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Nahrung fürs Hirn

Kann Essen schlau machen - oder auch dumm? Studien über den Einfluss der Nahrung auf die Intelligenz von Mensch und Tier liefern verblüffende Ergebnisse.

Glaubt man der Werbung, reichen Fischölkapseln, um die Gehirnwindungen zu schmieren. Doch ganz so einfach machen Pillen nicht schlau. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass die im Fischöl enthaltenen Omega-3-Fettsäuren sich bei Kleinkindern positiv auf die Gehirnentwicklung auswirken können. Von einer Gabe von Fischöltabletten raten Mediziner jedoch ab.

 Was letztlich tatsächlich im Magen von jungen und alten Menschen landet, ist in der Regel eine so komplexe Mischung, dass die Wirkung von Nahrung auf die kognitive Leistung nur schwer bestimmbar bleibt.

Um mögliche Zusammenhänge dennoch aufzuklären, braucht es vor allem zwei Dinge: viele Probanden und viel Zeit. Denn die Wirkung von Essen entfaltet sich langsam. In einer britischen Studie verfolgen Forscher seit den Neunzigerjahren die Entwicklung von Kindern aus 14.500 Familien.

Schädliches Junkfood?

Ein Ergebnis: Kinder, die nicht gestillt wurden oder als Kleinkinder viel stark verarbeitetes, fett- und zuckerreiches Essen aßen, waren im Alter von acht Jahren etwas weniger intelligent als gesünder ernährte Zeitgenossen, die Muttermilch und mehr frisches, selbst gekochtes Essen konsumierten.

Dass gerade Junkfood offenbar nicht gut fürs Gehirn ist, zeigt auch eine aktuelle Untersuchung von 245 iranischen Grundschülern. Kinder, die viele raffinierte Kohlenhydrate wie etwa industriell hergestellten Weißzucker, Weißbrot oder Nudeln zu sich nahmen, erzielten schlechtere Ergebnisse in bestimmten Intelligenztests.

Anders gesagt: Wer vorwiegend zu Süß- und Knabberkram oder Fertiggerichten mit viel Zucker und stark verarbeiteten Getreide- und Kartoffelprodukten greift, fördert damit nicht gerade die Denkleistung.

Allerdings handelt es sich bei den Studien aus Großbritannien und Iran erst einmal nur um Korrelationen. Weniger gute Ernährung muss nicht zwingend die Ursache für eine geringere Intelligenz sein. Genauso gut könnten weniger schlaue Kinder eher zu Junkfood greifen, aus welchen Gründen auch immer. Oder die Eltern ernähren ihre Kinder eher ungesund und vernachlässigen zugleich deren geistige Entwicklung.

Nicht nur die Qualität des Essens könnte die kognitiven Fähigkeiten beeinflussen, sondern auch die Menge. Seit man aus Tierversuchen weiß, dass knappes Essen die Gesundheit und ein langes Leben fördern kann, liebäugeln experimentierfreudige Menschen mit einer dauerhaft kalorienreduzierten Ernährung.

Essen heißt Überleben

Über ein verblüffendes Experiment mit Tauben berichten Forscher der Universität Lausanne. Madeleine Scriba und ihre Kollegen stellten fest, dass Küken, die einige Wochen schlechtes Futter bekommen hatten, später über ein besseres Ortsgedächtnis verfügten.

 

Auch Ratten entwickeln nach Nahrungsbeschränkung in der Jugend ein besseres Ortsgedächtnis. Bekommen sie in der Kindheit schlechtere Nahrung, wachsen sie zudem zwar zu mickrigeren Nagern heran, ihre Gehirne sind aber genauso gut wie die ihrer großzügiger ernährten Kumpanen.

Es wäre denkbar, dass bei knappen Ressourcen in der Entwicklung besonders überlebenswichtige Fähigkeiten - wie in diesem Fall das räumliche Gedächtnis, um sich Futterverstecke zu merken - bevorzugt entwickelt werden. Bewiesen ist das allerdings noch nicht.

Immerhin gibt es gute Hinweise dafür, dass eine leichte Diät dem Hirn älterer Menschen gut tut. Das hat Agnes Flöel von der Charité in Berlin herausgefunden. Ältere Erwachsene, die ihre Kalorienzufuhr um ungefähr 30 Prozent drosselten, verbesserten ihr Gedächtnis. Dass Senioren grundsätzlich hungern sollten, um geistige Höhenflüge zu erreichen, empfiehlt die Forscherin dennoch nicht.

"Nicht dünner zu sein ist wichtig, sondern der Reiz der Kalorienreduktion. Daher sind wir intensiv auf der Suche nach Substanzen, die die Kalorienrestriktion auf zellulärer Ebene imitieren können, ohne eine Gewichtsabnahme hervorzurufen", sagt Flöel.

Mangelernährung vermeiden

Noch mehr Vorsicht ist bei Kindern geboten, deren Gehirn und kognitive Fähigkeiten sich ja erst noch entwickeln. Hunger und Mangelernährung in der Kindheit kann sehr schädlich sein, so viel steht fest. Schon in den Siebzigerjahren zeigten Forscher etwa in einem Feldversuch, dass in Armut lebende Kinder sich geistig besser entwickelten, wenn sie zusätzliche Nahrung erhielten - insbesondere Eiweiß.

Auch in reichen Industrieländern kann Mangelernährung aufs kindliche Gehirn durchschlagen. Kleinkinder, die in den ersten Lebensjahren zu wenig Essen insgesamt oder zu wenig gesundes Essen bekommen, haben in der Vor- und Grundschule wahrscheinlicher Schwierigkeiten beim Lesen, Rechnen und in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung, zeigt eine aktuelle Untersuchung von 3700 US-amerikanischen Haushalten mit niedrigen Einkommen.

Mästen sollte man seine Kinder allerdings auch nicht. Zu viel Essen kann zu Übergewicht führen und schadet im Kindesalter der Gehirnentwicklung. Und übergewichtigen Erwachsenen drohen kognitive Beeinträchtigungen.