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In Deutschland herrscht Ärztemangel. Kliniken versuchen die Lücke mit ausländischen Fachkräften zu schließen. Doch Ärzten aus dem Ausland wird es hier schwer gemacht: Behörden stellen sich stur, viele hängen seit Jahren in der Warteschleife und hoffen auf eine Erlaubnis.

In Deutschland herrscht seit Jahren Ärztemangel. Nach Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) von Oktober 2016 werden bis zum Jahr 2030 rund 6.000 Ärzte in Deutschland fehlen. Am größten ist der Ärztemangel bereits jetzt in Krankenhäusern auf dem Land. Die geringste Arztdichte haben nach der Ärztestatistik 2016 der Bundesärztekammer die Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Laut der Fachkräfte-Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit betrifft der ärztliche Fachkräftemangel vor allem die Bundesländer Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Bayern, Brandenburg und Thüringen.

Diese leeren Stellen werden hierzulande häufig von ausländischen Ärzten besetzt. So kamen laut der Ärztestatistik im Jahr 2016 46.721 berufstätige Ärzte aus dem Ausland – das sind 11 Prozent der gesamten Ärzteschaft. Im Vergleich zu 2015 ist ihre Zahl damit um 9,7 Prozent gestiegen, in den letzten sieben Jahren hat sich der Anteil bereits verdoppelt. Wo hatten die zugezogenen Ärzte ursprünglich gelebt und gearbeitet? Mit 68,6 Prozent stammt der Großteil aller ausländischen Ärzte in Deutschland aus europäischen Ländern, gefolgt von 21,3 Prozent aus Asien, 6,4 Prozent aus Afrika und 3,1 Prozent aus Amerika. Aufgeschlüsselt nach Ländern kommen die meisten ausländischen Ärzte derzeit aus Rumänien (4.285), Griechenland (3.118), Syrien (2.895) und Österreich (2.600). Dabei sind 80 Prozent der ausländischen Ärzte im stationären Bereich tätig.

„Während große Städte kaum vom Ärztemangel betroffen sind, fehlen vor allem in ländlichen Gebieten und kleineren Städten Ärzte“, berichtet Ruth Wichmann, Leiterin des Auslandsreferats beim Ärzteverband Marburger Bund e. V.. „Qualifizierte ausländische Ärzte, die räumlich flexibel sind und nicht auf ein bestimmtes kleines Fachgebiet festgelegt sind, haben dort gute Chancen, eine Stelle zu finden.“

Diese Kriterien müssen Ärzte aus anderen Ländern erfüllen

Um in Deutschland arbeiten zu können, müssen Ärzte aus dem Ausland ausreichende deutsche Sprachkenntnisse nachweisen sowie medizinische Fachkenntnisse, die mit denen des deutschen Studiums vergleichbar sind. Ärzte aus Ländern der EU, des europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und der Schweiz haben es vergleichsweise einfach: Bei ihnen wird die Approbation meist automatisch anerkannt. Ärzte aus anderen Ländern (sogenannten Drittländern) können die Approbation erhalten, wenn die Gleichwertigkeit ihres Abschlusses mit dem deutschen in der Gleichwertigkeitsprüfung bestätigt wird. „Werden bei dieser Prüfung wesentliche Unterschiede im Vergleich zur deutschen Ausbildung festgestellt, die nicht durch einschlägige Berufserfahrung oder sonstige Fähigkeiten und Kenntnisse ausgeglichen werden konnten, müssen die Bewerber eine Kenntnisprüfung ablegen, die sich auf die Inhalte des deutschen Studiums bezieht“, erläutert Wichmann. „Diese Kenntnisprüfung kann insgesamt zwei Mal wiederholt werden.“

Weiterhin können Ärzte aus Drittländern, die nur temporär in Deutschland arbeiten wollen, eine befristete Berufserlaubnis beantragen. Diese wird meist für zwei Jahre ausgestellt und kann im Einzelfall verlängert werden. Sie beinhaltet aber keine Approbation und kann auf bestimmte Tätigkeitsbereiche beschränkt sein. Viele Ärzte nutzen die Zeit der befristeten Berufserlaubnis, um sich auf die Kenntnisprüfung vorzubereiten und so die deutsche Approbation zu erlangen.

