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Dass Winter und Dunkelheit die Stimmung trüben können, ist bekannt. Überraschend ist, dass es depressiven Patienten im Frühlingsmonat Mai oft besonders schlecht geht. Auch die Suizidrate ist dann erhöht. Hier spielen biologische und psychosoziale Faktoren eine Rolle.

Viele kennen diese Erfahrungen: Düstere und kalte Wintertage schlagen auf die Stimmung, während Sonne und die erwachende Natur im Frühling zu guter Laune und Unternehmungslust führen. Auch die „Winterdepression“ ist inzwischen vielen ein Begriff: Müdigkeit, fehlende Energie, niedergeschlagene Stimmung und Ängstlichkeit, die vor allem in den Wintermonaten auftreten. Dass es manchen depressiven Menschen gerade zu Beginn der warmen Jahreszeit schlechter geht, ist dagegen weniger bekannt. Doch Studien zeigen, dass die Schwere der depressiven Symptomatik und die Zahl der Suizide im Frühjahr einen Gipfel erreichen – auf der Nordhalbkugel im April und Mai, auf der Südhalbkugel im November und Dezember. Dies ist vor allem bei Männern und älteren Menschen sowie für gewaltsame Suizidmethoden der Fall.

Zwischen schweren Depressionen und Suiziden besteht ein enger Zusammenhang: So gehen 90 Prozent der Selbsttötungen auf psychiatrische Störungen zurück, am häufigsten auf eine Depression. Die Hälfte aller Menschen mit Depressionen begeht mindestens einmal im Leben einen Suizidversuch, und etwa 15 Prozent der schwer Depressiven nehmen sich tatsächlich das Leben.

Eine Reihe von Faktoren wird diskutiert

„Es werden eine Reihe von Faktoren diskutiert, die den Zusammenhang zwischen dem Frühjahr und der Schwere der Depression erklären könnten“, erläutert Gernot Langs, Chefarzt der Schön Klinik Psychosomatik in Bad Bramstedt. „Dazu gehören zum Beispiel biochemische Faktoren, die mit der Erkrankung zusammenhängen, sowie saisonale, genetische und psychosoziale Faktoren. Offenbar kommt im Mai vieles zusammen, was zu einem deutlichen Anstieg der depressiven Symptomatik führen kann und oft auch führt.“

So haben Studien Hinweise darauf ergeben, dass die erhöhte Suizidrate im Frühling mit den höheren Temperaturen oder mit der Zahl der Sonnenstunden zusammenhängen könnte – andere Studien fanden dies jedoch nicht. Auch weitere jahreszeitlich bedingte Faktoren wie die Tageslänge, die Lichtintensität oder die Häufigkeit von Krankheitserregern oder Allergenen könnten zu dem Zusammenhang beitragen.

Darüber hinaus wird angenommen, dass neben der saisonal-affektiven Störung (SAD) in den Herbst- oder Wintermonaten (der typischen „Winterdepression“) auch eine Form der saisonal-affektiven Störung existiert, die vor allem in den Frühjahrs- und Sommermonaten auftritt. Laut der National Alliance on Mental Illness leidet etwa jeder zehnte SAD-Betroffene unter dieser Form der Depression.

Serotonintransporter könnte eine Rolle spielen

Eine aktuelle Untersuchung gibt Hinweise darauf, dass eine veränderte Bindungsfähigkeit des Serotonintransporters (SERT) im Frühjahr und Sommer mit der erhöhten Suizidrate und einer Zunanhme depressiver Symptome zu dieser Jahreszeit zusammenhängen könnte. Bereits in früheren Studien wurde bei Suizidopfern und Überlebenden von Suizidversuchen eine geringere Bindungsfähigkeit von SERT im Stirnhirn festgestellt.

Die Forscher um Georgios D. Makris von der Uppsala Universität in Schweden untersuchten nun, welchen Einfluss der Beginn einer antidepressiven Medikation zu einer bestimmten Jahreszeit auf die Zahl der Suizidversuche hat. Dabei stellten sie fest, dass über 65-jährige Patienten ein höheres Risiko für suizidales Verhalten hatten, wenn sie mit der antidepressiven Medikation im Frühjahr oder Sommer begannen. Bei jungen Patienten (bis 24 Jahre) wurde dieser Effekt nicht gefunden.

