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Viele Menschen greifen zu Kalzium-Supplementen, um ihren täglichen Bedarf zu decken. Die Präparate erhöhen laut einer neuen Studie aber das Risiko für atherosklerotische Veränderungen und somit auch für Herzerkrankungen. Besser eignet sich kalziumreiche Ernährung.

 

Etwa ein Kilogramm Kalzium befindet sich im menschlichen Körper. Ungefähr 99 Prozent davon sind im Knochen als Hydroxylapatit (Ca5[PO4]3OH) gebunden. Daneben ist der Mineralstoff an der Reizweiterleitung in Nervenzellen, an der Blutgerinnung sowie an der Muskelkontraktion beteiligt. Wie viel Kalzium der Körper benötigt, hängt hauptsächlich von dem Bedarf des Knochenstoffwechsels ab. In der Regel liegt dieser zwischen 800 und 1200 mg pro Tag. In der Schwangerschaft und Stillzeit sowie nach der Menopause kann er aber schon mal 1500 mg täglich betragen. Diesen Bedarf kann man entweder mit einer kalziumreichen Ernährung oder über spezielle Supplemente decken. Laut den Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft steigt mit zunehmenden Alter auch die Anzahl der Männer und Frauen an, die Kalzium in Form von Tabletten zuführen. So sollen in der Gruppe der 65- bis 80-Jährigen etwa 21% der Männer und 30% der Frauen Kalzium-Präparate schlucken.

Frühere Forschungsergebnisse

Zweifel an der positiven Wirkung der Kalzium-Präparate wurden erstmals im Jahr 2010 publik. Eine Arbeitsgruppe um Ian Reid von der neuseeländischen University of Auckland hatte damals elf Studien mit insgesamt 12.000 Patienten ausgewertet. Ihr Fazit: Kalzium-Supplemente sollen das Herzinfarktrisiko um 30 Prozent erhöhen – und das unabhängig von Geschlecht, Alter und der Art des Präparats. Wenn also 1.000 Menschen aufgrund einer Osteoporoseerkrankung fünf Jahre lang Kalzium in Form von Tabletten zu sich nehmen, kann dies statistisch zwar 26 Knochenbrüche verhindern, jedoch erleiden 14 Teilnehmer mehr einen Herzinfarkt, 10 mehr einen Schlaganfall und 13 Menschen versterben mehr als in der Gruppe, in der die Menschen kein Kalzium eingenommen hatten. Problematisch bei dieser Auswertung war allerdings, dass bei den untersuchten Studien eigentlich Faktoren wie Knochendichte und Bruchrate untersucht worden waren. Herzinfarkte dagegen hatten die Autoren nur als Nebenwirkung erfasst.

Auch andere Forscher widmeten sich dem Thema Kalzium. US-Forscher aus Bethesda (Maryland) beispielsweise werteten im Jahr 2013 in einer prospektiven Kohortenstudie Daten von 388.000 US-Amerikanern aus. Laut dieser waren in der Kalzium-Supplementations-Gruppe nach 12 Jahren 20 Prozent mehr Männer verstorben als in der Kontrollgruppe. Keinen Zusammenhang zwischen Dosis und Todesfälle aufgrund kardiovaskulärer Ereignisse fanden die Wissenschaftler, wenn das Kalzium nur über die Nahrung aufgenommen wurde. Grund hierfür sei, dass der dauerhaft hohe Kalziumspiegel eine Ablagerung von Kalziumphosphat in den Gefäßen fördere, so die Vermutung der Wissenschaftler. Andere Studien wiederum fanden keine Hinweise dafür, dass das Risiko atherosklerotischer Erkrankungen durch Kalzium-Tabletten erhöht wird.

Daten mittels Fragebogen und Computertomografie

Studienautorin Dr. Erin Michos. Mit freundlicher Genehmigung der John Hopkins Medicine

Die Gruppe um Erin Michos von der John-Hopkins-Universität untersuchte nun, wie sich Kalzium-Präparate auf die Bildung von Plaques auswirken. Die Daten erhielten sie aus der multiethnischen Atherosklerose-Studie, einem langjähriges Forschungsprojekt mit über 6.000 Teilnehmern, bei der unter anderem auch die John-Hopkins-Universität beteiligt gewesen war. Finanziert wurde die Studie von dem National Heart, Lung, and Blood Institute und gefördert von dem National Center for Research Resources und dem National Institute of Neurological Disorders and Stroke.

Von den 6.000 Teilnehmern hatten etwa 2.700 Personen zu Studiengebginn im Jahr 2000 Fragen zu ihren Ernährungsgewohnheiten beantwortet und angegeben, ob und welche Medikamente sie einnahmen. Zudem waren die Kalziumablagerungen in den Koronararterien am Anfang und am Ende der Studie (nach zehn Jahren) gemessen worden. Grund hierfür ist, dass Kalziumsalze wie Kalziumkarbonat ins Gewebe eingelagert werden können. Die Einlagerung in Knochen oder Zähne beispielsweise ist ein physiologischer Vorgang. Wird der Mineralstoff jedoch in Gefäße eingelagert, können sich atherosklerotische Plaques bilden. Erkrankungen wie Herzinfarkt oder plötzlicher Herztod sind die Folge.