Sprachkenntnisse: Kriterien in jedem Bundesland gleich

Die Anforderungen an die Sprachkenntnisse für eine Tätigkeit als Arzt waren lange Zeit nicht einheitlich geregelt. Erst im Juni 2014 hat sich die Gesundheitsministerkonferenz auf einheitliche Anforderungen geeinigt: Demnach ist für eine ärztliche Tätigkeit in Deutschland ein Sprachzertifikat für allgemeine Sprache auf B2-Niveau (nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen) und ein Fachsprachkenntnis-Zertifikat für Medizin auf C1-Niveau erforderlich. Allerdings sind diese Anforderungen rechtlich nicht bindend – was zu unterschiedlichen Regelungen in verschiedenen Bundesländern geführt hat. „Mittlerweile müssen die erforderlichen Deutschkenntnisse in allen Bundesländern durch eine Fachsprachprüfung auf Niveau C1 nachgewiesen werden. Bayern war das letzte Bundesland, das im April 2017 diese Fachsprachprüfung eingeführt hat“, berichtet Wichmann. „Die meisten Bundesländer verlangen zusätzlich noch ein allgemeinsprachliches B2-Prüfungszertifikat.“ Beide Sprachprüfungen können dabei beliebig oft wiederholt werden.

Inzwischen bieten eine Reihe von Instituten geförderte Ärzteintegrationskurse an, die Ärzte aus dem Ausland auf ihrem Weg zu einer Arbeitstätigkeit in Deutschland unterstützen. Unter den „FAQs – Ausländische Ärzte“ hat der Marburger Bund eine Liste dieser Institute zusammengestellt (siehe Punkt 17).

Als ausländischer Arzt in Deutschland – ein Erfahrungsbericht

Amir Mansour (Name von der Redaktion geändert) aus Syrien ist einer der Ärzte, der seit einigen Jahren in Deutschland arbeitet. Er hat in Jordanien Medizin studiert und kam Mitte 2014 nach Deutschland. Das Schwierigste sei für ihn am Anfang gewesen, gut genug Deutsch zu sprechen, um eine Stelle als Arzt antreten zu können, berichtet der 29-Jährige. „Über das Internet habe ich dann ein Institut für Ärzteintegrationskurse, das Via-Institut in Nürnberg, gefunden“, berichtet er. Die Kosten für die Ausbildung wurden von der Bundesagentur für Arbeit übernommen.

Er habe zunächst ein Praktikum begonnen, und, nachdem er seine Berufserlaubnis erhalten habe, eine Stelle als Assistenzarzt in der Chirurgie an einem Klinikum im Raum Nürnberg begonnen. „Eine Stelle zu finden, war nicht sehr schwer und die Ärzte und Mitarbeiter im Krankenhaus haben mich sehr gut unterstützt“, berichtet Mansour. „Sehr schwierig war für mich dagegen die viele Bürokratie: Um die Berufserlaubnis zu bekommen, musste ich viele Dokumunte vorlegen, die zum Teil schwer zu bekommen waren – zum Beispiel ein Führungszeugnis aus Syrien.“

Gleich nachdem er im Juli 2016 seine Stelle als Assistenzarzt angetreten hatte, habe er einen Appprobationsantrag bei der bayrischen Regierung gestellt – und bis heute keine Antwort erhalten. „Auch auf meine Nachfragen habe ich keine genaueren Informationen bekommen, wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist“, sagt Mansour. „In so einer Situation ist es schwierig, weiter zu planen. Mein Arbeitsvertrag und meine Berufserlaubnis laufen bis Anfang 2018 – soll ich nun meine Berufserlaubnis verlängern lassen oder abwarten, ob mir vorher die Approbation erteilt wird?“

Ähnlich geht es ihm mit der Fachsprachprüfung, die in Bayern erst im April 2017 verpflichtend eingeführt wurde. „Ich habe bereits nachgefragt, aber bis jetzt nicht erfahren, ob ich diese Prüfung ablegen muss oder nicht“, sagt der Assistenzarzt. Von anderen habe er gehört, dass die Wartezeiten für einen Prüfungstermin drei bis vier Monate betragen. „Insgesamt sind die Bearbeitungszeiten für diese formellen Dinge zu lange und das Prozedere ist oft sehr kompliziert“, kritisiert Mansour. „Viele meiner Kollegen aus dem Ausland haben Ähnliches erlebt – und oft noch schwierigere Situationen.“

