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Der Arzt rät zu Sport, der Patient nickt, doch passieren wird nicht viel. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen kann regelmäßiger Sport so viel bewirken wie Medikamente. Sich aufzuraffen, fällt aber gerade ihnen krankheitsbedingt schwer. Zeit für Sport auf Rezept?

Regelmäßige Bewegung erwies sich für Patienten mit Depression als ähnlich effizient wie eine medikamentöse Therapie, so lautete das Ergebnis einer umfangreichen Meta-Analyse, die vor drei Jahren veröffentlicht wurde. Obwohl Sport verglichen mit Medikamenten kostengünstiger ist und keine Nebenwirkungen mit sich bringt, wird das heilende Potenzial in vielen Fällen nicht genutzt.

Betroffenen fällt es durch ihre psychische Erkrankung oft besonders schwer, regelmäßig Sport zu treiben und sich insgesamt mehr zu bewegen. Dieser Aspekt wird von Ärzten bei den Therapieempfehlungen immer noch wenig berücksichtigt. Während einer stationären Behandlung ist regelmäßige Bewegung zwar Teil des Behandlungskonzepts. Doch sobald die Patienten entlassen sind, fallen regelmäßige Trainingsprogramme und auch die Anregung und Motivation zu regelmäßiger Bewegung weg.

Mehr Sport – jetzt aber wirklich

Eine aktuelle Metaanalyse von Davy Vancampfort und seinem Team von der University of Leuven in Belgien hat nun bewegungsarmes Verhalten und körperliche Aktivität bei Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen, nämlich wiederkehrender Depression, bipolarer Störung und Schizophrenie untersucht. In die Auswertung wurden 69 Studien mit insgesamt 35.682 Teilnehmern einbezogen. Sie waren zu 39,5 Prozent männlich und im Durchschnitt 43 Jahre alt. Die Betroffenen verbrachten im Durchschnitt 476 Minuten oder fast 8 Stunden ihrer wachen Zeit mit bewegungsarmem Verhalten und nur 38 Minuten pro Tag mit mäßiger bis starker körperlicher Aktivität. Damit verhielten sie sich signifikant mehr bewegungsarm und waren signifikant weniger körperlich aktiv als gesunde, nach Alter und Geschlecht vergleichbare Kontrollpersonen. Ungefähr die Hälfte der Patienten erreichte nicht die Empfehlung der WHO von 150 Minuten mäßiger bis starker körperlicher Aktivität pro Woche.

Eine geringere körperliche Aktivität hing dabei mit einer längeren Krankheitsdauer, der Einnahme einer antidepressiven oder antipsychotischen Medikation, Übergewicht, einem geringeren Bildungsniveau, Arbeitslosigkeit, männlichem Geschlecht und dem Familienstand Single zusammen. „Die Ergebnisse könnten dazu beitragen, maßgeschneiderte Interventionen zu entwickeln, um die körperliche Gesundheit bei diesen Patienten langfristig zu verbessern“, schreiben Vancampfort und sein Team. „Es ist wichtig, in Zukunft evidenzbasierte Maßnahmen zu entwickeln, um die körperliche Aktivität bei Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen zu erhöhen und ihr bewegungsarmes Verhalten zu reduzieren. Dies sollte weltweit eine Priorität im öffentlichen Gesundheitswesen sein.“

Stress und fehlende Unterstützung demotivieren

Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen erleben eine Reihe von Hürden, die sie daran hindern, regelmäßig körperlich aktiv zu sein. Eine weitere aktuelle Untersuchung von Joseph Firth und seinem Team von der University of Manchester (Großbritannien) und der University of Leuven hat sich mit den motivierenden Faktoren und Hürden für körperliche Aktivität in dieser Patientengruppe beschäftigt. In der Metaanalyse mit 12 Studien mit insgesamt 6431 Patienten stellten die Forscher fest, dass die Betroffenen als Hauptgründe für mehr körperliche Aktivität angaben, ihre Gesundheit verbessern, abnehmen, ihre Stimmung verbessern und Stress abbauen zu wollen. Negative Stimmung, eine subjektiv hohe Stressbelastung und ein Gefühl fehlender sozialer Unterstützung wurden am häufigsten als Hürden für regelmäßige körperliche Aktivität genannt.

