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Dafür, dass in Deutschland deutlich mehr Menschen rauchen als in den Nachbarländern, gibt es im Bereich der Entwöhnung wenig Innovatives. In Großbritannien bringt man Raucher mit finanziellen Anreizen dazu, aufzuhören. Könnte das auch hierzulande klappen?

Weltweit rauchen 25 Prozent der Männer und 5,4 Prozent der Frauen (Stand 2015), in Deutschland sind es nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft je nach Bundesland 27 bis 35 Prozent der Männer und 17 bis 24 Prozent der Frauen. Rauchen ist ein wichtiger Risikofaktor für vorzeitigen Tod und eine ganze Reihe von Erkrankungen – allen voran Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen und Krebs.

Nach Berechnungen des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) verursacht Rauchen in Deutschland Kosten von 79,09 Milliarden Euro pro Jahr. Dazu gehören direkte Kosten im Gesundheitssystem sowie indirekte Kosten, die durch das vorzeitige Ausscheiden der Betroffenen aus dem Berufsleben entstehen.

Einatmen, ausatmen, Geld kassieren

Wenn jemand mit dem Rauchen aufhört, kann das seine Gesundheit langfristig verbessern – und dazu beitragen, Kosten im Gesundheitssystem zu sparen. In den letzten Jahren werden nun in Ländern wie den USA, Großbritannien, Australien oder der Schweiz innovative Maßnahmen analysiert, die Rauchern zu Nichtrauchern machen sollen. Denn es werden vorrangig jene Modelle untersucht, die zwar zunächst Kosten verursachen, aber möglicherweise mehr Raucher zum Aufhören bewegen können. Das Prinzip ist simpel: Raucher erhalten für einen festgelegten Zeitraum, in dem sie nicht geraucht haben, eine finanzielle Belohnung. Sie bekommen entweder Bargeld, Warengutscheine oder erhalten einen Geldbetrag zurück, den sie zu Beginn der Studie hinterlegt haben. Mithilfe biochemischer Tests wird überprüft, ob die Probanden tatsächlich nicht geraucht haben –mithilfe von Speichel- oder Urinproben oder mit Atemtests.

Eine aktuelle Cochraine-Review fasst zusammen: Finanzielle Anreize können ein wirksamer Ansatz sein, um Menschen zum Nichtrauchen zu motivieren. So ergab eine Studie aus den USA, dass in einer Gruppe, die einen finanziellen Anreiz von 750 Dollar erhielt, drei Mal so viele Teilnehmer mit dem Rauchen aufhörten wie in einer Gruppe ohne finanziellen Anreiz. Zudem waren in der Gruppe , die mit Geld belohnt wurde, sechs Monate, nachdem keine finanziellen Anreize mehr gezahlt wurden, noch doppelt so viele Probanden rauchfrei wie in der Kontrollgruppe. Eine Untersuchung in der Schweiz zeigte, dass hohe finanzielle Anreize (bis zu 1.390 Euro) zu höheren Abstinenzraten nach je 6 Monaten und 1,5 Jahren führten als in der Kontrollgruppe.

Zielgruppe Nr. 1: Schwangere Raucherinnen

Besonders im Fokus stehen schwangere Frauen. Sie sollten auf keinen Fall rauchen, viele tun es trotzdem, obwohl Zigarettenkonsum zu Komplikationen in der Schwangerschaft, Totgeburten, Frühgeburten und einem niedrigen Geburtsgewicht führen und die Gesundheit von Mutter und Baby langfristig beeinträchtigt. Studien haben gezeigt, dass finanzielle Anreize bei schwangeren Raucherinnen eine der effektivsten Methoden sind, um sie zum Nichtrauchen zu motivieren. So erhielten Schwangere in einer Untersuchung aus Großbritannien eine Nichtraucherberatung und, wenn sie sich entschieden, aufzuhören, eine kostenlose Nikotinersatztherapie. Die Hälfte der Probandinnen bekam zusätzlich Shopping-Gutscheine im Wert von insgesamt 400 Pfund, die andere erhielt keine finanziellen Anreize. Frauen, die Geld erhalten hatten, waren bei der Geburt ihres Kindes 2,5 Mal so häufig rauchfrei wie Schwangere in der Kontrollgruppe.

Auch wenn es im ersten Moment nicht so wirkt: Finanzielle Anreize bei Schwangeren sind eine kosteneffektive Methode. Denn die Kosten für die Raucherentwöhnung werden durch die Kosten aufgewogen, die auf lange Sicht im Gesundheitssystem für jene Erkrankungen der Mutter und des Kindes entstehen, die durch Rauchen verursacht werden.

Ein Kritikpunkt an Ansätzen wie diesen ist, dass Teilnehmer tricksen könnten, um die finanzielle Belohnung zu erhalten. Eine Untersuchung mit schwangeren Raucherinnen hat jedoch gezeigt, dass dies bei weniger als 5 Prozent der Teilnehmerinnen der Fall war. Zudem können biochemische Tests dazu beitragen, zu prüfen, ob jemand in einem bestimmten Zeitraum tatsächlich nicht geraucht hat.

Wie sind diese Modelle einzuschätzen?

