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Krebspatienten haben durchschnittlich ein 60 Prozent höheres Suizidrisiko als Nichtbetroffene. Im Vergleich zur Behandlung mit Pharmako- und Strahlentherapie, hat die Psychoonkologie einen niedrigen Stellenwert. Amerikanische Onkologen wollen das ändern. „Die meisten Ärzte denken nicht über das Selbstmordrisiko bei Krebspatienten nach“, sagt Mohamed Rahouma vom New York Presbyterian Hospital. Zusammen mit Kollegen hat er jetzt statistisches Material ausgewertet und überraschende Unterschiede entdeckt. Rahoumas Ziel ist es, „das Bewusstsein bei Kollegen zu schärfen“, so dass „diese Katastrophe bei Patienten in unserer Obhut nicht vorkommt“. Deshalb versuchte er, Suizidrisiken zu quantifizieren. Bronchialkarzinom mit hoher Suizidrate assoziiert Basis seiner Arbeit bildeten Daten von mehr als 3,6 Millionen US-Bürgern aus der Surveillance, Epidemiology, and End Results (SEER)-Datenbank. Innerhalb von 40 Jahren kam es zu 6.661 Suiziden in Zusammenhang mit einer Krebsdiagnose. Über alle malignen Erkrankungen hinweg erhöhte sich das Risiko um 60 Prozent. Bei einer älteren Metaanalyse war von 55 Prozent die Rede. Rahouma fand deutliche Unterschiede je nach beteiligtem Organsystem. Bei Prostata- und Mammakarzinomen ging das Suizidrisiko um 20 Prozent nach oben, bei Kolonkarzinomen waren es sogar 40 Prozent mehr. Bronchialkarzinome fielen mit 420 Prozent deutlich aus dem Rahmen. Über den Grund lässt sich nur spekulieren. In Foren berichten Angehörige von unerträglichen Schmerzen bei Krebs und fragen nach Möglichkeiten zur Sterbehilfe. Max Höppner (Name geändert), er litt an einem Prostata-Carzinom, berichtet recht offen über seine Suizidgedanken: „Für mich wäre es ein Fortschritt, wenn ich ohne Schmerzen in kürzester Zeit sterben kann. Einem Sterbenskranken sollte man das ermöglichen.“ Er selbst habe vor allem Angst, Schmerzen nicht zu ertragen. Und der User namens Unrettbarer, er leidet an einem Non-Hodgkin-Lymphom, schreibt: „Ich bin momentan weder verzweifelt noch schmerzbehaftet und will ja gerade deswegen eigenverantwortlich Vorsorge treffen, mich diesem mir aufgezwungenen Selbstmord rechtzeitig entziehen zu können.“ Neben der Angst vor Schmerzen, Übelkeit spielt die Prognose selbst eine Rolle. Statistische Daten sind online leicht abrufbar. Dazu einige Beispiele: Lungenkrebs ist bei Männern die zweithäufigste und bei Frauen die dritthäufigste maligne Erkrankung, berichten Forscher am Robert Koch-Institut. Fünf- oder Zehn-Jahres-Überlebensraten bleiben im Vergleich zu Neoplasien der Brust oder Prostata trotz innovativer Therapien absolut betrachtet extrem niedrig. Krebs: Gesamtüberleben © Robert Koch-Institut Auch das Stadium spielt eine Rolle Bereits im Jahr 2010 zeigte Anna Bill-Axelson vom schwedischen Karolinska Institutet, dass es weitere Unterschiede abhängig vom Krankheitsverlauf gibt. Sie wertete verschiedene schwedische Datenbanken aus und konzentrierte sich auf 77.439 Patienten mit Prostatakarzinom. 128 Menschen nahmen sich selbst das Leben. Statistisch wären 85 Suizide zu erwarten gewesen. Laut Bill-Axelson gab es bei 22.405 Männern mit Tumoren im Stadium T1c keine Auffälligkeiten hinsichtlich ihres Suizidrisikos. Der Tumor wurde nach erhöhtem PSA-Wert durch eine Feinnadelbiopsie diagnostiziert, machte aber keine klinisch relevanten Beschwerden. Dafür war das Risiko bei lokal fortgeschrittenem Verlauf oder bei Vorliegen von Metastasen mehr als doppelt so hoch. Bleibt zu klären, welche Relevanz entsprechende Studien für die Praxis haben. Suizide in der Praxis kaum zu beobachten 19688_SINGER_Susanne Professor Dr. Susanne Singer © privat DocCheck sprach dazu mit Professor Dr. Susanne Singer. Sie hat zwölf Jahre Krebspatienten und deren Angehörige psychosozial beraten. Derzeit forscht Singer am Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. „Forscher fanden in mehreren Ländern ein erhöhtes Suizidrisiko bei Krebspatienten“, berichtet die Expertin. Trotzdem sei das Thema während Singers Tätigkeit als Psychoonkologin nicht präsent gewesen. „In dieser Zeit ist es zu keinem einzigen Suizid oder Suizidversuch bei Krebspatienten bekommen.” Singer beobachtete genau das Gegenteil: „Viele Menschen hatten Angst vor dem Sterben, wünschten sich aber nicht den Tod.“ Eine gewisse Selektion kann sie nicht ausschließen: „Man sieht vor allem Menschen, die selbst wissen, dass sie Unterstützung benötigen.“ Oft komme der Hinweis auch vom Arzt oder von Angehörigen. „Was ich jedoch ganz oft erlebt habe, sind Gedanken an den Tod“, ergänzt Singer. „Hier kann durchaus eine klinisch relevante Depression vorliegen, was in der Praxis nicht immer erkannt wird.“ Auf der Suche nach Unterstützung Dies zeigte Jane Walker, Forscherin am Department of Psychiatry der University of Oxford, anhand einer Studie mit 21.151 Krebspatienten. Besonders häufig litten Patienten mit Lungenkrebs an einer Major Depression (13,1 Prozent), gefolgt von Patienten mit gynäkologischen (10,9 Prozent), kolorektalen (7,0 Prozent) und urogenitalen Tumoren (5,6 Prozent). Von 1.538 Patienten mit der Diagnose Depression erhielten 1.130 (73 Prozent) keine eine effektive Therapie ihrer psychiatrischen Erkrankung. Ältere Studien kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Von allen Krebspatienten mit psychischen Erkrankungen sahen neun Prozent einen Psychotherapeuten innerhalb von drei Monaten, 19 Prozent mussten neun Monate warten, und bei elf Prozent waren es sogar 15 Monate. Psychoonkologische Mitbetreuung macht Sinn Dass gezielte Maßnahmen sehr wohl funktionieren, zeigte Michael Sharpe aus Oxford. Zusammen mit Kollegen hat er 500 Krebspatienten mit guter Prognose in eine multizentrische, randomisierte, kontrollierte Studie aufgenommen. Bei zwei von drei Teilnehmern am speziell entwickelten Depression Care for People with Cancer (DCPC)-Programm verringerte sich der Schweregrad ihrer Depression um mindestens 50 Prozent. Unter Standard-Betreuung waren es nur 17 Prozent. Singer sieht es als Herausforderung, Patienten über Betreuungsangebote zu informieren. Zwar sei die Informationsvermittlung besser geworden, da Krebszentren laut Zertifizierungsrichtlinien Patienten informieren müssten. „Aber es gibt noch Raum für Verbesserungen.“