„Die Aspekte, die durch Sport verbessert werden können, nämlich Abbau von Stress, Verbesserung der Stimmung und mehr Energie, stehen den Patienten umgekehrt bei der Umsetzung ihrer Absichten im Weg – nämlich eine depressive Stimmung, Stress und fehlende Energie“, schreiben die Autoren. „Deshalb ist es wichtig, dass die Patienten professionelle Unterstützung erhalten, um diese psychologischen Hürden zu überwinden und die Motivation zu regelmäßiger körperlicher Aktivität auf lange Sicht beizubehalten.“

„Kein Patient sollte Praxis ohne Empfehlung zu mehr Bewegung verlassen“

Doch genau dies sei bisher ein Problem, sagt Valentin Markser vom Institut für Sportpsychiatrie in Köln: Bisher gebe es in Deutschland keine Struktur, die dafür sorgt, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen nach Entlassung aus einer stationären Behandlung regelmäßig an Trainingsmaßnahmen teilnehmen oder zumindest motiviert werden, selbst regelmäßig körperlich aktiv zu werden. „Es wäre sehr wichtig, geeignete Trainingsprogramme für die Betroffenen zu entwickeln und zu etablieren und zugleich sicherzustellen, dass sie auch von den Krankenkassen übernommen werden“, betont der Sportpsychiater.

Seiner Ansicht nach würden niedergelassene Ärzte, die Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen betreuen, immer noch zu wenig berücksichtigen, wie wichtig regelmäßige Bewegung für ihre psychische und körperliche Gesundheit sei. „Egal ob es der Hausarzt, ein Psychiater, ein Psychotherapeut oder ein Neurologe ist: Kein Patient sollte die Praxis ohne die Empfehlung einer Sport- und Bewegungstherapie verlassen“, sagt Markser. „Dabei sollten die Ärzte sich bewusst machen, dass eine solche Maßnahme kostengünstig, nebenwirkungsarm und für fast jeden zugänglich ist.“

Idealerweise sollten Trainingsprogramme von Experten entwickelt werden und so gestaltet sein, dass sie deutliche physiologische Effekte haben – etwa die kardiorespiratorische Fitness verbessern, schreiben Firth und seine Kollegen. Das Training sollte nicht auf Leistung, sondern vor allem auf eine Steigerung des Wohlbefindens abzielen, so Markser, und lieber in kleinen Einheiten, zum Beispiel drei bis vier Mal pro Woche 30 Minuten, durchgeführt werden.

Ziel von Fachleuten: Sport auf Rezept

„Solche Programme sollten zunächst einmal darüber informieren, welchen gesundheitlichen Nutzen die Patienten von regelmäßiger körperlicher Aktivität haben“, erläutert Markser. „Weiterhin sollten sie den Betroffenen helfen, sich für eine Sportart zu entscheiden, mit der sie sich wohlfühlen. Während des Trainings sollten die Patienten regelmäßig Rückmeldung geben, wie es ihnen mit dem Programm geht, um so darauf hinarbeiten zu können, dass sie weiter motiviert bleiben.“ Wichtig ist auch, dass das Fitnessprogramm einen belohnenden Effekt hat. So haben Studien gezeigt, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen Trainingsprogramme vor allem dann als positiv erleben, wenn sie das Selbstwertgefühl und das Körperbild verbessern. „Außerdem wirkt es sich bei solchen Programmen oft günstig aus, dass die Patienten mehr mit anderen Menschen in Kontakt kommen und dass sie das Gefühl haben, selbst aktiv zu sein und aus eigener Kraft ihre Gesundheit zu verbessern“, sagt Markser.

Daneben sei es auch wichtig, die Betroffenen zu Maßnahmen zu motivieren, um bewegungsarmes Verhalten im Alltag zu reduzieren, schreiben Vancampfort und sein Team. „Als erste einfache Maßnahmen könnten die Betroffenen angeregt werden, in Werbepausen beim Fernsehen aufzustehen und herumzulaufen oder kurze Strecken zu Fuß zu gehen statt zu fahren.“ Weiterhin sollten Faktoren, die regelmäßiger körperlicher Aktivität im Weg stehen, verstärkt berücksichtigt werden, so die niederländischen Wissenschaftler. Dies könnten Nebenwirkungen der Medikation wie etwa Müdigkeit sein.

Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) arbeitet im Moment bereits darauf hin, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen – ähnlich wie dies bei chronischen körperlichen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits möglich ist – Sport „auf Rezept“ erhalten können. „Die Kosten werden dabei hoffentlich immer öfter von den Krankenkassen übernommen“, so Markser.