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Mers und das unterschätzte Risiko einer Epidemie

Kamelen läuft nur die Nase, bei Menschen aber kann eine Mers-Infektion tödlich enden. Ein Gegenmittel oder eine Impfung gibt es nicht. Dabei birgt das Virus ein gefährliches Potenzial.
 

Seit dem Mers-Ausbruch in Südkorea mit 36 Toten vor zwei Jahren ist es still geworden um die Viruskrankheit – obwohl sie vor allem in Saudi-Arabien unvermindert weiterkursiert. „Derzeit gibt es ein Aufflackern in mehreren Regionen des Landes“, sagt Christian Drosten vom Institut für Virologie an der Charité in Berlin. Allein zwischen dem 11. und 15. Juni wurden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 14 neue Mers-Fälle in dem Land auf der Arabischen Halbinsel erfasst – Männer und Frauen zwischen 29 und 79 Jahren, viele von ihnen medizinisches Personal. Insgesamt wurden demnach seit dem Erstfund 2012 bisher gut 2000 laborbestätigte Fälle weltweit erfasst, mehr als 700 Menschen starben.

Ein großer Teil der Infektionen wird nach Experteneinschätzung aber wegen kaum merklicher Symptome gar nicht erkannt – und damit auch nicht erfasst. „Die tatsächliche Fallzahl liegt um ein Vielfaches höher“, sagt Drosten. Typische Anzeichen der zunächst grippeähnlichen Erkrankung sind bei schwerem Verlauf Fieber, Atemprobleme, Lungenentzündung, Durchfall und Nierenversagen. Das Mers-Virus gehört wie das Sars-Virus und viele Schnupfen- und Erkältungsviren zu den Beta-Coronaviren (CoV).

Der erste Mers-Fall war 2012 in Saudi-Arabien erkannt worden, an Sars waren 2002 und 2003 binnen weniger Monate rund 800 Menschen gestorben, Tausende infizierten sich bis zum Auslaufen der Epidemie.

Coronaviren sind dafür bekannt, sehr schnell auf neue Wirte überspringen und schwere Krankheitsverläufe verursachen zu können. Jederzeit könnten neue Erreger dieser Gruppe von Tieren auf den Menschen übergehen und große Epidemien verursachen, sind Experten überzeugt. Bisher gibt es keine zugelassene Therapie oder vorbeugende Impfung spezifisch gegen Coronaviren.

Nun zeichnet sich ab, dass eine derzeit für den Einsatz gegen Ebola getestete Therapie auch gegen verschiedene Coronaviren wie Mers-CoV oder Sars-CoV wirken könnte. Die Substanz GS-5734 war vom US-Unternehmen Gilead Sciences entwickelt worden. Während der Ebola-Epidemie in Westafrika von 2013 bis 2016 war der Wirkstoff in Schnellverfahren klinisch getestet worden. Auch eine mit Ebola infizierte britische Krankenschwester wurde mit dem experimentellen Mittel behandelt.

Toxische Effekte verhindern

Die Wissenschaftler um Timothy Sheahan von der University of North Carolina in Chapel Hill fanden nun heraus, dass GS-5734 verschiedene Coronaviren wie Mers-CoV und Sars-CoV zu blockieren vermag. Wurden die Mäuse vorbeugend einen Tag vor einer Sars-Infektion oder therapeutisch einen Tag danach behandelt, verminderten sich die sonst üblichen Gewichtsverluste und Atemwegsprobleme. Erhielten die Tiere erst zwei Tage nach der Infektion GS-5734, wurden die Symptome nicht abgeschwächt, die Viren vermehrten sich im Lungengewebe aber weniger stark als bei nicht behandelten Mäusen.

In Zellkulturen mit menschlichem Lungengewebe verursachte die Substanz keine toxischen Effekte selbst bei Konzentrationen weit über den für eine Therapie nötigen. GS-5734 interagiere mit einer Kernkomponente der Vervielfältigungsmaschinerie der Viren, nicht wie andere antivirale Substanzen mit den hochvariablen Rezeptoren an der Oberfläche der Erreger, schreiben die Forscher. Daher könne es möglicherweise einen sicheren und effektiven Ansatz bieten, schwere Verläufe bei Mers und in Zukunft auftauchenden Coronaviren zu verhindern. Auch eine vorbeugende Impfung von Pflegepersonal sei denkbar.