+43-662-276071 oder +43-664-1340177

Patienten haben keine Zeit und wenig Lust, beim Arzt oder Apotheker zu warten. Online-Praxen wie DrEd setzen auf digitale Prozesse. Deutschland zieht die juristische Notbremse. Zu spät? Jeder zweite befragte Deutsche befürwortet Online-Verordnungen.

Nach Feierabend in einer Kölner Apotheke. Patienten warten in der Schlange auf ihre Beratung und auf ihre Medikamente. „Erst eine halbe Stunde beim Arzt und dann eine viertel Stunde in der Apotheke die Zeit totschlagen“, ärgert sich Kerstin N. Für ihr orales Kontrazeptivum muss sie jedes Quartal in ihre Praxis und dann in ihre Apotheke. „Berufstätige können eben nur zu Stoßzeiten einkaufen.“ Genau hier setzen Online-Praxen wie euroClinix oder DrEd an. Sie beraten und verordnen, ohne dass Patienten Termine vereinbaren müssen. Wartezimmer gibt es auch nicht.

Körperliche Untersuchung – nicht immer erforderlich

Ein Blick auf den Workflow am Beispiel von DrEd. Im ersten Schritt füllen Patienten verschiedene Online-Formulare zu ihrer Krankheit aus. Dabei beschränken sich Ärzte auf Aspekte zur Männergesundheit (Erektionsstörungen, vorzeitiger Samenerguss, Haarausfall, Präexpositionsprophylaxe), zur Frauengesundheit (Verhütung, Vaginose, Blasenentzündung, Hirsutismus), zur Reisemedizin (Malaria oder Durchfall) oder zur inneren Medizin (Asthma, Sodbrennen, Hypertonie, Hypercholesterinämie). Sexuell übertragbare Erkrankungen wie Chlamydien, Genitalwarzen, Genitalherpes oder Gonorrhoe sind ein weiterer Schwerpunkt. Für die virtuelle Sprechstunde inklusive Verordnung fallen Kosten zwischen neun und 29 Euro an.

DrEd03
Wartezeit auf einen Arzttermin und Zeitverlust im Wartezimmer selbst. Nicht erfasst wurde der Zeitaufwand in der Apotheke, um ein Arzneimittel zu erhalten © DrEd
DRED02
Patienten schätzen die Zeitersparnis, gefolgt von zeitlicher beziehungsweise räumlicher Flexibilität und von Diskretion.© DrEd

Ein Blick auf den Workflow am Beispiel von DrEd. Im ersten Schritt füllen Patienten verschiedene Online-Formulare zu ihrer Krankheit aus. Dabei beschränken sich Ärzte auf Aspekte zur Männergesundheit (Erektionsstörungen, vorzeitiger Samenerguss, Haarausfall, Präexpositionsprophylaxe), zur Frauengesundheit (Verhütung, Vaginose, Blaenentzündung, Hirsutismus), zur Reisemedizin (Malaria oder Durchfall) oder zur inneren Medizin (Asthma, Sodbrennen, Hypertonie, Hypercholesterinämie). Sexuell übertragbare Erkrankungen wie Chlamydien, Genitalwarzen, Genitalherpes oder Gonorrhoe sind ein weiterer Schwerpunkt. Für die virtuelle Sprechstunde inklusive Verordnung fallen Kosten zwischen neun und 29 Euro an.

„Nicht jede Krankheit kann aus der Ferne behandelt werden“, sagt DrEd-CEO David Meinertz. „Wir behandeln zum Beispiel kein Bauch- oder Kopfweh. Das sind Symptome, bei denen eine körperliche Untersuchung für eine Diagnose notwendig ist.“ Wegen des hohen Missbrauchspotenzials würden auch keine starken Schmerzmittel oder Schlaftabletten aufgeschrieben. Meinertz: „Wir behandeln nur dann, wenn Fernbehandlung Sinn macht.“ Warum das derzeit in Deutschland nicht möglich ist, zeigt ein Blick auf die verworrene Rechtslage.

