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Seit Jahrzehnten wird Propranolol als Betablocker eingesetzt. Neue Studien deuten darauf hin, dass es auch bei anderen Krankheiten indiziert sein könnte. Ein Start-Up-Unternehmen aus den USA plant sogar, das Medikament bei Angst vor öffentlichem Reden zu verschreiben.

Haben Sie Angst, Vorträge vor Kollegen zu halten? Rast Ihr Herz und zittern die Hände? Dann könnte sich vielleicht Propranolol eignen. Kick, ein Startup aus San Francisco, plant, Patienten nach einer Online-Sprechstunde Rezepte für den Betablocker auszustellen.

Die Pille wirke wie Magie; Leute, die sie benutzt haben, sagen, ihre Angst vor dem öffentlichen Reden sei verschwunden. Das berichtet der Kick-Gründer und CEO Justin Ip. „Es handelt sich um einen preiswerten Arzneistoff mit wenigen Nebenwirkungen und mit langjährigen Erfahrungen zur Off-Label-Anwendung.“

 

„Schmutziger“ Betablocker mit Potenzial

Tatsache ist, dass Propranolol seit Jahrzehnten verordnet wird. Pharmakologen sprechen von einem „schmutzigen“, sprich unselektiven Betablocker. Propranolol bindet an β1– und β2Adrenozeptoren. Zu den klassischen Indikationen zählen arterieller Hypertonien, Herzinsuffizienzen oder die koronare Herzkrankheit. Auch bei der Migräneprophylaxe verordnen Neurologen den alten Wirkstoff. Hinzu kommen Ösophagusvarizen, Hyperthyreosen oder Glaukome. Damit sind die Möglichkeiten lange noch nicht ausgeschöpft, wie einige Veröffentlichungen zeigen.

Patienten schwitzen Blut und Wasser

Vor wenigen Wochen berichtete Roberto Maglie, Arzt an der Uni Florenz, von einer jungen Patientin mit Hämhidrose. Dabei scheidet unser Körper Blut über den Schweiß aus. Wahrscheinlich ist die Ursache eine angeborene oder erworbene Schwäche der Gefäßwände zusammen mit einer Hypertonie. Aber auch bei groß empfundener Angst kann es womöglich zum Platzen feiner Hautgefäße und zur Ausscheidung des Blutes mit dem Angstschweiß kommen. Die Redewendung „Blut und Wasser schwitzen“ lässt sich daher vermutlich auf dieses Krankheitsbild zurückführen. Im Fall der jungen Patientin sei es nach der Gabe von Propranolol gelungen, die Symptome deutlich zu reduzieren. Während sich Ärzte hier zu Lande noch im Rahmen bekannter Indikationen bewegen, hat Propranolol deutlich größere Potenziale.

Anwendung beim Hautkrebs-Rezidiv

Dazu gehört die Möglichkeit, Melanom-Rezidive zu verhindern. Bei dieser Indikation fehlen bislang geeignete Wirkstoffe. Kürzlich hat Vincenzo De Giorgi von der Uni Florenz Daten einer Kohortenstudie veröffentlicht. Er rekrutierte 79 Patienten mit malignen Melanomen der Stadien IB bis IIIA ohne Hinweise auf Metastasen. Die Teilnehmer waren durchschnittlich 63 Jahre alt. 53 von ihnen erklärten sich mit der Studienteilnahme einverstanden. Weitere 26 wurden aufgrund von Vorerkrankungen, Unverträglichkeiten gegen Propranolol oder aufgrund der Ablehnung ausgeschlossen.

Ärzte fragten Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose, ob sie bereit wären, 80 mg Propranolol off label ergänzend zur leitliniengerechten Therapie einzunehmen. 19 Personen signalisierten ihre Zustimmung und wurden in die Propranolol-Gruppe (PROP) aufgenommen. Wer die ergänzende Behandlung ablehnte, konnte sich alternativ über die Kontrollgruppe (No-PROP) beteiligen. Diese Zuordnung ist methodisch als größte Schwäche der Arbeit zu bewerten.

Nach drei Jahren schritt die Krebserkrankung bei 14 Patienten (41,2 Prozent) in der No-PROP-Gruppe weiter voran. In der PROP-Gruppe betraf dies nur drei Patienten (15,8 Prozent). Ohne Propranolol starben sechs Patienten, davon fünf aufgrund ihres Melanoms. In der Gruppe mit adjuvanter Therapie waren es zwei Patienten, wobei ein Todesfall direkt mit der Krebserkrankung in Verbindung stand.

