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Während der letzten Grippe-Welle gingen 6 Millionen Deutsche wegen Influenza zum Arzt. Dennoch sind die Impfquoten bei Risikogruppen weiterhin gering. Eine Beobachtungsstudie zeigt nun, dass eine positive Stimmung am Tag der Impfung zu einer besseren Immunantwort führt.

„Leider sind gerade bei den Senioren die Impfquoten mit rund 35 Prozent besonders niedrig“, sagt Professor Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts. Vor wenigen Wochen hat er den Influenza-Saisonbericht 2016/17 vorgestellt. Besonders häufig seien ältere Menschen von der Krankheit betroffen gewesen.

Der Experte präsentiert aus der Vielzahl an Daten einige Besonderheiten. Bereits Ende Dezember, in der 51. KW 2016, bemerkten Experten deutlich mehr Influenza-positive Proben, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum. Ihren Höhepunkt erreichte die Grippewelle in den Kalenderwochen fünf und sechs des neuen Jahres 2017. Als Endpunkt geben Experten die elfte Woche an. Das ist ein Monat früher als im Vergleichszeitraum. Im gesamten Zeitraum gingen schätzungsweise sechs Millionen Menschen in Deutschland aufgrund von Grippe zum Arzt. Kollegen stellten 3,4 Millionen Krankschreibungen aus und wiesen 30.000 Patienten in Krankenhäuser ein.

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Anzahl der eingesandten Sentinelproben und Positivenraten der fünf untersuchten viralen Atemwegserreger in der Saison 2016/17. Sentinelproben im Nationalen Referenzzentrum (NRZ): Gesamtzahl; RSV: Respiratory Syncytial Virus; hMPV: humane Metapneumovirus © RKI

Das RKI erhielt Meldungen zu 114.000 bestätigten Grippefällen und zu 723 Todesfällen mit Influenza-Infektion. Eine hohe Dunkelziffer ist wahrscheinlich. Dazu heißt es im Report: „Die Entscheidung, ob ein Fall als an oder in Folge einer Influenzaerkrankung verstorben übermittelt wird, treffen die Gesundheitsämter aufgrund der ihnen vorliegenden Informationen. Das können Einschätzungen der betreuenden Ärzte des Falles sein oder zum Beispiel Angaben auf dem Totenschein.“

Einmal mehr raten Experten deshalb zur saisonalen Impfung. Die Vakzine haben Zulassungen für unterschiedliche Altersgruppen. „Trotz der schwankenden Impfeffektivität ist die Impfung die wichtigste Maßnahme zum Schutz vor einer Erkrankung“, erklärt Wieler.

Schwieriger Schutz

Nicht nur die Immunoseneszenz, sprich das langsame Nachlassen unseres Immunsystems im Alter, führt zu Problemen. Auch bei Kindern muss sich das Immunsystem erst noch entwickeln. Deshalb testen Forscher unterschiedliche Adjuvantien. Hier handelt es sich um Hilfsstoffe ohne eigene pharmakologische Wirkung, die immunologische Vorgänge unterstützen. MF59 ist beispielsweise eine Öl-in-Wasser-Emulsion. Sie gelangt nach der Injektion schneller als wässrige Lösungen in unser lymphatisches System, dem wichtigsten Teil unseres Immunsystems.

Timo Vesikari von der University of Tampere Medical School in Finnland hat untersucht, welchen Effekt MF59 bei Kindern hat. Für seine Phase III-Studie rekrutierte Vesikari 10.644 Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren. Sie erhielten randomisiert eine Influenza-Vakzine mit oder ohne Adjuvans. Von dem Wirkverstärker profitierten nur Probanden im Alter von sechs bis 23 Monaten. Ältere Kinder profitierten nicht von MF59.

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Der Impfstoff aIIV4 mit Adjuvans im Vergleich zu einer Vakzine ohne Wirkverstärker: Nur Kinder zwischen 6 und 23 Monaten profitieren. rVE: relative Vakzin-Effektivität © Timo Vesikari

„Wir waren vom Ergebnis etwas enttäuscht: Der adjuvantierte Impfstoff zeigt gegenüber herkömmlichen Impfstoffen keinen Vorteil bei Kindern, die älter als zwei Jahre sind“, kommentiert RKI-Experte Gerhard Falkenhorst. Außerdem könne man nur für das Influenza A/H3N2-Virus belastbare Aussagen treffen. Andere Influenzaviren seien während der Studiendauer zu selten aufgetreten.

