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Erkältungskrankheiten und die Einnahme nichtsteroidaler Antirheumatika (NSA) gehören zu den Faktoren, die das Risiko eines Herzinfarkts erhöhen. Dieses kann sogar um das 7,2-fache steigen, wenn NSA während eines Atemwegsinfekts eingenommen werden.

Gerade in den Wintermonaten leiden vielen Menschen unter grippalen Infekten mit Erkältungsbeschwerden. Zur Linderung von Gliederschmerzen und allgemeiner Abgeschlagenheit greifen viele zu nichtsteroidale Antirheumatika (NSA), oder bekommen diese Mittel von ihrem Hausarzt verschrieben. Besonders beliebt sind in Deutschland Ibuprofen und Diclofenac. Doch diese Mittel können fatale Folgen haben, wie eine aktuelle Studie aus dem Journal of Infectious Diseases zeigte. Bei der Behandlung von respiratorischen Infekten mit NSA sollten Patienten und Ärzte, die NSA verordnen, in Zukunft vorsichtig sein, da diese Mittel in diesem Behandlungskontext das Risiko für einen Herzinfarkt um ein Vielfaches erhöhen können.

Erstmals untersucht: kumulativer Effekt von NSA und Erkältungen

In einer Beobachtungsstudie haben Wissenschaftler Daten eines Taiwanesischen Gesundheitsprogramms über einen siebenjährigen Zeitraum (2005–2011) analysiert. Die Datensätze beinhalteten auch Informationen zu 9.793 Patienten, die aufgrund eines Herzinfarktes hospitalisiert worden waren. Ziel der Datenanalyse war es, herauszufinden, ob zwei potentielle Risikofaktoren für einen Herzinfarkt – eine akute Atemwegserkrankung und der Gebrauch von NSA – eine kombinierte Wirkung in Bezug auf das Herzinfarktrisiko haben.

Bei Selbstmedikation: Risiko für Herzinfarkt um das 3,4-fache erhöht

Die Wissenschaftler ermittelten das normale Risiko eines jeden Patienten, einen Herzinfarkt zu erleiden und verglichen dieses Risiko mit dem in Zeiten akuter Atemwegserkrankungen und während des Gebrauchs von NSA. Wenn beide Risikofaktoren gemeinsam zutrafen war das Risiko für einen Herzinfarkt deutlich erhöht. Die Einnahme dieser Schmerzmittel während einer akuten Atemwegserkrankung war mit einem 3,4-fach erhöhten Risiko für einen Herzinfarkt verbunden. Eine parenterale Gabe von NSA im Krankenhaus erhöhte das Risiko sogar um das 7,2-fache verglichen mit Zeiten, wenn keiner der beiden Risikofaktoren vorlag.

Während einer akuten Erkältungserkrankung, aber ohne Einnahme von NSA, erhöhte sich das Herzinfarktrisiko der Patienten um das 2,7-fache, unter der Einnahme von NSA ohne akute Erkrankung der Atemwege um das 1,5-fache. Frühere Studien hatten bereits respiratorische Infektionen und eine bestimmte Auswahl an NSA mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko in Verbindung gebracht, zusammen analysiert wurden beide Risikofaktoren allerdings bisher nicht.

Myokardinfarkt der Vorderwandspitze (2) nach Verschluss (1) des vorderen absteigenden Astes (LAD) der linken Kranzarterie (LCA), schematische Darstellung. Credit: CC BY-SA 3.0

Myokardinfarkt der Vorderwandspitze (2) nach Verschluss (1) des vorderen absteigenden Astes (LAD) der linken Kranzarterie (LCA), schematische Darstellung. Credit: CC BY-SA 3.0

Besser keine NSAID während einer Erkältung

„Ärzte sollten im Hinterkopf behalten, dass eine Therapie mit NSA während einer akuten Erkältung das Risiko für einen Herzinfarkt weiter erhöht”, warnt Studienautor Cheng-Chung Fang vom National Taiwan University Hospital. Als Alternative schlägt er Paracetamol vor, obwohl diese Substanz in der Studie nicht getestet wurde.

Als verantwortliche Prozesse haben Wissenschaftler die Biosynthese von proinflammatorischen und prothrombotischen Cytokinen während einer Erkältung im Verdacht. Diese fördert die Ansammlung von Makrophagen in Arterienläsionen. „Außerdem lösen akute respiratorische Infektionen systemische Koagulations- und Gerinnungsprozesse aus, die zu einer Thrombose führen können“ schreiben die Forscher um Fang.

NSA wirken zwar eigentlich entzündungshemmend, die Hemmung der Cyclooxygenase senkt jedoch die Konzentration antithrombotisch wirkenden Prostaglandin I2 ab und kurbelt die Neubildung von Leukotrienen, was zum Verklumpen der Thrombozyten und zu einer Gefäßverengung führt. NSA können über einen veränderten Natrium- und Wasserhaushalt auch den Blutdruck erhöhen und zu Gefäßverschlüssen führen. „Die Einnahme von NSA während einer akuten Atemwegsinfektion fördert das Auftreten eines Herzinfarktes auf mechanistische Art und Weise“, so Fang.

Risiko bleibt über Jahre bestehen

Wie bei anderen retrospektiven, epidemiologischen Studien konnte auch hier ein kausaler Zusammenhang der beobachteten Phänomene nicht belegt werden. Die Ergebnisse reihen sich allerdings gefügig in die bisherigen Erkenntnisse zu den kardiovaskulären Risiken von NSA ein. Eine Studie aus dem Jahr 2012 hatte die Wirkung von NSA auf Patienten untersucht, die bereits einen Herzinfarkt erlitten hatten. Demnach geht der Einsatz von NSA im ersten Jahr nach einem Herzinfarkt mit einem um 59 Prozent erhöhten Sterberisiko einher. Gegenüber Patienten, die keine NSA eingenommen hatten, war das Risiko auf einen erneuten Herzinfarkt um 30 Prozent erhöht.

Auch in den folgenden Jahren nahm das kardiovaskuläre Risiko nicht ab. 5 Jahre nach einem erlittenen Infarkt erhöhte die Einnahme von NSA das Sterberisiko immer noch um 63 Prozent und das Herzinfarktrisiko um 41 Prozent, wobei die Re-Infarkte mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Erstinfarkt seltener auftreten.

Bereits seit Juli 2015 warnt die FDA von Herzinfarkten im Zusammenhang mit der Einnahme von NSA. Im selben Jahr sprach auch die EMA eine Warnung für alle Patienten mit hochdosiertem Ibuprofen aus. Das Risiko gleiche dem von COX-2 Inhibitoren und Diclofenac. Bei akuten Atemwegserkrankungen sollten Ärzte mit ihren Patienten genau abwägen, ob die Einnahme von NSA tatsächlich notwendig ist.

Quellen:

Acute Respiratory Infection and Use of Nonsteroidal Anti-Inflammatory Drugs on Risk of Acute Myocardial Infarction: A Nationwide Case-Crossover Study

Long-Term Cardiovascular Risk of NSAID Use According to Time Passed After First-Time Myocardial Infarction: A Nationwide Cohort Study