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Ohne Murren schreiben Ärzte unzählige Briefe nach Feierabend und am Wochenende, ohne dafür bezahlt zu werden. Solange es sie gibt, wird angenommen, die Arbeit ließe sich in der zur Verfügung stehenden Zeit gut erledigen. Was muss sich ändern? Es ist 6 Uhr morgens. Das Handy von Chirurg Dr. Levi summt erneut wegen unerledigter Briefe und reißt den Arzt aus seinem kurzen Schlaf. Ein neuer Tag beginnt. Beziehungsweise er wiederholt sich immer und immer wieder. Genau durch diesen Teufelskreis aus ermüdender und frustrierender Arbeit verlieren Ärzte wie Dr. Levi den Bezug zum Leben. Sie verlieren die Kontrolle über ihre Tage und sie verlieren auch familiäre Unterstützung. Sie haben keine Zeit, mit Kollegen über ihr Leben zu sprechen. Sie haben keine Zeit, die sie mit der Familie verbringen können. Sie haben keine Zeit, sich mit Freunden zu treffen. Man bekommt den Eindruck, dass soziale Verbindungen verloren gehen, sobald sich die Ärzte für das Medizinstudium entscheiden. Auch Dr. Levi hat so schon eine Zahl von wichtigen Lebensereignissen verpasst: Geburtstage, Hochzeitstage, Klassentreffen, die ersten Schritte seines Sohnes. Nur sein drittes Kind brachte er mit seinen eigenen Händen zur Welt, weil die Geburtshelferin im Stau steckte. Doch bereits am nächsten Tag musste er schon wieder zur Arbeit, da sonst 12 Patienten nicht operiert worden wären und zwei Anästhesisten und acht OP-Schwestern ihr Gehalt nicht bekommen hätten. Aber viel wichtiger noch: Die Verwaltung wäre über die gestrichene OP-Liste sauer, da sie einen großen finanziellen Verlust für das Krankenhaus bedeuten würde. Theoretisch weiß Dr. Levi, wo er sich seine Unterstützung und innere Kraft holen kann, doch die Frage ist, wann hat er die Zeit, das zu tun? Wann soll er bei seinem vollen Kalender noch Quality Time mit Familie und Freunden verbringen? Der Chirurg weiß es nicht.. Industrialisierung der Medizin statt Streben nach Heilung Was viele Ärzte zusätzlich verzweifeln lässt, ist ein gewisser Bedeutungsverlust der Medizin. Die heroische Bedeutung, die sie früher einmal hatte, gibt es nicht mehr. Für Dr. Levi ären die oben beschriebenen physischen und emotionalen Stressfaktoren sogar noch vernünftig handhabbar, wenn er wüsste, dass er dafür eines erntet: das Gefühl, seinen Patienten wirklich geholfen und eine besondere Beziehung zu ihnen aufgebaut zu haben. Der Arzt kennt seine körperlichen und geistigen Grenzen. Und obwohl die Stresssituationen ihn zur Erschöpfung treiben, bringt ihm die Aufregung seiner Arbeit und der intellektuelle Anspruch immer noch persönliche Zufriedenheit. Natürlich ist er manchmal erschüttert, wenn er beispielsweise sterbende Krebspatienten behandelt oder Notfälle, denen er nicht mehr helfen kann oder ziemlich kranke Kinder. Aber er übersteht das. Was Dr. Levi wirklich Sorgen bereitet und an den Rand der Verzweiflung bringt, ist der unnachgiebige administrative Druck, der ihm die bedeutungsvolle Bindung zu seinen Patienten nimmt. Medizin war einmal ein sinnvolles Streben nach Heilung von kranken Menschen. Aber heutzutage ist sie zu einer lästigen und ermüdenden Industrie verkommen. Die Freude, das Ziel und die Bedeutung der Medizin wurde verändert, sterilisiert, reguliert, industrialisiert und streng reglementiert. Ärzte sind gefangen in einem Netz aus Wirtschaftsinteressen und folgen nicht mehr einer noblen Berufung. Der Altruismus der jungen Ärzte wurde ersetzt durch die Fesseln der Effizienz, Produktivität und Fallpauschalen. Vermessen, erfasst und bewertet So wie bei Dr. Levi, der bei der Erstellung der OP-Liste nun nichts mehr zu sagen hat, obwohl er doch derjenige ist, der am Besten über seine Patienten sowie Eingriffsart und -dauer Bescheid weiß. Sogar die Befugnis, die Reihenfolge der OP-Liste zu verändern wurde dem Chirurgen genommen. Das, was ihm am meisten Spaß macht – das Operieren und Patienten behandeln – wird immer mehr vermessen, erfasst und bewertet. Die