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Weltweite Gesundheitsstudie: Die Leiden der Menschheit

Eine beispiellose Studie zur Weltgesundheit zeigt: Acht Krankheiten setzen den Menschen besonders zu, darunter Migräne und eine tückische Wurminfektion. Doch die Analyse macht auch Hoffnung.

 

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Fadenwurm beim Schlüpfen
SPL

Fadenwurm beim Schlüpfen

 
 

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wie gesund sind wir? Seit 1990 sammeln Forscher für die Global Burden of Disease Study Daten über das Wohlergehen der Menschen, über ihre Krankheiten und ihren Tod. Allein an der aktuellsten Auflage, den Auswertungen für 2015, arbeiteten mehr als 1800 Wissenschaftler. Ihre Statistiken zeigen, wie die Medizin weltweit fortschreitet - und welche Krankheiten die Menschen heute am meisten plagen.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

1. Nichts übertrifft eine Erkältung

Die Nase läuft, der Hals kratzt und alles hört sich dumpf an: Diese Beschwerden kennen Asiaten genauso wie Europäer, Afrikaner, Australier oder Amerikaner. 17,2 Milliarden Infektionen der oberen Atemwege zählten die Experten 2015 - damit traf es jeden der schätzungsweise 7,35 Milliarden Bewohner auf der Erde im Schnitt mehr als zwei Mal. Keine Krankheit ist häufiger.

Wer hat's bezahlt?
Alle Studien wurden von der Bill and Melinda Gates Foundation finanziert.

2. Acht chronische Krankheiten quälen jeweils mehr als zehn Prozent der Menschheit

Neben den akuten Leiden analysierten die Forscher auch, welche Krankheiten die Menschen über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten begleiten. Acht chronische Krankheiten plagen demnach jeweils mehr als zehn Prozent aller Menschen auf der Erde.

Chronische Krankheiten und die Zahl der Betroffenen 2015

1. Karies in den bleibenden Zähnen 2,3 Milliarden
2. Spannungs-Kopfschmerzen 1,5 Milliarden
3. Blutarmut durch Eisenmangel 1,47 Milliarden
4. Hörschäden 1,2 Milliarden
5. Migräne 959 Millionen
6. Genitalherpes 846 Millionen
7. Sehprobleme 819 Millionen
8. Infektion mit Spulwürmern 762 Millionen

Quelle: The Lancet, GBD 2015

Fast alle der Beschwerden sind auch Europäern gut bekannt - bis auf die Spulwürmer, sogenannte Ascariasis. Die Parasiten kommen vor allem in den Tropen und Subtropen vor. Wer sie in seinem Darm trägt, scheidet ihre Eier über den Stuhl aus und kann die Würmer weitergeben.

Parasitärer Wurm Ascaris lumbricoides
imago/ Science Photo Library

Parasitärer Wurm Ascaris lumbricoides

Eine Infektion bleibt zwar oft unbemerkt. In manchen Fällen blockieren die Parasiten jedoch den Darm und können etwa zu Wachstumsstörungen bei Kindern führen. Das müsste nicht sein: Einmal entdeckt, lassen sich die Würmer mit Medikamenten gut bekämpfen.

3. Die Menschen leben heute zehn Jahre länger als noch 1980

Die Medizin hat viele Krankheiten immer besser im Griff, die Folgen lassen sich an der Lebenserwartung ablesen. Seit 1980 haben die Menschen weltweit im Schnitt mehr als ein Jahrzehnt Lebenszeit gewonnen, berichten die Wissenschaftler. Bei den Männern stieg die Lebenserwartung in diesem Zeitraum von 59,6 auf 69 Jahre, bei den Frauen von 63,7 auf 74,8 Jahre.

Trotzdem sind die Unterschiede zwischen den Regionen noch immer riesig: Ein 2015 in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara geborener Junge etwa kann im Durchschnitt auf ein Alter von 60 Jahren hoffen, ein Mädchen auf 63,6. In Westeuropa hingegen rechnen die Forscher bei Jungen mit 79 Jahren, bei Mädchen mit 84.

 

4. Ansteckende Krankheiten verlieren an Gefahr

Zurückzuführen ist die weltweit steigende Lebenserwartung vor allem auf eine bessere Kontrolle von Infektionskrankheiten. So starben in den vergangenen zehn Jahren deutlich weniger Menschen infolge einer HIV-Infektion, an Malaria oder schweren Durchfallerkrankungen. Stattdessen ließen sich 2015 70 Prozent der Todesfälle auf nicht ansteckende Erkrankungen zurückführen, etwa Herzerkrankungen, Schlaganfälle oder Diabetes, Nierenkrankheiten und Demenz.


