Vergangene Woche hat das Bundeskabinett eine Entscheidung getroffen, die die Situation von Pflegenden und Patienten nachhaltig verbessern soll: Künftig müssen Krankenhäuser auf bestimmten Stationen eine Mindestanzahl von Pflegekräften bereithalten, heißt es in dem Gesetzentwurf aus dem Haus von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Das soll zum Beispiel für Intensivstationen und für Nachtschichten gelten. Die Kliniken wären demnach gezwungen, mehr Personal einzustellen. Denn die noch festzulegenden Untergrenzen wären verpflichtend.

 

Kann das angesichts des ohnehin bestehenden Mangels an Pflegekräften klappen? Wie groß ist dieser überhaupt und wie hoch wäre der zusätzliche Bedarf? Auf diese Fragen verlässliche Antworten zu finden, ist schwierig.

 

Fest steht allerdings: Deutschland ist alt, zumindest wenn man sich die Zahlen des Bundesamts für Statistik ansieht. Die Gruppe der über 60-Jährigen wächst kontinuierlich und mit ihr auch der Bedarf an Pflegepersonal. Nach der jüngsten Pflegestatistik waren 2015 knapp 3 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig – das ist die größte Zahl seit 1999.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 werden 2025 rund 193.000 ausgebildete Pflegekräfte fehlen. Eine andere Studieaus demselben Jahr rechnet für 2030 mit 480.000 unbesetzten Vollzeitstellen. Die Bertelsmann Stiftung wiederum prognostizierte 2015 für denselben Zeitraum einen Mangel "in der Größenordnung von 100.000 bis 200.000 Vollzeitäquivalenten" – sofern keine Gegenmaßnahmen gestartet werden.

 

Dass die Zahlen so unterschiedlich ausfallen, hat damit zu tun, dass manche nur die fehlenden Altenpfleger zählen, während andere auch Personal einrechnen, das keine Pflegekraft ist. Die Daten hängen auch vom Auftraggeber und Zweck der jeweiligen Studie ab. Dass viele Untersuchungen über den Pflegemangel diese Probleme aufweisen, stellte bereits 2012 das Institut für Pflegewissenschaft der Universität Bielefeld fest. Man müsse sich dem gesamten Bereich der Pflege und nicht nur einzelnen Teilaspekten widmen, mahnte die Leiterin des Instituts, Doris Schaeffer.

Dr. Jonas Schreyögg von der Universität Hamburg teilt diese Kritik. Er hat für die Expertenkommission "Pflegepersonal im Krankenhaus" jenes Gutachten verfasst, auf dessen Grundlage die neuen Personaluntergrenzen diskutiert werden sollen. "Meine große Kritik an allen Studien ist, dass die Erfordernisse je nach Pflegefachabteilung sehr unterschiedlich sind, da kann man nicht einfach Aggregatzahlen hernehmen. Man muss wesentlich feiner herangehen." Das Hauptproblem an deutschen Studien liege jedoch woanders: "Die vorhandenen Studien zum Pflegepersonal beziehungsweise Fachkräftemangel sind überwiegend leider nicht brauchbar, weil sie immer wieder von irgendwem gesponsert werden."

Ergebnisse variieren je nach Auftraggeber

So wie beispielsweise die Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) von 2016. In einer ersten Version war der Name des Auftraggebers nicht angeführt, nun steht auf dem Coverblatt "Forschungsprojekt im Auftrag der Techniker Krankenkasse". Laut der NGO LobbyControl gilt das Institut aus Essen als sehr wirtschaftsnah.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass "gesetzlich vorgeschriebene Mindestbesetzungen innovationshemmend wirken". Außerdem könne "kein akuter Handlungsbedarf in Bezug auf die eingesetzte Menge an Pflegedienst im Krankenhaus abgeleitet werden." Um diese Behauptung zu untermauern, wird der Bedarf an Pflegepersonal zum Beispiel ins Verhältnis zur Einwohnerzahl in Deutschland gesetzt. Dieser Rechnung zufolge liegt Deutschland bei der Ausstattung mit Pflegepersonal "nur knapp unter dem internationalen Durchschnitt". Ist die Lage also doch nicht so verheerend wie von vielen proklamiert?

Tatsächlich ist das Verhältnis von Einwohnerzahl und Pflegekräften kein geeigneter Indikator, um die Pflegesituation insgesamt zu beurteilten. Denn wie viele Pflegekräfte gebraucht werden, hängt auch davon ab, welche Fachabteilungen es in den Krankenhäusern einer bestimmten Region gibt. So benötigt eine Intensivstation mehr Personal als die dermatologische Abteilung. Welche Abteilungen in einem bestimmten Landkreis liegen, ist aber Zufall.

Je mehr Patienten, desto schlechter die Qualität

"Es ist internationaler Standard, dass man sich ansieht, wie viele Patienten eine Pflegekraft pro Schicht betreut", sagt Jonas Schreyögg von der Universität Hamburg. Seriös benennen könne man aber ohnehin nur den Status quo, alles andere sei "ein Stück Kaffeesatzleserei".