Stationen werden überbelegt, um Profit zu machen. Die Schreibarbeit für jeden Patienten wird jedes Jahr mehr. Es gibt so viele nichtklinische Einrichtungen im Krankenhaus, die den Ärzten sagen, was sie tun sollen und wie sie es am besten machen. Dabei zählt nur Kosteneffektivität und erhöhte Produktivität. Das Wohl des Patienten bleibt dabei aber auf der Strecke. Dr. Levi war bewusst, dass er viel opfern muss für die Gesundheit seiner Patienten. Was er aber erst heute realisiert, ist, dass ein Arzt in der modernen Medizin nichts anderes ist als ein winziger vordefinierter Baustein einer komplexen Industrie. Es geht nicht mehr um den Patienten. Es geht um die Wirtschaftlichkeit der Krankenhäuser. Und das hat Folgen. Dr. Levi ist durch die erschöpfende Arbeit ohne Zeit zur Regeneration häufig unwirsch zu den Patienten. Er kann seine Emotionen bei der Arbeit oder zu Hause oft nicht kontrollieren und lässt ihnen freien Lauf. Der Arzt würde sich grundsätzlich nicht als beleidigende oder unhöfliche Person bezeichnen, aber er ist ein Mensch, der im Krankenhaus an seine Grenzen gebracht wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er durch die Umstände, die das Unternehmen Krankenhaus generiert, bricht. Levi ist hier kein echter Chirurg mehr. Er ist nur ein Angestellter. Überarbeitet, ausgebrannt und ersetzbar. Die Kräfte, die den Arzt dazu bringen, manchmal die Beherrschung zu verlieren, bringen andere Ärzte dazu, im Extremfall Suizid zu begehen. Der einst noble Ansatz der Medizin wurde durch die bürokratische Kraft der medizinischen Industrie erstickt. Gegensteuern? Doch was können wir tun, um wieder mehr Menschlichkeit in die abgestumpfte und auf Profit ausgelegte „Abfertigung“ von Patienten zu bringen? Gibt es überhaupt etwas, das unser Gesundheitssystem revolutionieren kann? Zumindest ändert sich nichts, wenn wir weiter machen wie bisher. Wenn junge Ärzte die Situation akzeptieren wie sie ist, kann es nicht besser werden. Es gibt häufiger Aufrufe, man müsse sich gegen die jetzige Ausbeutung der Ärzte wehren. Und das fängt mit einer Forderung nach sinnvoller Work-Life-Balance und einer angemessenen Entlohnung der Arbeit an. Viele junge Kollegen verbringen stundenweise unbezahlte Überstünden mit administrativen Aufgaben, anstatt die Zeit mit ihren Familien und Freunden zu verbringen. Ein Grund ist auch, dass es immer mehr Vorgaben einzuhalten, Formulare auszufüllen und Arbeit zu dokumentieren gibt, auf die der medizinische Arbeitsplatz aber nicht ausgelegt ist. Eher gibt es halbherzig aufgezogene IT-Systeme, die bei weitem nicht in der Schnelligkeit, Einfachheit und vor allem Bedienungsfreundlichkeit glänzen, die sie bräuchten. Allein schon deren Verbesserung und die Unterstützung der Ärzte in administrativen Angelegenheiten durch Einstellung zusätzlichen nicht-ärztlichen Personals würde einen großen Beitrag leisten und ihnen helfen, mehr Erfüllung aus dem Beruf ziehen zu können. Es könnte wieder vermehrt die medizinische Tätigkeit im Vordergrund stehen und auch die Qualität und Quantität der Pflege würde stark davon profitieren. Zusammen wären sie stark So lange die Ärzte ohne Murren unbezahlt Briefe in ihrer Freizeit oder sogar am Wochenende schreiben und andere Dokumentationsarbeit leisten, für die sie eigentlich bezahlt gehören, wird angenommen, dass sich die Arbeit in der zur Verfügung stehenden Zeit gut erledigen lässt. Ändern wird sich sicherlich nichts. Alex Crandon, australischer Arzt, hatte irgendwann keine Lust mehr, für nichts zu arbeiten und einigte sich mit seinen Kollegen darauf, gemeinsam aufzuhören, Dokumente nach Feierabend fertig zu schreiben. Als die Verwaltung fragte, warum die Schreibarbeit nicht wie bisher von ihnen erledigt wird, gab er zur Antwort, sie sollten ihm sagen, wann er sie denn während der Arbeitszeit sinnvoll erledigen soll. Das konnten sie natürlich nicht und entschieden, dass es besser wäre, dass sie zumindest ein paar der Überstunden der Mediziner bezahlen, da sonst keine