Im nächsten Schritt korrigierte De Giorgi prognostische Faktoren aufgrund von Unterschieden beider Gruppen zu Studienbeginn. Er fand heraus, dass Propranolol-Gaben ab dem Zeitpunkt der Diagnose invers mit Melanom-Rezidiven assoziiert ist. Die Medikation verringerte das Risiko signifikant um zirka 80 Prozent. Nach drei Jahren zeigte sich auch ein Trend zur geringeren Mortalität unter dem Wirkstoff. Hier waren die Unterschiede zwischen beiden Gruppen aber nicht statistisch signifikant.

Welche Effekte sich auf molekularer Basis abspielen, könnte eine Arbeit von Eric V. Yang, Forscher am Ohio State University Medical Center, erklären. Er untersuchte in vitro Melanom-Zelllinien. Auf deren Oberfläche fand Yang vermehrt Adrenozeptoren. Noradrenalin führte zur Bildung von Proteinen, welche die Metastasierung fördern. Dazu gehören die Interleukine IL-8 und IL-6 sowie der Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF). Nach Zugabe von Propranolol stagnierte deren Expression.

Auch beim Hämangiom hilfreich

Auf einem ganz anderen Mechanismus basiert die Verwendung von Propranolol bei Hämangiomen. Diese speziellen Tumoren der Blutgefäße kommen vor allem in jungen Jahren vor. Zwischen drei und zehn Prozent aller Säuglinge entwickelt „Blutschwämme“, wobei sich viele Läsionen wieder von selbst zurückbilden.

Dabei handelt es sich keineswegs um ästhetische Probleme. Große Hämangione am Auge können die Sehkraft schwächen. Sind die Atemwege, allen voran die Subglottis betroffen, droht Lebensgefahr. Nach mehreren Zufallsentdeckungen setzen Kinderärzte verstärkt auf den Wirkstoff.

James R. Dornhoffer, Forscher an der University of Arkansas, vermutet, dass Propranolol Komponenten des Renin-Angiotensin-Aldosteron (RAA)-Systems herunterreguliert. Deren Expression ist in betroffenem Gewebe erhöht. Dadurch würden angiogene Prozesse verhindert, schreibt Dornhoffer. Fragen zum Mechanismus bleiben trotzdem offen.

Umso klarer ist der Mehrwert aus ärztlicher Sicht. Das bestätigte zuletzt Tyler Schwartz vom Medical College of Wisconsin, Milwaukee, anhand einer aktuellen Metaanalyse. Er konzentrierte sich auf besonders gefährliche Hämangiome der kindlichen Atemwege. Von 49 Patienten erhielten 28 nur Propranolol und 28 Propranolol plus Kortikosteroide. In einem Fall kam zur Kombinationstherapie noch eine Laserexzision mit hinzu. Zu Beginn waren die Atemwege um durchschnittlich 69 Prozent verengt. Nach 7-monatiger Therapie lag der Wert nur noch bei 32 Prozent.

Randomisierte, kontrollierte Studien zeigen unabhängig von der Lokalisation hohe Ansprechraten von bis zu 88 Prozent. Der Wirkstoff ist in Deutschland zur Therapie schwerer Verlaufsformen zugelassen.

Es gibt auch Grenzen

Bei aller Euphorie hat Propranolol aber auch mögliche Schattenseiten. Shuchi Mittal von der Harvard Medical School und vom Brigham and Women’s Hospital in Boston fand Hinweise auf bislang unbekannte Risiken.

Er arbeitete eigentlich an einem ganz anderen Thema: Es ging um die Frage, welche häufig verordneten Arzneistoffe die Bildung oder den Abbau von Alpha-Synuclein beeinflussen. Ablagerungen dieses Proteins in Lewy-Körperchen stehen mit Morbus Parkinson in Verbindung. Das Team nahm Daten von 1.000 üblichen Medikamenten unter die Lupe. Patienten, die lange Zeit hinweg Propranolol benötigten, erkrankten mehr als doppelt so häufig an Alzheimer wie Norweger ohne diese Medikation. Assoziationsstudien dieser Art belegen zwar keine Kausalität, geben aber Impulse für weitere Forschungsprojekte.