlebten häufiger Maßnahmen gegen den Willen von Patienten im Vergleich zu Pflegefachkräften. Rund die Hälfte der Schüler bestätigten solche Vorfälle, bei den Pflegefachkräften war es etwa ein Drittel.

Gewalt gegen Pflegende

Weitere 13,7 Prozent der Pflegekräfte berichteten, selbst Opfer von Gewalt geworden zu sein. Und zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sich in den letzten drei Monaten Gewalt gegen sie gerichtet hat – zwar nur „eher selten“ oder „sehr selten“, aber sie konnten es nicht ausschließen. Nur 18 Prozent der Pflegekräfte konnten auf die Frage „Wie häufig erlebten Sie im Arbeitsalltag Gewalt, die sich gegen Sie selbst richtet?“ mit „nie“ antworten.

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© DIP
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© DIP

Die Vorfälle werden nicht aufgearbeitet

Ungeachtet dessen, dass häufig Maßnahmen gegen den Wunsch des Patienten durchgeführt werden, dass sich regelmäßig Gewalt gegen Patienten und auch gegen Pflegende richtet, ist es besonders bedenklich, dass die Vorfälle anscheinend nicht aufgearbeitet werden. Auf die Frage „Wie häufig erfolgte in Ihrer Abteilung die Aufarbeitung von gewaltätigem Verhalten gegenüber Patienten und gegenüber Pflegenden?“ kreuzten die meisten Befragten „sehr selten“ oder „nie“ an.

Was eigentlich von Pflegenden und Patienten, Bewohnern oder Pflegebedürftigen unter Gewalt verstanden wird, wie auch bezüglich des Vorkommens und der jeweiligen Perspektive und Rolle eines Menschen im Kontext spezifischer Pflegesituationen von großer Vielfalt be-stimmt.

Was definiert Gewalt? Sexualisierte Gewalt, verbale Übergriffe, Medikamentenmissbrauch?

Zwar liefert die Befragung keine Gründe, aber sie zeigt deutlich auf, dass etwas getan werden muss. So muss auch darauf hingewiesen werden, dass die Befragungsergebnisse methodisch ihre Grenzen haben. Es handelt sich um eine nicht repräsentative Stichprobe (402 ausgefüllte Fragebögen). Beim Studiendesign wurde auch keine einheitliche Definition des Gewaltbegriffs zugrunde gelegt. So wird beispielsweise körperliche und sexualisierte Gewalt, verbale Übergriffe, Medikamentenmissbrauch, Missachtung der Privatsphäre, finanzielle Ausbeutung und Vernachlässigung von Pflegebedürftigen als Gewalt erlebt und verstanden.

Trotz dieser Limitationen zeigen Weidner und Kollegen, dass dringender Handlungsbedarf besteht, vor allem bei der Aufarbeitung von Gewalt.

Wege aus dem Dilemma

Bleibt als Fazit, dass Gewalt in der Pflege ein komplexes Thema ist. Einfache Lösungen gibt es nicht, aber diverse Ansätze.

  • Mehr Schulung, mehr Supervision: Eine Antwort liefern Weidner und Kollegen selbst, indem sie Hinweise auf die fehlende Aufarbeitung von Gewalterfahrungen finden. Rund vier von fünf Befragten kreuzten an, in ihrer Einrichtung gäbe es Fallbesprechungen, regelmäßige Supervision oder ein Deeskalationsmanagement „eher selten“ bis „sehr selten“. Rund drei Viertel aller Pflegefachpersonen und Pflegeschüler haben nach eigenem Bekunden Interesse an Fort- und Weiterbildungen zum Themenfeld „Gewalt in der Pflege“. Dem stehen wenig Angebote der Arbeitgeber gegenüber.
  • Verbesserung der Fehlerkultur: Anonyme Möglichkeiten zur Meldung wie das Critical Incident Reporting System (CIRS) kannten nur 45,8 Prozent. Hier besteht dringender Nachholbedarf.
  • Mehr Personal: Die von DocCheck befragten Pflegefachkräfte sahen das Problem unisono im Fachkräftemangel und in der Überlastung. „Nach wie vor fehlen in unseren Krankenhäusern Zehntausende Mitarbeiter in der Pflege“, kommentiert Andreas Westerfellhaus, Präsident des Pflegerats. „Zahlreiche aktuelle Studien zeigen, mit welchen enormen und stetig steigenden Arbeitsbelastungen die professionell Pflegenden umzugehen haben.“ Mittelfristig fordert er eine Personalmindestbesetzung für die Pflege in allen Krankenhausbereichen, ohne die notwendige Flexibilität zu gefährden. Personalschlüssel sollten auch in anderen Bereichen gelten.
  • Mehr Zivilcourage: Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wird es immer Personen wie Silke T. oder Niels H. geben. Bei der gerichtlichen Aufarbeitung wurde klar, dass Vorgesetzte sehr wohl Hinweise auf das Fehlverhalten hatten. Sie sahen lieber weg, anstatt der Sache nachzugehen.