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Privatpatienten erhalten neue Arzneimittel früher als gesetzlich Versicherte. In einer Studie stellen sich die privaten Versicherungen als „Innovationsmotor“ des medizinischen Fortschritts dar, von dem letztlich alle profitieren. Mehr als ein Mittel zum Wahl-Zweck?

Deutschland ist mitten im Wahlkampf. Einige Parteien sprechen sich klar für die Bürgerversicherung ohne private Kassen aus. Dazu hat das Wissenschaftliche Institut der Privaten Krankenversicherung (WIP) mehrere Studien veröffentlicht: Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Arbeiten die Botschaft, dass Privatversicherte unsere Arzneimittelversorgung subventionieren. Wie sieht der Einfluss der Privatversicherungen auf Arzneimittelabgaben in Deutschland im Detail aus?

Innovationen schneller bei der PKV

Die beiden Forscher Christian O. Jacke und Frank Wild vom WIP gingen unter anderem der Frage nach, wann Versicherte Zugriff auf innovative Arzneimittel haben. Dazu zogen sie Zuwachsraten neuer Medikamente in den Privaten Krankenversicherungen (PKVen) und den Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKVen) heran, gemessen an abgegebenen Packungen der Medikamente im jeweiligen Zulassungsjahr.

  • In den Jahren 2011 und 2012 war der Anstieg neu zugelassener Medikamente tatsächlich bei den GKVen größer als bei den PKVen. Jacke und Wild erklären das Phänomen mit abgeschlossenen AMNOG-Verfahren und einem höheren Mengenbedarf.
  • Ab dem Zulassungsjahr 2013 überstiegen die Zuwachsraten neuer Medikamente in der PKV die prozentualen Steigerungen in der GKV. Eine Ursache für die zurückhaltende Verordnung neuer Medikamente bei GKV-Versicherten sieht das WIP darin, dass Ärzte erst nach abgeschlossenen Preisverhandlungen beurteilen können, ob neue Medikamente einen Mehrwert bieten.
Marktanteile GKV-PKV
Marktanteil Privatversicherter bei umsatzstarken Arzneimitteln (PKV-Bevölkerungsanteil: 10,8 Prozent) © WIP

Dass es durchaus zu unterschiedlichen Phänomenen kommen kann, zeigen Experten anhand mehrerer Pharmaka. Im Jahr 2011 wurden Zytiga® (Abirateron), Brilique® (Ticagrelor) und Gilenya® (Fingolimod) zugelassen. Für Zytiga® fanden Versorgungsforscher mit einem PKV-Marktanteil von 20,4 Prozent den erwarteten Effekt. Ab dem zweiten Jahr kam es auch bei GKV-Versicherten zu mehr Verordnungen. Gilenya® weist einen deutlich niedrigeren Anteil im PKV-Bereich auf, was vor allem an der schwach vertretenen Gruppe der 30- bis 45-jährigen Frauen bei PKVen liegt. Brilique® wiederum erreicht nach vier Jahren den statistischen Anteil Privatversicherter von 10,8 Prozent.

Prozentualer Zuwachs der Verordnungen
Prozentualer Zuwachs der Verordnungen von 2014 auf 2015 nach Jahr der zugelassenen Medikamente © WIP

Die Autoren sprechen zusammenfassend von einer „wechselseitige Beziehung des Innovationstreibers PKV einerseits, und der GKV mit ihren Impulsen zur Ressourcenschonung und Steigerungen von Effizienzreserven andererseits“. PKV-Versicherte erhielten deutlich schneller neue Arzneimitteltherapien als GKV-Versicherte. „Sie beteiligen sich überproportional an den Kosten von Arzneimittelinnovationen, als man das a priori von einem PKV-Bevölkerungsanteil von 10,8 Prozent erwarten kann.“ Damit werde die Rolle von PKVen als „Innovationstreiber“ sichtbar.

Biologicals: Preisbewusstsein ohne Kontrolle

Bei Biologicals gab es jedoch Überraschungen. Im Unterschied zu GKV-Verordnungen fehlen bei Privatverordnungen Steuerungsmechanismen regionaler kassenärztlicher Vereinigungen. „Ein erhöhtes Kostenbewusstsein bei den verordnenden Ärzten für Biologika und Biosimilars mag sich einstellen“, schreiben Jacke und Wild. „Es ist durchaus denkbar, dass sich das geänderte Verordnungsverhalten auf die Privatversicherten überträgt.“ Aufgrund des Kostenerstattungsprinzips kennen viele Privatversicherte die Preise und lassen sich vielleicht kostengünstigere Varianten verordnen. Das mag angesichts exorbitant hoher Preise, verglichen mit vielen organisch-synthetischen Wirkstoffen, auch zutreffen.

Biosimilarquote
Biosimilarquoten in GKV und PKV 2015 © WIP

Weniger Bürokratie, weniger Risiko

Der Einfluss privater Krankenkassen endet nicht beim Arzt, sondern erstreckt sich auf öffentliche Apotheken. In einer weiteren Analyse berichtet Frank Wild, durch PKV-Versicherte komme es zu Mehreinnahmen von 123,2 Millionen Euro, also 6.000 Euro pro Apotheke. Wie kommt er auf diese Zahlen?

Bei Privatpatienten gibt es keine Apothekenrabatte. „Dies führt zu einem höheren Abrechnungspreis in der PKV beziehungsweise zu einem höheren Umsatz für die Apotheken“, schreibt Wild. Seiner Analyse zufolge wurden in 2015 rund 58,9 Millionen Packungen zu Lasten der PKV bezogen. „Multipliziert mit dem Apothekenabschlag von 1,77 Euro je Packung ergibt sich eine Mehreinnahme von 104,3 Millionen Euro zugunsten der Apotheken“, resümiert Wild im Bericht.

Gleichzeitig weist er auf Unterschiede im Verschreibungsverhalten hin. Der Durchschnittspreis eines verschreibungspflichtigen Medikaments liegt bei 68,79 Euro für die PKV versus 53,22 Euro für die GKV. Aus der relativen Komponente im Honorar, also drei Prozent des Apothekeneinkaufspreises, kommt Wild auf Mehreinnahme von 18,9 Millionen Euro bei Privatversicherten.

Und nicht zuletzt zeigen sich organisatorische Unterschiede. GKVen arbeiten nach dem Sachleistungsprinzip. Sie haben mit Rabattverträgen ein bürokratisches Ungetüm geschaffen, das Apothekern viel Arbeit beschert. Retaxationen führen ebenfalls zu viel Ärger und zu wirtschaftlichen Schäden. Bei PKV-Patienten ergibt sich diese Problematik nicht.

Sinnvolle Steuerung gesucht

Aus den Analysen abzuleiten, dass Deutschlands Arzneimittelversorgung ohne die Dualität von GKV und PKV nicht funktioniert, ist mutig. Schließlich werden bestehende Probleme nicht gelöst. Das beginnt schon bei der Markteinführung neuer Präparate. „Fast der Hälfte der bislang 228 bewerteten Arzneimittel im AMNOG-Verfahren wurde kein Zusatznutzen zuerkannt – obgleich die Medikamente bereits im Zulassungsverfahren ihre indikationsspezifische Wirksamkeit und ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis nachgewiesen haben“, konstatiert der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Schon lange fordern Experten Nachbesserungen. Außerdem müssten sich Apothekenhonorare an der Leistung, also am Aufwand der Beratung orientieren, und nicht an packungsbezogenen Kennzahlen.