Papierarbeit mehr erledigt worden wäre. Das ist natürlich ein Einzelfall. Viele junge Kollegen fürchten sich vor negativen beruflichen Konsequenzen, ja vielleicht sogar einer Nichtverlängerung des Arbeitsvertrages, würden sie sich eine solche Reaktion erlauben. Aber solange Ärzte unbezahlte Überstunden machen, solange erwartet die Krankenhausverwaltung das auch von ihnen. Und wo früher stapelweise Bewerbungen auf dem Tisch der Chefs lagen und man sich einfach den Bewerber rauspicken konnte, der das ohne Widerrede aushält, ist es heute in vielen Bereichen so, dass jeder angestellte Arzt im Krankenhaus wirklich benötigt wird. Das stärkt auch die Verhandlungsposition. Viele Kliniken haben sich lange Zeit auf den Altruismus und die Professionalität der Ärzte verlassen, ihnen immer mehr Arbeit aufs Auge gedrückt und ihnen zusätzlich auch noch die Autonomie der eigenen Entscheidungen weggenommen. Sie waren sicher, dass keiner der Ärzte es wagen würde, aufzubegehren oder wie Alex Crandon und seine Kollegen eine Art Streik provozieren würde. Stärkung der Verhandlungsposition Doch in unserer heutigen Zeit könnte der Widerstand von Erfolg gekrönt sein. Das Problem ist aber, dass Mediziner nicht typischerweise zu der Art Menschen gehören, die gemeinsam zusammenhalten, um sich gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen. Und der Einzelne hat oft kaum eine Chance. Dabei ist die Verhandlungsposition der Ärzte gegenüber der Klinikleitung gar nicht immer so schlecht. Wie der Fall des Chefanästhesisten der Universitätsklinik des Saarlandes zeigt. Er beschwerte sich, dass der Personalschlüssel auf der Intensivstation viel zu niedrig sei und so keine ausreichende Patientenversorgung möglich wäre. Als ihm kein weiteres Personal bewilligt wurde, schloss er kurzerhand Teile der Station. Daraufhin gingen die Patientenzahlen im OP zurück, die wirtschaftlichen Erträge sanken und die Klinikleitung knickte schließlich ein und stockte die Personalzahlen auf. An anderen Kliniken wäre das Verhalten des Chefarztes wohl als Arbeitsverweigerung aufgefasst worden und ihm hätte wohl die Kündigung gedroht. Doch der Fall zeigt, dass man etwas verändern kann, wenn man es denn probiert. Verantwortung der Politik Ein weiterer Ansatz wäre, die Politik einzuspannen, um dem Unternehmen Krankenhaus zum Wohle des Patienten rechtliche Grenzen zu setzen. Hilfreich wären beispielsweise stets verbindliche Personalschlüssel für Ärzte und Pflegekräfte. Viele Stationen sind mit beiden Berufsgruppen erheblich unterbesetzt. Für jedes Flugzeug ist gesetzlich geregelt, wie viele Piloten und Flugbegleiter an Board sein müssen, aber in Kliniken wird das dem wirtschaftlichen Kalkül überlassen. In der Folge herrscht beinahe überall Personalmangel, da so der Gewinn gesteigert wird. Während international oft verbindliche Pflegeschlüssel gelten und die USA so durchschnittlich auf 5,3 Patienten pro Pflegekraft kommen, Schweden auf 7,7 und die Schweiz auf 7,9, muss sich in Deutschland laut internationaler Pflege-Vergleichsstudie RN4CAST eine Krankenschwester im Schnitt um 13 Patienten kümmern. Gesteigert wird so auch die Arbeitsbelastung, besonders wenn andere Kollegen wegen Krankheit ausfallen und sowieso schon überbelastete Ärzte oder Schwestern deren Arbeit auffangen müssen. Dass das alles andere als dem Patientenwohl und der Zufriedenheit des Personals dient, muss einem keiner mehr erklären. Doch auch die bessere Kontrolle der ärztlichen Arbeitszeit könnte ein Rädchen im Getriebe zu humaneren Arbeitsbedingungen sein. Die Politik denkt, längst wäre alles mit umfangreichen Tarifverträgen und Arbeitszeitgesetzen geregelt. Und natürlich, heute würde keiner mehr offen verlangen, dass Ärzte mehr als 24 oder sogar 36 Stunden am Stück arbeiten. Wieso passiert es dann trotzdem noch? Viele Assistenzärzte wagen es nicht, ihre wahren Überstunden aufzuschreiben und die Chefs und Krankenhausverwaltungen ignorieren diese einfach. Mit einer Stechuhr an Klinikpforten könnte die Arbeitszeit