Sollten solche Ansätze generell häufiger eingesetzt werden, damit mehr Menschen erfolgreich mit dem Rauchen aufhören? Aus Sicht von Michaela Goecke, Referatsleiterin für Suchtprävention der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), sind vor allem qualitätsgesicherte Angebote zur Unterstützung bei einer Raucherentwöhnung wichtig. „Für die meisten Raucherinnen und Raucher, die einen Rauchstopp planen, stehen die gesundheitlichen Vorteile ganz klar im Vordergrund – das ist ihre Hauptmotivation. Finanzielle Anreize sind da nicht nötig“, sagt Goecke. „Sicher kann man aber eine Menge Geld sparen, wenn man keine Zigaretten oder keinen Tabak mehr kaufen muss. Insofern ist ein Rauchstopp grundsätzlich ja mit einer Kosteneinsparung verbunden.“ Das eingesparte Geld könne für Ex-Raucher ein finanzieller Anreiz sein, um sich davon etwas Schönes zu gönnen. Kostenfreie qualitätsgesicherte Rauchstopp-Maßnahmen werden auch von der BZgA angeboten, etwa das kostenfreie „rauchfrei“-Online-Ausstiegsprogram.

„Ob direkte finanzielle Anreize wie die Zahlung von Geldbeträgen sinnvoll sind, hängt stark mit der Zielgruppe zusammen“, erläutert Daniel Kotz, Suchtexperte am Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf. „Sie können bei Menschen von Vorteil sein, bei denen es aus gesundheitlichen Gründen wichtig ist, nicht zu rauchen, oder die anders schwer zu erreichen sind. Schwangere sind eine solche besondere Zielgruppe, weil Rauchen hier zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen für das Baby und die Mutter führen kann.“ Vielen Schwangeren, die rauchen, falle es trotz dieses Wissens schwer, aufzuhören, oder sie würden nach der Geburt ihres Kindes wieder anfangen. „Finanzielle Anreize können bei ihnen ein zusätzlicher Faktor sein, um sie zum Rauchstopp zu motivieren“, so Kotz.

Eine weitere Einsatzmöglichkeit, die in der Praxis bereits häufiger angewendet wird, sind finanzielle Anreize in Raucherentwöhnungsprogrammen großer Firmen. „Ein Unternehmen kann leicht ausrechnen: Um wieviel höher ist der Krankenstand bei Rauchern als bei Nichtrauchern? Und wie hoch sind die Produktionsausfälle, die durch Rauchen entstehen?“, sagt Kotz. „Diese sind insgesamt gesehen enorm hoch: Pro Jahr entstehen in Deutschland durch Produktionsverluste Kosten von über 25 Milliarden Euro, die auf Rauchen zurückgehen.“ Ein guter Entwöhnungskurs und ein zusätzlicher finanzieller Bonus für alle, die teilnehmen und diejenigen, die es schaffen, abstinent zu bleiben, kann für einen Betrieb eine lohnende Investition sein. „Solche Maßnahmen können für ein Unternehmen marktwirschaftlich günstig sein, weil es so langfristig Kosten einspart“, betont Kotz.

Entwöhnungsmaßnahmen sollten kostenfrei sein

Der sinnvollste Ansatz, in der Allgemeinbevölkerung finanzielle Anreize einzusetzen, ist aus Sicht des Suchtexperten jedoch ein anderer: der kostenfreie Zugang zu evidenzbasierten Entwöhnungsmaßnahmen. So hat sich eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Nikotinersatzprodukten als die wirksamste Methode zur Raucherentwöhnung erwiesen – und sie wird auch von vielen Anbietern von Raucherentwöhnungsprogrammen eingesetzt. „Für viele Raucher, die häufig aus sozio-ökonomischen Gründen benachteiligt sind, sind die Kosten für eine Entwöhnung eine große Hürde“, so Daniel Kotz. „Studien haben gezeigt: Wenn die Kosten von Entwöhnungsmaßnahmen von den Krankenkassen übernommen werden, nehmen mehr Raucher daran teil. Außerdem entschließen sich mehr Raucher zu einem Rauchstopp und mehr hören erfolgreich mit dem Rauchen auf. Das heißt, dass sie über einen Zeitraum von mindestens 6 bis 12 Monate nicht mehr geraucht haben.“ Dass dieser Ansatz Erfolg hat, zeige sich beispielsweise in Großbritannien und den Niederlanden. „In diesen Ländern gibt es spezialisierte Tabakambulanzen, die kostenlose Entwöhnungsprogramme anbieten“, sagt Kotz. „Und dort rauchen wesentlich weniger Menschen als in Deutschland.“

Das Problem in Deutschland sei auch, dass viele Ärzte Rauchen zwar als Risikofaktor betrachten und die Patienten auch auf dieses Thema ansprechen. „Aber dann hört ihr Engagement häufig schnell auf, weil sie keine vernünftigen Maßnahmen anbieten oder verschreiben können“, betont Kotz. „Zum einen fehlt in vielen Regionen eine flächendeckende Versorgung mit Raucherentwöhnungs-Angeboten, zum anderen führen die Kosten solcher Maßnahmen dazu, dass viele Patienten sie nicht in Anspruch nehmen.“