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Patientinnen mit Mammakarzinom bitten Ärzte immer häufiger um prophylaktische Mastektomien. Wissenschaftlich betrachtet profitieren Betroffene nur selten von dem Eingriff. Welche Rolle spielen Vorbilder aus den Medien?

Brustkrebs bleibt aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge deutschlandweit eine der häufigsten Todesursachen. In anderen Industrienationen sieht die Sache recht ähnlich aus. Rebecca Nash, Wissenschaftlerin an der Emory University in Atlanta, Georgia, berichtet jetzt von gefährlichen Trends: In den USA entscheiden sich Patientinnen mehr und mehr für kontralaterale prophylaktische Mastektomien.

Vorsorglich entfernt

Nash hat im Rahmen einer Kohortenstudie Daten von mehr 1,2 Millionen Frauen mit lokal invasivem Krebs in einer Brust zusammengetragen. Medizinische Aufzeichnungen kamen zwischen 2004 und 2012 aus allen US-Bundesstaaten.

Ein Blick auf die Altersgruppe ab 45 Jahren zeigt: Zu Beginn des untersuchten Zeitraums entfernten Ärzte bei 4.013 von 113.001 Frauen (3,6 Prozent) auf deren Wunsch die zweite Brust. In 2012 waren es 12.890 von 124.231 (10,4 Prozent).

Noch deutlicher fiel das Resultat bei Frauen zwischen 20 und 44 aus. Wählten im Jahr 2012 noch 1.879 von 17.862 Personen (10,5 Prozent) diesen Eingriff, entschieden sich in 2012 genau 5.237 von 15.745 (33,3 Prozent) dafür.

Bei ihrer Auswertung berichtet Nash von mehreren Besonderheiten. Einerseits korrelierte die Zahl an Brustkrebs-Diagnosen nicht mit der Häufigkeit vorsorglicher Mastektomien. Daten des National Cancer Institutes zufolge gab es in letzter Zeit keinen signifikanten Trend bei den Neuerkrankungen. Die Mortalität entwickelte sich sogar rückläufig. Dem gegenüber standen deutlich steigende OP-Zahlen.

Eine Erklärung: das Outing berühmter Personen

 

Professor Dr. Rita Schmutzler, Direktorin des Zentrums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs an der Uniklinik Köln, ist von der Arbeit nicht überrascht. Sie berichtet von ähnlichen Entwicklingen auf Basis kalifornischer Krebsregister. „Der Anstieg geht einher mit einer zunehmenden Kenntnis über mögliche genetische Risikofaktoren für Brustkrebs, die durch das Outing berühmter Personen wie Angelina Jolie vorangetrieben wurden“, sagt Schmutzler. Aufgrund von nachgewiesenen Mutationen im BRCA1-Gen unterzog sich die Schauspielerin einer beidseitigen prophylaktischen Mastektomie und später einer Ovarektomie.

Gene wie BRCA1 und BRCA2 begünstigen das Risiko maligner Erkrankungen in der vermeintlich gesunden Brust. Bei betroffenen Frauen sei „tatsächlich eine kontralaterale Brustdrüsenentfernung unter Berücksichtigung der Prognose des Erstkarzinoms in Erwägung zu ziehen“, ergänzt die Expertin. Humangenetiker führen lediglich fünf bis zehn Prozent aller Fälle auf Hochrisikogene zurück. Weitaus häufiger sprechen sie von multifaktoriellen Ursachen, etwa Spontanmutationen, Infektionen, Umwelteinflüssen oder Strahlung.

Vielleicht haben Wissenschaftler noch nichts gefunden?

Diese Erkenntnis ist bei Laien noch nicht angekommen, wie ein Blick in unterschiedliche Patientenforen zeigt. Viele Frauen nehmen an, dass Zweiterkrankungsrisiken in BRCA1/2-negativen Familien ähnlich hoch sind. DocCheck hat einen Blick in die zahlreichen Patientenforen geworfen. Eine Patientin schreibt: „Vielleicht haben Wissenschaftler einfach nur noch nichts gefunden.“ Sie berichtet von mehreren Fällen in ihrer Verwandtschaft. Und eine andere schreibt: „Für mich ist Angelina Jolie das Vorbild. Die hat’s durchgezogen.“

Schmutzler relativiert mit Verweis auf epidemiologische Daten des Deutschen Konsortiums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs. Dabei zeigte sich, dass BRCA1/2-negative Frauen mit Brustkrebsfällen in der Familie ein deutlich niedrigeres Risiko haben, am kontralateralen Zweitkarzinom zu erkranken als Trägerinnen der BRCA1/2-Mutation. „Die überwiegende Zahl der neuerdings identifizierten Risikogene und Risikoloci vermittelt ein nur wenig bis moderat erhöhtes Risiko“, berichtet die Expertin weiter.

Subjektive Faktoren

Sarah T. Hawley von Ann Arbor Healthcare System ging ebenfalls der Frage nach, warum sich Frauen für eine kontralaterale prophylaktische Mastektomie entscheiden. Zusammen mit Kollegen befragte sie 1.447 Brustkrebs-Patientinnen. Jede fünfte Studienteilnehmerin (18,9 Prozent) zog den Eingriff in Erwägung, und bei 7,6 Prozent kam es zur vorsorglichen Entfernung einer Brust.

Als assoziierte Faktoren für die Entscheidung nennt die Hauptautorin Angst bei Patientinnen, ähnliche Erkrankungen in der Familie unabhängig vom Genotyp und ein hohes Bildungsniveau. Ärztliche Diagnostik, allen voran MRTs oder Gentests, standen ebenfalls mit mehr Eingriffen in Verbindung – unabhängig vom Ergebnis, wohlgemerkt.

  Unklare Datenlage in Deutschland

Bleibt als Frage, ob es bei uns zu ähnlichen Trends gekommen ist, wie sie Rebecca Nash und Sarah T. Hawley für Amerika aufgezeigt haben. „Um vergleichbare Zahlen habe ich mich im vergangenen Jahr bemüht“, erzählt Rita Schmutzler. „Die epidemiologischen Krebsregister dokumentieren diese aber nicht, die klinischen Krebsregister laufen noch nicht ausreichend gut und die Datenerhebung der Deutschen Krebsgesellschaft aus den zertifizierten Zentren lässt dazu auch keine Aussage zu.“

Durch Leitlinien habe man eine „unreflektierte und nicht evidenzbasierte Übertherapie im Ausmaß wie in den USA“ vermieden. Für Deutschland erwartet sie, dass sich die Zahl kontralateraler prophylaktischer Mastektomien in einem medizinisch sinnvollen Rahmen bewegt. Belege dafür gibt es aber nicht.