Bisher ist bekannt, dass selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) so an den Serotonin-Rezeptoren im Gehirn wirken, dass die antidepressive Wirkung erst verzögert eintritt und es zu Beginn sogar zu einer Verschlechterung kommen kann. Dieser Effekt könnte durch die geringere Bindungsfähigkeit von SERT im Frühjahr noch verstärkt werden, vermuten Makris und sein Team.

„Insgesamt gibt es zu den Zusammenhängen zwischen Schwere der Depression und Jahreszeit viele Vermutungen, aber auch uneinheitliche Ergebnisse“, fasst Langs zusammen. „Letzten Endes weiß man noch nicht genau, welche Faktoren zu der erhöhten Suizidrate im Frühjahr beitragen und warum es vielen Depressiven in dieser Jahreszeit schlechter geht.“ Auf jeden Fall sollte der Beginn einer antidepressiven Medikation nicht von der Jahreszeit abhängig gemacht werden, so der Forscher. Stattdessen sollte die Wirkung der Medikation genau beobachtet werden – etwa, ob es zu einer Antriebssteigerung kommt, sich die Stimmung aber noch nicht verbessert. „Gegebenenfalls kann das SSRI mit einem Benzodiazepin oder einem Basisneuroleptikum ergänzt werden, bis sich die Stimmung aufhellt“, sagt Langs.

Auch von Bedeutung: Enttäuschte Erwartungen

Doch nicht nur biologische, auch psychosoziale Faktoren können bei der Verschlechterung der depressiven Symptomatik im Frühjahr eine wichtige Rolle spielen. „Viele Betroffene haben in dieser Zeit die Erwartung: Wenn die Sonne scheint und die Tage länger werden, muss es mir auch besser gehen“, erläutert Langs. „Und viele Stimmungen verstärken sich im Kontrast: Je höher die Erwartungen sind, desto größer ist dann die Enttäuschung.“

Auch der Vergleich mit anderen Menschen um einen herum könne die Stimmung drücken. „Wenn ein depressiver Mensch beobachtet, dass es den meisten Leuten im Frühjahr gut geht und sie voller Aktivität sind, kann das dazu führen, dass er sich noch schlechter fühlt“, so der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Egal, warum es zu der Verschlechterung kommt: Wenn jemand im Frühjahr auf einmal depressive Symptome erlebt oder sie in dieser Jahreszeit deutlich zunehmen, sollte er einen Arzt oder Psychotherapeuten aufsuchen, betont Langs. Als Behandler sollte man sich wiederum bewusst sein, dass es nicht ungewöhnlich sei, wenn eine Depression sich im Frühjahr verschlechtere.

Für die Patienten sei es hilfreich, die Zusammenhänge zu kennen und ausreichend Informationen über ihre Erkrankung zu erhalten. „Sie sollten wissen, dass es ihnen bei schönem Wetter nicht unbedingt besser gehen wird“, so Langs. „Außerdem sollten sie sich bewusst sein, dass der Wechsel der Jahreszeiten ihren Körper belasten kann. Sie sollten sich Ruhe gönnen und sich ausreichend Zeit für die Umstellung nehmen.“

Nachfragen statt Ratschläge geben

Wichtig sei auch, den Angehörigen zu vermitteln, dass sie sich mit gut gemeinten Kommentaren und Ratschlägen zurückhalten sollten. „Sie sollten Sätze wie ‘Wenn jetzt wieder die Sonne scheint, geht es Dir sicher bald besser’ oder ‘Wie kannst Du bei dem Wetter nur traurig sein?’ vermeiden. Diese üben nur unnötig Druck auf den depressiven Angehörigen aus“, erläutert Langs. „Stattdessen sollten sie ihn fragen, was er braucht bzw. was ihm gut tun würde.“

Letzten Endes müsse es auch nicht jedem Menschen mit einer Depression im Frühjahr schlechter gehen – manche würden vielleicht eher im Sommer oder um die Weihnachtszeit eine kritische Phase erleben. „Wichtig ist deshalb, auf jeden Patienten individuell einzugehen – zu schauen, was er braucht und wie man ihn am besten unterstützen kann“, so Langs.