jedoch gut erfasst werden, genauso wie dies auch in vielen Behörden geschieht. Doch Krankenhäuser blockieren häufig eine vernünftige Zeiterfassung für Ärzte, sie halten diese lieber im Dunkeln – und damit auch unbezahlt. Prioritäten richtig setzen Auch die Verwaltungen selbst sind ein Punkt, den man genauer hinterfragen könnte, um den Fokus zurück auf das Heilen von Patienten zu lenken. Manche sehen das bürokratisch überwuchtete Verwaltungssystem als Wurzel allen Übels, manche die hunderten Seiten an Dokumentationsarbeit und andere auch die Kultur des Mobbings, Belästigungen und Beleidigungen, die in manchen Krankenhäusern herrscht. Es gibt vielfältige Probleme in unserem System und an allen Ecken könnte man etwas verbessern. So auch im Bereich der medizinischen Verwaltung. Man braucht diese – ganz klar – doch man sollte sich fragen, ob die Prioritäten hier richtig gesetzt sind. Wenn ein Patient ins Krankenhaus kommt, möchte er möglichst schnell einen Arzt sehen und behandelt werden. Das ist das primäre Ziel und die ganze Klinik existiert eigentlich nur zu diesem einen Zweck. Also sollte dieses Ziel auch oberste Priorität haben und die bürokratische Arbeit oder Restriktionen diesem untergeordnet sein. Tatsächlich ist es aber häufig andersherum. Immer, wenn ein neues Computerprogramm installiert wird, ein neuer Prozess angestoßen wird oder ein neues System vorgestellt wird, sollten die Ärzte gefragt werden „Ist das gut für den Patienten?“ und wenn dem nicht so ist, sollte es überarbeitet werden. Stattdessen aber versinken die Ärzte in unermüdlicher Papierarbeit, unhandlicher Krankenhaussoftware und unrealistischen Zielvereinbarungen, sodass das eigentliche Patientenwohl untergeht. Ein System, in dem der Patient im Mittelpunkt steht, dann die Ärzte kommen und erst am Ende der Hierarchie die Verwaltung, deren Aufgabe es wäre, Ärzte darin zu unterstützen, ihre Arbeit ungehindert durchführen zu können – das wäre sehr viel effizienter. Es müssten alle – vom CEO angefangen, über den Chefarzt und Assistenzarzt, der Krankenschwester bis hin zur Küchenhilfe und dem Hausmeister dafür arbeiten, dass der Patient im Mittelpunkt steht. Selbstverständlich darf man die Ökonomie dabei nicht aus dem Blick verlieren, doch sie sollte nicht über der Humanität in der Medizin stehen. Industrialisierung vs. Humanität Es gäbe noch zahlreiche andere Baustellen in unserem Gesundheitssystem, die angegangen werden müssten. Erwähnt seien nur die zahlreichen Fehlanreize, die das System heute setzt, wie Boni-Verträge, Zielvereinbarungen, merkantil ausgerichtete Anwendungsstudien oder die Optimierung der Verschlüsselung von Krankheiten. Sie alle führen zu übertriebenem diagnostischen und therapeutischen Aktionismus, zu Eingriffen und Untersuchungen, bei denen die eigentliche Tugend wäre, das Unnötige zu unterlassen. Man mag all die genannten Entwicklungen begrüßen oder nicht, für unvermeidlich halten oder nicht, sie sind alle Ausdruck der Industrialisierung der Medizin. Und nicht alles daran ist schlecht. Längst bietet es Vorteile, dass Patienten sich nicht mehr auf die „ärztliche Kunst“ verlassen müssen, sondern nach Guidelines und Algorithmen behandelt werden. Oder, dass alles dokumentiert wird und so auch Behandlungsfehlern leichter nachgegangen werden kann. Sogar die zunehmende Kosteneffizienz hat selbstverständlich viele Vorteile und ist in unserer Gesellschaft unabdingbar. Jene Ärzte, die mit Hingabe und „Leib und Seele“ für ihren Beruf und für das Patientenwohl arbeiten, wird es dagegen in diesem System aus Leistung und Gegenleistung immer weniger geben. Und wer eine solche Medizin nicht möchte, muss sich überlegen, ob es sich nicht lohnt, dafür zu kämpfen, die Medizin nicht allein der Ökonomisierung zu überlassen, sondern eine soziale Form der Zuwendung zu behalten. Unser Gesundheitssystem hat nur eine Chance, wenn wir Ärzte dem Patientenwohl verpflichtet sind und Humanität, Heilen und Helfen über die Industrialisierung gestellt werden.