Europäisches Chaos

Jeder EU-Mitgliedsstaat kann in besonders schützenswerten Bereichen wie dem Gesundheitswesen eigene Rechtsnormen erlassen. Apotheker kennen das von fruchtlosen Diskussionen über Rx-Versandverbote. Entschließt sich der Gesetzgeber, bestimmte Bereiche zu regulieren, betrifft das nur Arztpraxen oder Apotheken mit Sitz in Deutschland. Wie unterschiedlich die Betrachtung aber ist, zeigt ein kurzer juristischer Abriss:

  • Patienten können innerhalb der EU selbst bestimmen, wo sie sich medizinisch behandeln lassen. Anfang 2011 wurde eine entsprechende Richtlinie veröffentlicht. Das Europäische Parlament und der Europäische Rat warnen alle Mitgliedsländer jedoch, Patienten sollten „nicht dazu ermuntert werden, Behandlungen in einem anderen als ihrem Versicherungsmitgliedstaat in Anspruch zu nehmen“.
  • Deutschlands Versicherte haben das Recht, ihre Apotheke frei zu wählen (V. Sozialgesetzbuch, §129 u.a. , Apothekenbetriebsordung, §17). Das gilt auch bei Heimbewohnern (Apothekengesetz, §12, Absatz 1, Satz 5). Ärzte dürfen weder für eine Apotheke werben noch Rezepte ohne Einverständnis von Patienten weiterleiten.
  • International werden Verordnung und Abgabe von Arzneimitteln zwar weitgehend getrennt. Zuweisungsverbote an einzelne Apotheken oder Apothekenketten fehlen in vielen Ländern jedoch.
  • Die (Muster-)Berufsordung für in Deutschland tätige Ärzte untersagt es Medizinern in §7 Absatz 4, bei ihrer Diagnostik und Therapie ausschließlich über digitale Medien zu kommunizieren. Andere Länder schränken Kollegen in dieser Hinsicht weniger ein, Großbritannien hat die liberalsten Vorschriften.
  • EU-Versandapotheken werden von der European Medicines Agency (EMA) zertifiziert und in einem Register veröffentlicht. Sie dürfen auch deutsche Patienten beliefern, ein Rx-Versandverbot gibt es derzeit nicht.
  • Die EU-Durchführungsrichtlinie 2012/52/EU stärkt die Rechte von Patienten, um ärztliche Verordnungen in anderen Mitgliedsländern einzulösen. Auch hier gilt: Deutschland kann per Gesetz Einschränkungen treffen.

Ein Gesetz gegen „Schmuddelrezepte“

Genau das hat der Gesetzgeber mit seinem „Lex DrEd“ getan. In einer Novelle zum Arzneimittelgesetz, § 48, würdigt er die britische Online-Praxis mit eigenen Textpassagen: „Eine Abgabe von Arzneimitteln, die zur Anwendung bei Menschen bestimmt sind, darf nicht erfolgen, wenn vor der ärztlichen oder zahnärztlichen Verschreibung offenkundig kein direkter Kontakt zwischen dem Arzt oder Zahnarzt und der Person, für die das Arzneimittel verschrieben wird, stattgefunden hat. Hiervon darf nur in begründeten Ausnahmefällen abgewichen werden, insbesondere, wenn die Person dem Arzt oder Zahnarzt aus einem vorangegangenen direkten Kontakt hinreichend bekannt ist und es sich lediglich um die Wiederholung oder die Fortsetzung der Behandlung handelt.“

„Wie sollen wir das bitte erkennen“, sagt die Apothekerin Hanna Breitner aus München. „Bei DrEd ist alles klar, aber bei anderen Ärzten?“ Sie kritisiert: „Das Gesetz hat keinen Bezug zur Praxis.“ Standesvertreter bleiben eher vage. „Wir begrüßen die vorgesehene Regelung, durch die klargestellt wird, dass die Abgabe eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels grundsätzlich nur auf eine Verschreibung erfolgen darf, die nach einem persönlichen Kontakt zwischen der verschreibenden Person und der Person, für die das Arzneimittel verschrieben wird, ausgestellt wurde“, kommentierte die ABDA in einer Stellungnahme.