6. Länger leben heißt häufig länger leiden

Die hohe Lebenserwartung hat allerdings auch ihre Schattenseiten. Die Menschen verbringen einen immer längeren Teil ihres Lebens krank:

  • Von den 75 Lebensjahren, die ein 2015 geborenes Mädchen im Weltdurchschnitt vor sich hat, wird es wahrscheinlich 65 Jahre gesund sein - und zehn Jahre krank.
  • Bei den Männern sieht es zumindest in dieser Hinsicht etwas besser aus. Sie können im weltweiten Durchschnitt ein 69 Jahre langes Leben erwarten, mit 61 gesunden und acht kranken Jahren.

Auch in Deutschland steigt mit der Lebenserwartung die Zahl der Krankheitsjahre:

  • 2015 geborene Mädchen sollen demnach im Schnitt 83 Jahre alt werden. Laut den Forschern werden sie davon 72 Jahre gesund sein und elf Jahre krank.
  • Bei den Männern sagen die Forscher bei 78 Lebensjahren 69 gesunde voraus, neun aber mit einer Krankheit.

Rangliste der häufigsten Ursachen für Krankheitsjahre im Jahr 2015

1. Koronare Herzerkrankung und Herzinfarkte
2. Durchblutungsstörungen des Gehirns
3. Atemwegsinfektionen
4. Schmerzen im unteren Rücken und Nacken
5. Frühgeburt
6. Durchfallerkrankungen
7. Erkrankungen der Sinnesorgane
8. Erkrankungen des Gehirns bei Neugeborenen
9. Verkehrsunfälle
10. HIV/Aids

Quelle: The Lancet, GBD 2015


In 24 Ländern jedoch stieg die Müttersterblichkeit zwischen 2000 und 2015 an, darunter waren neben Konfliktregionen wie Afghanistan und Palästina auch die USA. Den Daten zufolge starben in den Vereinigten Staaten 1990 17 Frauen pro 100.000 Lebendgeburten, bis zum Jahr 2015 erhöhte sich die Zahl auf 26 Frauen pro 100.000 Lebendgeburten. Zum Vergleich: In allen Ländern Zentraleuropas liegt der Wert unter 15.

Die Entwicklung lässt sich zwar zum Teil durch bessere Erfassungsmethoden erklären. Die USA schnitten jedoch auch bei mehreren anderen Analysen - darunter die der Lebenserwartung - deutlich schlechter ab als etwa Westeuropa. Das Land bleibe im Hinblick auf die Gesundheit der Bewohner hinter seinen Möglichkeiten zurück, so das Fazit der Forscher (mehr dazu lesen Sie hier).

In Deutschland starben 1990 im Schnitt 20 Frauen pro 100.000 Geburten, 2015 waren es nur noch neun.

8. Die Bewohner in Industriestaaten haben ihre Gesundheit oft selbst in der Hand - anders als die Menschen in Entwicklungsländern

Zu wenig Obst und Gemüse, zu viel Salz: Eine falsche Ernährung ist mittlerweile für mehr als zehn Prozent der schlechten Gesundheit verantwortlich, schreiben die Forscher. Seit 1990 haben demnach die Folgen eines zu hohen BMI und hoher Blutzuckerwerte deutlich zugenommen, wie auch die Folgen von Drogenmissbrauch.

Viele Menschen scheinen ihre Gesundheit zumindest ein Stück weit selbst in der Hand zu haben. Das gilt jedoch vor allem für die Industrienationen, wie ein Vergleich der größten Gefahren in Deutschland und Ländern südlich der Sahara zeigt:

Die zehn größten Gesundheitsgefahren in Deutschland 2015

1. Hoher Blutdruck
2. Rauchen
3. Zu hoher BMI
4. Hohe Blutzuckerwerte
5. Hohe Blutfettwerte
6. Alkoholmissbrauch
7. schlechte Nierenfunktion
8. Zu wenig Obst
9. Feinstaub
10. Zu wenig Gemüse

Quelle: The Lancet, GBD 2015

Die zehn größten Gesundheitsgefahren in Afrika südlich der Sahara 2015

1. Unterernährung in der Kindheit
2. Ungeschützter Sex
3. Unsicheres Wasser
4. Luftverschmutzung im Haushalt
5. Unsichere sanitäre Anlagen
6. Unsicheres Händewaschen
7. Suboptimales Stillen
8. Hoher Blutdruck
9. Feinstaub
10. Eisenmangel

Quelle: The Lancet, GBD 2015

Immerhin konnten die Forscher auch hier Fortschritte dokumentieren: Zwar kostete der Mangel an sauberen Toiletten und Trinkwasser 2015 noch 808.000 Menschen das Leben. Es waren jedoch immerhin rund 306.000 weniger Menschen als noch zehn Jahre zuvor.


Zusammengefasst: Die Medizin hat es geschafft, die Gesundheit der Menschheit in den vergangenen 25 Jahren deutlich zu verbessern. Immer mehr Kinder erleben ihren fünften Geburtstag, die Lebenserwartung steigt. Zu verdanken ist dies vor allem der Therapie von Infektionskrankheiten. Dafür bereiten nicht ansteckende Krankheiten wie Schlaganfall, Nierenleiden oder Diabetes immer größere Probleme.