Gute Laune, gutes Ergebnis?

Scheinbar gibt es nicht nur externe chemische Adjuvantien. Auch die Gemütslage ist mit dem Erfolg von Impfungen assoziiert, fand Kieran Ayling von der University of Nottingham heraus. Er untersuchte den Einfluss verschiedener Immunmodulatoren bei 138 Senioren, die an jährlichen Grippeschutzimpfungen teilnahmen. Dazu befragte sein Team alle Probanden im Zeitraum von zwei Wochen vor und vier Wochen nach der Impfung mehrmals zu ihren Lebensgewohnheiten, aber auch zum Allgemeinbefinden. Per Schrittzähler erfasste Ayling auch die körperliche Aktivität. Gegen Ende seiner Studie bestimmte er den Antikörpertiter.

Während Bewegung, Ernährung und Schlaf keinen Effekt zeigten, war die Stimmungslage statistisch signifikant mit der immunologischen Reaktion assoziiert. Dies führte zu immunologischen Unterschieden von acht bis 14 Prozent. Entscheidend sei die Stimmung am Tag der Impfung, heißt es im Fachartikel.

Ayling kann mit seiner Kohortenstudie keine Kausalität belegen, liefert aber Hinweise für weitere Arbeiten. Von der Hand zu weisen ist der Gedanke jedenfalls nicht. Wie DocCheck berichtet hat, ändert sich durch Entspannung die Expression zahlreicher Gene. Ähnliche Aspekte könnten auch hier eine Rolle spielen.

Oseltamivir: Der Streit geht weiter

Neben Impfungen stehen Ärzten Neuraminidase-Hemmer zur Verfügung. Diese Wirkstoffe hemmen ein spezifisch in Grippeviren vorkomendes Enzym. Welchen Mehrwert Pharmaka wie Oseltamivir in der klinischen Praxis tatsächlich haben, war Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. Dabei geht es um die Frage, ob entsprechende Präparate Patienten tatsächlich einen nenneswerten Vorteil bieten oder ob pharmazeutische Hersteller vielmehr eine neue Einnahmequelle erschlossen haben. Anfangs hatten neutrale Forscher keinen Zugriff auf Rohdaten.

Ungeachtet der weltweiten Kritik am allzu offensiven Einsatz der Wirkstoffe hält das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in seinem aktuellen Gutachten an früheren Empfehlungen fest. In ihrer Übersichtsarbeit werten Virologen drei große systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen aus. Dazu gehören ein Bericht der Cochrane Collaboration (Matthew J. Thompson et al.), die industriefinanzierte MUGAS-Studie und die PRIDE-Studie. In ihrer Zusammenfassung zeigen die ECDC, dass alle drei Gruppen inhaltlich gar nicht so weit voneinander entfernt sind:

  • Oseltamivir verringert je nach Studie die Dauer von Erkrankungssymptomen um 16,8 bis 25,2 Stunden.
  • Es kam zu weniger Pneumonien, Infektionen, Krankenhauseinweisungen und Todesfällen, wobei dieser Teil methodische Schwächen aufweist.
  • Übelkeit und Erbrechen waren die häufigsten Nebenwirkungen.
  • Generell müssen Neuraminidase-Hemmer möglichst bald nach Auftreten der ersten Symptome eingestezt werden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist weitaus skpeptischer. Sie hat Oseltamivir Anfang 2017 von der „Kernliste“ entfernt und auf ihre „komplementäre Liste“ essentieller Arzneistoffe verschoben. Der Wirkstoff solle bei „schwerer Erkrankung aufgrund einer bestätigten oder vermuteten Influenzavirusinfektion bei schwerkranken Patienten im Klinikum“ eingesetzt werden, schreiben WHO-Gutachter. Soweit muss es in vielen Fällen erst gar nicht kommen, falls sich Patienten impfen lassen.