Hinweis auf erhöhtes Risiko für Plaques durch Kalzium-Präparate

Je nachdem, wie viel Kalzium die Teilnehmer täglich über die Nahrung oder in Form von Tabletten zu sich nahmen, wurden die Teilnehmer einer von fünf Gruppen zugeteilt. Für ihre Auswertung berücksichtigte die Gruppe um Erin Michos auch demografische (unter anderem Alter, Geschlecht, Rasse) und Lifestyle-Faktoren, die das Risiko von Herzerkrankungen erhöhten (unter anderem Blutdruck, Blutzucker, Raucher, Gewicht). Anschließend verglichen sie die Teilnehmergruppe mit der höchsten Kalziumeinnahme (mehr als 1400 mg täglich) mit der, die am wenigsten dieses Mineralstoffes zu sich nahmen (weniger als 400 mg pro Tag).

Durchschnittlich nahmen die Teilnehmer der kalziumreichen Gruppe etwa 2100 mg und die der kalziumarmen Gruppe etwa 300 mg des Mineralstoffs zu sich. Laut den Autoren war das Risiko verkalkter Koronararterien bei den Teilnehmern, die mehr als 1400 mg Kalzium zu sich nahmen, um durchschnittlich 27 Prozent niedriger. Somit sei auch das Risiko für Herzerkrankungen um 27 Prozent unwahrscheinlicher.

 

Grünes Gemüse wie beispielsweise Brokkoli, Hasel- und Paranüsse sowie Milchprodukte enthalten viel Kalzium und sollen laut der Studie das Herz schützen © //www.flickr.com/photos/134465805@N06/24723322860/in/photolist-DEHuxf-dXxW3w-dcQ3Dj-9W6fNU-bf1dST-9etZdD-5EBLKY-ftbZ6W-bBPMMH-cJ32a7-boUShQ-boUSfN-bDfjmV-4ed3kx-boUSku-QSRFN-dcPYeP-7AJcm7-hyqtNk-9ZLQEs-6ZQUGr-6ZQUXg-7AJddQ-vzf1W5-6PKr1H-6PKrza-6PKrgV-E5v9RY-FQDTuR-6PKrPT-6PKrpk-6PKr78-7in6Cs-brZcvL-6ZQVbp-6ZQVoX-jGy74Z-mSLmaV-34nkQF-7RntpQ-bWz6AR-7bPaoL-7RjcRn-4oeu22-7bKmS2-7bPaDj-7Rnt1h-s4Xxfw-7iiaVt-7in5fY" target="_blank">Anka Albrecht, flickr

Im nächsten Schritt berücksichtigten die Wissenschaftler, wie das Kalzium zugeführt worden war: über die Nahrung oder in Form von Tabletten. Insgesamt nahmen 46 Prozent der Studienteilnehmer Kalzium-Präparate ein. Wieder berücksichtigten die Wissenschaftler bei ihrer Auswertung sowohl demografische als auch Lifestyle-Faktoren.

Das Ergebnis: Die Menschen der Supplementations-Gruppe hatten ein um 22 Prozent höheres Risiko für Kalziumeinlagerungen in den Koronararterien. Bei den Teilnehmer, die sich kalziumreich ernährten (über 1000 mg pro Tag), konnten die Forscher das niedrigste Risiko für die Entwicklung von Herzkrankheiten nachweisen. Laut dem Ko-Autor Anderson von der Universität North Carolina würden diese Ergebnisse zeigen, dass der menschliche Körper auf ein Supplement anders reagiere als auf den „natürlichen“ Mineralstoff und dieses auch unterschiedlich verwende. Die Wissenschaftler äußerten die Vermutung, dass das Kalziumsalz in den Supplementen der Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse sei. Möglich wäre aber auch, dass durch die Einnahme von Tabletten dem Körper eine große Menge des Mineralstoffs auf einmal zugeführt würde.

Limitationen der Studie

„Basierend auf den Ergebnissen können wir unseren Patienten mitteilen, dass eine herzgesunde Diät mit kalziumreichen Lebensmitteln nicht schädlich zu sein scheint; sie könnte sogar das Herz schützen. Jedoch sollten Patienten vor einer geplanten Kalziumeinnahme unbedingt mit ihrem Arzt sprechen, ob sie diese überhaupt benötigen und welche Dosierung die richtige ist,“ so das Fazit der Studienautorin Erin Michos.

Anzumerken ist, dass Studien, bei denen die Teilnehmer nur zu Beginn und zu Ende befragt sowie zweimal computertomografisch untersucht werden, nicht sonderlich exakt sind. Zudem bleibt unklar, wie Kalzium-Präparate die Plaquebildung fördern. Denn der Kalzifikation liegen nämlich andere Prozesse zugrunde, die schließlich zu einer Einlagerung des Mineralstoffes in die Gefäße führen – und das auch, wenn die Kalziumkonzentration im Blut normale Werte aufweist. Die gefundenen Zusammenhänge stellen daher lediglich Assoziationen dar. Der Mechanismus müsste erst noch bewiesen werden.

 

Artikel von Silke Kerscher-Hack