Montgomery: „Das ist gut so“

Vertreter der Ärzteschaft reagierten begeistert. „Schmuddelrezepte über das Internet ohne Arztkontakt sind damit verboten. Und das ist auch gut so“, sagte BÄK-Präsident Frank-Ulrich Montgomery. Generell lehne der Berufsstand die Telemedizin nicht ab. Allerdings müsse es ein Gleichgewicht zwischen Patientenschutz und Wirtschaftsinteressen gewahrt werden. „Deshalb verlangen wir, dass dem Einsatz telematischer Behandlungsmethoden eine persönliche Konsultation vorangegangen sein muss.“

Rein wirtschaftlich ändert sich für DrEd nicht viel. Anstatt Rezepte direkt an Kunden zu liefern, werden diese an eine EU-Versandapotheke jenseits deutscher Grenzen übertragen. Arzt- und Apothekensitz befindne sich außerhalb unserer Grenzen. Damit greifen deutsche Vorschriften nicht. Und die Einfuhr von zugelassenen Arzneimitteln aus anderen Unionsländern ist legitim.

Der Wurm muss dem Fisch schmecken

DrEd01

© DrEd

Doch was wollen eigentlich Kunden? Mandy K. hatte zwar schon im Fernsehen von DrEd gehört, aber noch nie Rezepte bestellt. Das Konzept gefällt ihr gut, Nachteile sieht sie nicht: „Ich gehe regelmäßig zur Vorsorge. Ansonsten füllen die Arzthelferinnen alles aus, das macht für mich keinen Sinn.“

Mit ihrer Meinung ist sie nicht allein: Jeder zweite repräsentativ befragte Bürger ist für Online-Verordnungen. DrEd knackte eigenen Angaben zufolge im Januar die Millionenmarke bei Beratungen und Behandlungen. Als durchschnittliche Wachstumsrate werden 200 Prozent pro Jahr genannt.

Politisch bereitet allerdings der Brexit große Bauchschmerzen. Bleibt die Hoffnung auf einen „weichen Ausstieg“ Großbritanniens. Dann wären Abkommen, wie sie bereits zwischen der EU und Norwegen oder Grönland existieren, denkbar. Ansonsten bleibt noch Irland als Zufluchtsort.

Vor Ort und digital – kein Widerspruch

Doch zurück nach Deutschland. Mit Einschränkungen wie dem „Lex DrEd“ doktert der Gesetzgeber nur an Symptomen herum, ohne wirklich Lösungen zu finden. Wir können viel von anderen Ländern lernen, falls wir uns nicht immer nur auf mögliche Risiken konzentrieren:

  • In amerikanischen Retail Clinics diagnostizieren und therapieren Gesundheitsfachkräfte Bagatellerkrankungen anhand von Algorithmen. Das Grundprinzip funktioniert und ist mit Änderungen auf Online-Lösungen übertragbar. Patienten können nicht von jeder Verantwortung freigesprochen werden, Informationen richtig anzugeben.
  • Hausbesuche sind eine Alternative zu Online-Konsultationen, werden immer seltener. Anbieter privatärztlicher Leistungen erobern den Markt, etwa medlanes. Es braucht neue Möglichkeiten zur Honorierung im GKV-Bereich.
  • Dauerrezepte sind in Deutschland überfällig – vor allem, wenn Patienten ohne jeden Arztkontakt nur ihre Rezepte Quartal für Quartal abholen.
  • Wartezeiten in Apotheken lassen sich durch Online-Vorbestelltools oder durch Botenlieferungen vermeiden. Die Angebote sind ausbaufähig.

Althergebrachte und digitale Lösungen schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich vielmehr. In Zeiten knapper werdender Ressourcen sollten sich Ärzte besser auf schwerwiegende Erkrankungen konzentrieren, anstatt ihre Zeit mit Bagatellfällen zu verschwenden