„Vorurteile, wenn Patienten erfahren, dass ich aus Syrien komme“

Mit seinem Arbeitsplatz im Krankenhaus ist er im Großen und Ganzen zufrieden. Der Einstieg sei zwar nicht leicht gewesen – aber inzwischen komme er gut zurecht und habe auch seinen Stil im Umgang mit Kollegen und Patienten gefunden. „Allerdings stört mich, dass ich als Assistenzarzt nur selten und nur bei kleineren Eingriffen operieren darf“, sagt der 29-Jährige. „Außerdem machen die Ärzte viele Überstunden, die nicht bezahlt werden. Wir bekommen dafür nur einen Freizeitausgleich.“ Hin und wieder hat Amir Mansour auch Vorbehalte gegen seine Herkunft erlebt. „Manche Patienten haben Angst oder auch Vorurteile, wenn sie erfahren, dass ich aus Syrien komme“, so der Assistenzarzt. „In diesen Fällen hat es meist geholfen, wenn ein deutscher Arzt mit ihnen gesprochen hat. Das hat meist dazu beigetragen, dass sie Vertrauen entwickeln konnten.“

Wie kann der Einstieg erleichtert werden?

Aus Sicht des jungen Arztes kann einiges getan werden, um ausländischen Ärzten den Einstieg ins deutsche Berufsleben zu erleichtern. „Meiner Erfahrung nach ist es besonders wichtig, dass Ärzte aus dem Ausland gut in ihre Tätigkeit eingearbeitet werden und dabei auch ihre Sprachkenntisse weiter gefördert werden“, sagt er. „Außerdem ist eine gute Zusammenarbeit im Team wichtig. Alle Beteiligten sollten freundlich miteinander umgehen und Geduld und Verständnis mit den Kollegen haben – vor allem, wenn diese noch am Anfang ihrer Tätigkeit stehen.“

Auch Wichmann betont: „Damit ausländische Ärzte sich gut in ihren Beruf integrieren können, ist eine zielgerichtete Einarbeitung und Unterstützung durch den Arbeitgeber unentbehrlich. Hierfür müssen personelle und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Denkbar sind zum Beispiel die Bereitstellung von speziellen Deutschkursen zur Erweiterung und Festigung der Deutschkenntnisse, interkulturelle Trainings und individuelle Beratungsangebote. Außerdem muss im Betrieb ein Arbeitsklima gepflegt werden, in dem kulturelle Unterschiede nicht als Hemmnis, sondern als Chance für eine allseitige Weiterentwicklung begriffen werden.“

Mindestens 1.000 neue Studienplätze

Doch können ausländische Ärzte den Ärztemangel in Deutschland wirklich ausgleichen? Inwieweit sind andere Lösungen erforderlich? „Gerade in ländlichen Regionen leisten Ärzte aus dem Ausland einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung. In vielen Kliniken käme es ohne sie zu erheblichen personellen Engpässen“, erklärt Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. „Wir können und sollten aber nicht versuchen, unser Fachkräfteproblem im ärztlichen Dienst durch Zuwanderung aus dem Ausland zu lösen. Zum einen ist es eine Riesenherausforderung, die für eine gute Patientenversorgung notwendigen Fachsprache-Kenntnisse zu vermitteln und zu prüfen. Zum anderen muss uns bewusst sein, dass die zugewanderten Kollegen in ihren Herkunftsländern fehlen.“

Aus Sicht Montgomerys ist es vor allem wichtig, vernünftige Rahmenbedingungen für die Arbeit von Ärzten zu schaffen. So seien für junge Ärzte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, geregelte und flexibel gestaltbare Arbeitszeiten sowie gute Verdienstmöglichkeiten besonders wichtig. „Hier müssen Politik, Kostenträger und Arbeitgeber ansetzen, damit sich wieder mehr junge Ärzte für eine Tätigkeit in der Patientenversorgung entscheiden“, betont Montgomery. Weiterhin müsse die Reform des Medizinstudiums in Deutschland zügig umgesetzt werden. „Konkret nötig sind neue Auswahlverfahren für das Studium, mehr praktische Anteile und mindestens 1.000 neue Studienplätze“, so der Bundesärztekammer-Präsident.