In den kommenden Tagen wird die Studie der Pflegekommission veröffentlicht, an der Schreyögg maßgeblich beteiligt war. Eine Kernaussage lautet: Je mehr Patienten eine Vollzeitpflegekraft betreut, desto schlechter ist die Qualität. Das Ergebnis klingt wenig überraschend, doch für Deutschland wird es die erste Studie sein, die das anhand empirischer Daten auch tatsächlich nachweisen kann.

Nicht überall fehlen Pflegekräfte

Im September vergangenen Jahres haben rund eine Million Menschen als Gesundheits-, Kinder- und Krankenpfleger sowie 611.000 als Altenpfleger gearbeitet. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) stellt in ihrer jüngsten Analyse zum Fachkräftemangel zudem klar, dass es nicht überall in Deutschland zu wenig Pflegepersonal gibt. So fehlen zwar in der Altenpflege bundesweit examinierte Fachkräfte und Spezialisten, also Menschen, die etwa eine Zusatzausbildung für Rehabilitation haben. In der Gesundheits- und Krankenpflege fehlen diese aber hauptsächlich in den westdeutschen Ländern. In Sachsen-Anhalt und Sachsen gibt es dagegen keinen Mangel und in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hessen, Berlin und Thüringen gibt es lediglich Anzeichen für Engpässe aber noch keinen Mangel. Die Bundesagentur für Arbeit hält aber fest, dass "im Vergleich zum Vorjahr eine zunehmende Verknappung zu erkennen" sei.

Doch genaue Zahlen gibt es auch für den gegenwärtigen Mangel nicht. Während der Arbeitgeberverband Pflege von 30.000 unbesetzten Stellen ausgeht, gibt es laut Gewerkschaft ver.di 70.000 offene Arbeitsplätze. Der Deutsche Pflegerat wiederum schätzt den akuten Mangel auf 100.000 Pflegekräfte, die allein in Krankenhäusern fehlten.

 

Zahl der Azubis steigt

Die Bundesregierung versucht seit einigen Jahren mehr Menschen in die Ausbildung zur Pflegekraft zu locken. Seit 2010 steigt die Zahl der Auszubildenden auch tatsächlich an. In den vergangenen sechs Jahren haben sich jährlich zwischen 20.000 bis 23.000 neue Azubis für den Pflegeberuf eingeschrieben.

Bundesgesundheitsminister Gröhe (CDU) frohlockte erst kürzlich in einer Fernsehshow, man habe einen Ausbildungsrekord. Doch Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates, hält dagegen: Das Bild vom Azubiboom müsse man korrigieren, sagt er. Der Boom sei nur dort entstanden, wo neue Arbeitsplätze geschaffen wurden und das sei lediglich in der Altenpflege der Fall gewesen. "Außerdem muss man auch messen, wie viele die Ausbildung tatsächlich abschließen. Wir haben die Information von Schulen, dass die Abbrecherquote exorbitant steigt."

Auch Grit Genster warnt davor, den Azubiboom in der Pflegeausbildung zu feiern. Sie leitet den Bereich Gesundheitspolitik bei ver.di. "Die Qualität der Ausbildung ist sehr schlecht. Denn das Personal hat nicht genügend Zeit und die Auszubildenden werden oft missbraucht, um bestehende Löcher auf der Station zu stopfen." Aus diesem Grund würden viele nach der Ausbildung abspringen und etwas anderes machen oder studieren.

Ausländische Pfleger gehen wieder

Von den bundesweit 210.000 Azubis im Gesundheits- und Sozialwesen besitzt rund jeder Siebte eine ausländische Staatsangehörigkeit. Die meisten haben einen türkischen Pass, gefolgt von Menschen aus Bosnien und Herzegowina sowie Polen. Unter den Arbeitskräften im Gesundheitsbereich stellen dagegen die Polen die größte ausländische Gruppe. Auch die meisten ausländischen Altenpfleger (derzeit 8.500 Beschäftigte) haben einen polnischen Pass. Über Abkommen mit Serbien, Bosnien und Herzegowina und den Philippinen soll zusätzlich Pflegefachpersonal nach Deutschland geholt werden. Auch ein Projekt mit der chinesischen Arbeitsverwaltung existiert.

"Die legendären 150 Chinesinnen, die immer genannt werden und nun hier arbeiten, werden den Mangel aber nicht ausgleichen", kritisiert Westerfellhaus. Die Rekrutierung könne nur eine ergänzende Maßnahme sein. Vielmehr müsse man versuchen jene, die aus dem Beruf geflüchtet sind, wieder zurückzuholen.

"Wir müssen zunächst die Probleme zu Hause lösen", so der Präsident des Deutschen Pflegerates. Sonst werde es schwierig, ausländisches Pflegepersonal zu halten. "Wir erleben, dass viele spanische Pflegekräfte wieder zurückgehen, weil die Bedingungen hier so schlecht sind", sagt auch ver.di-Bereichsleiterin Genster. "Die sagen dann: 'Das habe ich mir besser vorgestellt, da versuche ich es lieber in meinem eigenen Land.'"

In Deutschland haben die Krankenkassen und Krankenhäuser nun etwas mehr als ein Jahr Zeit, um sich auf Untergrenzen für das Pflegepersonal zu einigen. Scheitern sie, will das Ministerium diese selbst festlegen.